Pascal Jenny: «Zum Glück empfängt einen auch noch Roger Federer»

31.1.2019 - 13:45, Bruno Bötschi, Arosa

Pascal Jenny über seine Arbeitswut: «Ich gehe nur in die Ferien, wenn ich täglich mindestens vier Stunden am Computer arbeiten darf, zwei Stunden am Morgen und zwei am Abend. Das weiss meine Frau.»
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Pascal Jenny, Tourismusdirektor von Arosa, sagt, warum er in den Ferien immer arbeitet, erzählt, was der Bündner Skiort besser als andere Destinationen macht und erklärt, weshalb er nicht als Nationalrat kandidiert.

Wieder einmal ein richtiger Winter – der Schnee türmt sich in Arosa meterhoch. Der Journalist trifft den Tourismusdirektor nach einem wunderbaren Tag auf der Piste. 30 Minuten Interview. 30 Minuten Gespräch mit dem wohl umtriebigsten Touristiker der Schweiz.

Fast immer, wenn es eines Beispiels bedarf, wer der beste Tourismusmann hierzulande ist, fällt irgendwann Jennys Name. Dass der geborene Aargauer so umtriebig agiert, hat viel mit seiner Vergangenheit zu tun. Er war Captain der Schweizer Handball-Nati, danach Geschäftsführer und Mitbegründer des Schweizer Sportfernsehens.

Herr Jenny, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen – und Sie antworten möglichst schnell und spontan. Passt Ihnen eine Frage nicht, sagen Sie einfach «weiter».

Ich habe schon Interviews von Ihnen gelesen. Ich weiss also, dass ich mich auf einiges gefasst machen muss.

Arosa oder Lenzerheide?

Arosa.

Zum wach werden: Kalte Dusche oder Espresso?

Ein Espresso, am liebsten ein doppelter.

Kur- oder Tourismusdirektor?

Ich mag die Bezeichnung Kurdirektor, sie tönt charmant.

Ein Vorurteil lautet: Als Kurdirektor sitzt man tagsüber auf der Sonnenterrasse, stösst mit Gästen an und geht dann direkt in den Apéro – wahr oder nicht?

Nicht mehr wahr. Wir haben jetzt Mitte Januar und ich trinke heute mit Ihnen das allererste Glas Weisswein in dieser Wintersaison. Seit ich den Job als Tourismusdirektor innehabe, trinke ich viel weniger als früher. Einerseits kann ich mit Alkohol im Kopf nicht richtig arbeiten und andererseits käme ich, mit zwei, drei Gläsern intus, nur schlecht weg von einem Apéro. Und es gibt, das ist kein Geheimnis, nach wie vor sehr viele Apéros.

Welche Apéros besuchen Sie am liebsten?

Man versucht, über die Zeit möglichst alle irgendwann einmal zu berücksichtigen – und weil ich nun schon mehr als elf Jahre in Arosa tätig bin, ist mir das auch gelungen.

Ihr Ururgrossvater August war der erste Kurdirektor von Arosa. Wie war das damals mit den Apéros?

Mein Ururgrossvater kam als Pfarrer nach Arosa. Kurdirektor wurde er, weil sich die Dorfbewohner nicht darauf einigen konnten, wer das Amt übernehmen soll. Ich nehme stark an, er hat nach der Predigt hin und wieder ein Glas getrunken.

Ihr Ururgrossvater arbeitete gleichzeitig als Pfarrer und Kurdirektor?

Im ersten Jahr ja, danach nur noch als Kurdirektor.

Wie stolz sind Sie, dass Sie Ihrem Ururgrossvater jobmässig nachfolgen konnten?

Als ich für den Job angefragt wurde, erzählte mir mein Grossvater, dass mein Ururgrossvater einst Kurdirektor war. Danach war klar: Diesen Job möchte ich unbedingt machen. Ich bin extrem glücklich, einer der Nachfolger meines Ururgrossvaters sein zu dürfen.

Pascal Jenny über die Politik: «Schon nach einigen wenigen Gesprächen war für mich klar: Die Sache ist gegessen, ich werde nicht als Nationalrat kandidieren.»
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Die riskanteste, die mutigste Entscheidung in Ihrem Leben?

Das war wahrscheinlich 2006, als ich mich entschied, mit dem Profi-Handballsport aufzuhören. Ich hätte unglaublich gerne weitergespielt, aber ich dachte, ich müsse ins sogenannt normale Berufsleben wechseln, weil ich sonst den Anschluss verpassen würde.

Ihr allererstes Ferienerlebnis?

In Arosa. Es hatte sehr viel Schnee und wir Kinder bauten eine Bobbahn. Dann liessen wir einen roten Plastikbob mit Schweizer Kreuz hinunterfahren und zählten die Sekunden, wie lange es dauert, bis er unten ankommt.

Wo waren Sie zuletzt in den Ferien?

Das letzte Mal in den Ferien waren wir … ach, da muss ich überlegen. Ich gehe eben nicht so gerne in die Ferien. Den letzten Ferientag erlebte ich mit der Familie in Arosa, über Weihnachten/Neujahr waren wir alle zusammen einen Tag lang Skifahren. Und im Frühling 2018 waren wir eine Woche in Italien in den Ferien.

Wo?

Ähmmm … am Comer See.

Wo machen Sie am liebsten Ferien?

In Arosa natürlich.

Das waren alles profunde, unterhaltsame Fragen und Antworten. Aber wir brauchen jetzt mehr Power. Mal hören, was Jenny zu den folgenden Fragen zu sagen hat.

Ihre Arbeitswut ist legendär. Behauptet wird, Sie würden auch während der Ferien meistens arbeiten.

Ich gehe nur in die Ferien, wenn ich täglich mindestens vier Stunden am Computer arbeiten darf, zwei Stunden am Morgen und zwei am Abend. Das weiss meine Frau.

Sie verkaufen Ferien – machen selber aber keine richtigen.

Ich verbinde fast alle meine Reisen, ausser wenn ich mit der Familie unterwegs bin, mit beruflichen Aspekten. Das bringt mein Job mit sich. Kürzlich habe ich zusammen mit einem Kollegen die Sellaronda abgefahren. Man sagt, die Umrundung des Sella-Massivs in den italienischen Dolomiten auf Skiern und mit Skiliften sei das Skierlebnis in den Alpen überhaupt. Und ich muss zugeben, es ist wirklich sehr gut gemacht.

Warum überhaupt zur Arbeit gehen?

Arbeit ist für mich ein wichtiger Lebensinhalt, aber sie ist gleichzeitig auch mein Hobby.

Wie viele Projekte laufen bei Ihnen im Moment parallel?

Ich mag es, wenn möglichst viele Projekte nebeneinander laufen. Das kommt wahrscheinlich noch aus meiner Zeit als Handballer. Während meines allerersten Handballtrainings beim TV Suhr, ich war damals 12, sagte der Trainer: «Bevor du einen Handball in die Hand nimmst, musst du mit drei Bällen jonglieren können.» Das Jonglieren begleitet mich seither durch mein Leben. Im Moment sind es wahrscheinlich fünf oder sechs Projekte, die nebeneinander laufen.

Ihr ulkigster Nebenjob?

Beim «Swiss Snow Walk & Run» Anfang Januar in Arosa hatte ich einen Auftritt im Bärenkostüm. Ich gab den Startschuss. Das Schöne dabei: Keiner wusste, dass ich im Kostüm stecke, ausser die Mitarbeiter von Arosa Tourismus.

Ihre konzentrierteste Tageszeit?

Ganz früh am Morgen – wenn ich allein im Büro bin.

Wann schlafen Sie eigentlich? Es kann passieren, dass man morgens um halb drei noch eine E-Mail von Ihnen bekommt – und die nächste um halb sieben.

Welcher Informant behauptet das? Als ich 2006 mit dem Handballsport aufgehört habe, war mir eine Zeit lang, als bräuchte ich gar keinen Schlaf. Ich spürte damals eine extreme Energie in mir. Mehr als fünf Stunden schlafe ich auch heute selten. Ich muss jedoch zugeben, in den letzten zwei, drei Jahren merke auch ich, je älter ich werde, desto mehr Schlaf benötige ich.

Sie spüren mit 44 also auch langsam das Alter?

Ja. Früher hat es mich nicht gestört, am Morgen von Arosa nach Zürich zu fahren und abends wieder heim. Wenn ich das heute machen muss, habe ich abends das Gefühl, total platt zu sein.

Zwischenstand: Das ist bisher ein durchaus gelungener Auftritt. Natürlich, es nervt ein klein wenig, wie er praktisch in jeder Antwort versucht, Arosa unterzubringen.

Was rät Ihr Psychotherapeut?

Sie meinen meine Frau? Die lässt mich machen, weil sie weiss, dass ich am angenehmsten und am leichtesten auszuhalten bin, wenn ich meiner Arbeit nachgehen darf.

Wie viele Abende pro Woche verbringen Sie in der Wintersaison daheim bei Ihrer Familie?

Ein- bis zwei Abende im Durchschnitt – ich versuche zudem regelmässig, wenn ich an einem Apéro bin, bereits um 20 Uhr nach Hause zu kommen und nicht erst um 22 oder 23 Uhr. So haben meine Frau und ich noch ein, zwei Stunden für uns allein. Zudem habe ich einen Vorteil: Wenn ich in Arosa arbeite, bin ich über Mittag immer daheim.

Nehmen Sie Ihre Frau hin und wieder mit an die Apéros?

Meine Frau kommt nicht gern mit. Ich verstehe das bis zu einem gewissen Grad, finde es gleichzeitig aber auch schade. Ich hätte meine Frau gern mehr dabei.

Pascal Jenny über das Geniessen: «Dann gehe ich zwei, drei Stunden Skifahren – und damit mich niemand erkennt, ziehe ich unter dem Helm eine Roger-Staub-Kappe an.»
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Sie leiten seit mehr als zehn Jahren das Tourismusgeschäft von Arosa. Wie oft schon überlegt, den Job zu wechseln oder ihn gar hinzuschmeissen?

Unzählige Male.

Vor zwei Jahren soll Ihnen der Posten als Direktor von Schweiz Tourismus angeboten worden sein. Sie nahmen nicht an. Warum?

Dieses Amt ist mir zu politisch. Als Direktor von Schweiz Tourismus ist man mehr in der Wandelhalle des Bundeshauses unterwegs statt am Puls der Gäste zu sein.

Träumen Sie nachts von Arosa?

Ja. Vor anderthalb Jahren bekam ich ein Jobangebot, als die Tourismusorganisation «Bern Welcome» neu organisiert wurde. Ich gebe zu, einen Moment lang überlegte ich, zu wechseln. Danach habe ich intensiv von Arosa geträumt – von den Bergen, von all den Projekten, die gerade am Laufen waren. In diesen Nächten wurde mir klar, es ist nicht die Zeit, um wegzugehen.

Wenn Sie doch einmal die Arbeit vergessen und das Leben geniessen wollen: Was tun Sie dann?

Dann gehe ich zwei, drei Stunden Skifahren – und damit mich niemand erkennt, ziehe ich unter dem Helm eine Roger-Staub-Kappe an.

Sie sollen ein ganz passabler Golfspieler sein. Wahr oder nicht?

Golf spielen kann ich nicht so gut.

Ihr Handicap?

Platzreife.

Ist es wirklich wahr, dass die Idee, die beiden Skigebiete Lenzerheide und Arosa zusammenzuschliessen, schon 40 Jahre alt ist?

Das stimmt. Die beiden Gemeindepräsidenten schrieben sich damals einen Brief, ob man dieses Anliegen nicht prüfen solle. Die Idee, die Lenzerheide und Arosa zu verbinden, ist aber eigentlich noch viel älter: Schon vor über 100 Jahren, als die Rhätische Bahn gebaut wurde, überlegte man, Lenzerheide und Arosa mit einer Bahn über den Berg zu verbinden. In dieses Projekt war übrigens auch mein Ururgrossvater involviert.

Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» zählt Sie aufgrund Ihrer touristischen Innovations- und Umsetzungsstärke zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Schweizer Wirtschaft.

Eine masslose Übertreibung. Ich durfte in den letzten Jahren ein paar innovative Projekte anstossen, aber es gibt in unserem Land ganz viele Menschen, die viel mehr umgesetzt haben als ich im beschaulichen Arosa.

2017 sagten Sie in einem Interview: «In der Sprache des Sports würde man sagen: Ich bin im letzten Drittel meines Jobs. Aber wenn ich das sage, bekomme ich gerade Bauchweh. Weil ich unglaublich gern in Arosa bin. Und mir irgendwie ein echter Grund fehlt, wegzugehen. Ich kann’s nicht beantworten, es ist schwierig.» Dauert das letzte Drittel noch an oder sind Sie bereits in der Verlängerung?

Ich habe immer noch Bauchweh.

Kürzlich kündigten Sie in einer Medienmitteilung an, Sie wollten in die Politik einsteigen und liebäugelten mit einer Nationalrats-Kandidatur.

Vor der Auflösung unserer Tourismuspartei hatten wir mehrere Parteien informiert, dass wir nicht weitermachen wollen. Danach bekam ich zwei konkrete Anfragen, ob ein Parteiwechsel in Frage käme, schliesslich fänden heuer Nationalratswahlen statt. Ich versprach den beiden Parteien, mir eine mögliche Kandidatur bis Ende Januar zu überlegen. Aber schon nach einigen wenigen Gesprächen war für mich klar: Die Sache ist gegessen, ich werde nicht kandidieren.

Irgendwie schade, dass es Jenny mit Bern nicht versuchen will. Es gibt viel zu wenig bunte Hunde in der Wandelhalle des Bundeshauses.

Von welchen zwei Parteien wurden Sie konkret angefragt?

Weiter.

Was macht Arosa besser als andere Schweizer Ferienorte?

Die Medienarbeit machen wir viel, viel besser.

Und wo hat Arosa Nachholbedarf?

Bei der Erreichbarkeit.

Wo ist Arosa am meisten Arosa?

Im Winter, mit dem Dorf direkt im Skigebiet: Das ist Arosa für mich.

Heute Mittag haben meine Freunde und ich auf der Piste die Skihütte Alpenblick gesucht. Wir wollten dann auf Google-Maps nachschauen, fanden die Beiz aber erst im zweiten Anlauf. Der Grund dafür: Auf Google-Maps sind keine Ski- und Wandergebiete eingezeichnet. Wieso eigentlich nicht?

Sie haben recht, die findet man auf Google wirklich nicht. Ich werde morgen sofort abklären, was wir da machen können.

Und wenn die Idee umgesetzt wird, habe ich das Copyright.

Okay.

Pascal Jenny (rechts aussen) über seine Tourimusideen: «Als ich mit dem ersten verrückten Projekt vorstellig wurde, der Schnee-Fussballweltmeisterschaft, dachte wahrscheinlich manch einer in Arosa, jetzt spinnt der Jenny.»
Bild: Keystone

Wie lange hat es eigentlich gedauert bis Sie, der Mann aus dem Aargau, von den Menschen im Schanfigg richtig ernst genommen wurden?

Das müssten Sie die Menschen im Schanfigg fragen. Durch die Geschichte meiner Familie hatte ich das Gefühl, dass ich von Anfang an nicht allzu viel Gegenwind zu spüren bekam. Der kam erst auf, als ich mit dem ersten verrückten Projekt vorstellig wurde, der Schnee-Fussballweltmeisterschaft. Damals dachte wahrscheinlich manch einer, jetzt spinnt der Jenny. Gegipfelt hat es mit dem 2018 eröffneten Bärenland, da haben mich anfänglich viele Aroserinnen und Aroser belächelt.

Der ehemalige serbische Zirkusbär Napa ist zurzeit der einzige Bewohner im Bärenland Arosa. In wenigen Tagen wird er aber zwei Gspänli bekommen. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten will zwei der letzten albanischen Restaurantbären retten. Vergangenen Dienstag gaben die Tierretter bekannt, dass die beiden namenlosen, rund 13-jährigen Braunbären bereits auf dem Weg nach Arosa sind.

Können Sie Ihre Philosophie als Touristiker in zwei, drei Sätzen erklären?

Ich entwickle gern verrückte Sachen, die fundiert sind und nachhaltig zu einer Destination passen.

So grundsätzlich: Was lieben Sie am Ferienland Schweiz?

Die Vielfalt, die Einfachheit und die Mystik der Berge. Ich bin gern in den Bergen unterwegs – und zwar nicht nur im Schanfigg.

Am Flughafen Zürich empfängt Schweiz Tourismus die Passagiere  mit Kuhgeräuschen, Alpenfeeling und Jodeln. Hat die Schweiz nicht mehr zu bieten als solche Klischees?

Zum Glück empfängt einen kurz danach auch noch Roger Federer. Ernsthaft: Die Schweiz hat sehr viel mehr zu bieten. Unser ganz grosses Plus ist die Qualität der Infrastruktur. Bin ich im Ausland unterwegs, merke ich jedes Mal wieder von Neuem, dass eine derart hohe Qualität kaum irgendwo anzutreffen ist. Und was die Schweiz auch noch zu bieten hat: das beste Brot der Welt.

Die Schweiz hat ein Problem: Sie ist wunderschön, aber schrecklich teuer.

Es stimmt, unser Land ist im internationalen Vergleich teuer. Man muss sich die Schweiz leisten wollen. Wer das aber tut, bekommt eine gute Gegenleistung.

Wie wollen Sie im Winter trotzdem wieder mehr Gäste ins Schanfigg bringen?

Wenn wir den wahren Winter präsentieren können, so wie es zur Zeit der Fall ist, steigt auch die Zahl der Gäste an. Aber natürlich braucht es auch immer wieder neue Ideen. Die Skigebiet-Verbindung mit der Lenzerheide beispielsweise spricht ein internationales Publikum an und hat viel positive Resonanz erfahren. Neue Angebot sind auch deshalb wichtig, weil die Gäste anders als früher nicht ständig an denselben Ort in die Ferien gehen. Früher kam ein Stammgast jedes Jahr, heute zählt bereits ein Gast, der Arosa alle vier Jahre besucht, als Stammgast.

Schaufeln sich die Skigebiete mit Billig-Abonnements nicht das eigene Grab?

Saas-Fee war der Beweis dafür, dass dieser Ansatz komplett falsch ist. Ich bin froh, dass diesen Bemühungen heuer ein Ende gesetzt wurde.

Kein Wenn, kein Aber. Und das ist gut so.

Tourismus ist ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite will man zahlungskräftige Gäste, auf der anderen Seite hadert die einheimische Bevölkerung und die Umwelt leidet. Wie lösen Sie das in Arosa?

Am besten lässt sich das anhand einer Zahl aufzeigen: Wir in Arosa sagen, wenn wir eine Million Übernachtungen pro Jahr haben, dann leben im Schanfigg alle gut und wir haben nicht zu viel Gäste. Eine solche Richtzahl sollte jede Region, jeder Tourismusort für sich festlegen. Man darf dann aber nicht plötzlich das Gefühl habe, man müsse 1,5 Millionen Übernachtungen erreichen, sondern mit dem anvisierten Ziel zufrieden sein.

Wie viele Übernachtungen zählte Arosa im vergangenen Jahr?

Rund 930'000.

Wie oft hatten Sie in den letzten zehn Jahren mehr als eine Million Übernachtungen?

In den letzten 30 Jahren schaffte Arosa zweimal mehr als eine Million Übernachtungen.

Was unternehmen Sie, dass nicht zu viele Gäste nach Arosa kommen?

Es gibt 360 Kurven zwischen Chur und Arosa, das stösst viele ab, zu uns zu kommen.

Wieso kommen aktuell derart viele Engländer ins Schanfigg?

Die Familie Kipp von der Hotelgruppe Tschuggen pflegt gute Beziehungen zum englischen Königshaus. Seit vor fünf Jahren der Poloprofi Mark Tomlinson und die schweizerisch-britische Dressurreiterin Laura Bechtolsheimer sich das Ja-Wort in Arosa gaben und die Prinzen William und Harry bei der Trauung anwesend waren, verspüren wir einen deutlichen Anstieg bei den englischen Gästen.

Seit einiger Zeit ist das Phänomen «Overtourism» ein Thema geworden, auch in der Schweiz: Das Pächterpaar vom Berggasthaus Aescher Wildkirchli warf den Bettel hin, weil die Infrastruktur den Besuchermassen nicht mehr standhielt.

Damit so etwas nicht passiert, muss man sehr gezielt die Märkte und Zielgruppen ansprechen. Wir von Arosa sagen, wir möchten in Zukunft den asiatischen Markt mit China ansprechen, weil deren Ferienzeiten ausserhalb jener der europäischen liegen. Indien hingegen wollen wir nicht angehen, obwohl der Markt ein grosses Potenzial hat. Mit dieser Eingrenzung und der kurvenreichen Anfahrt ist sichergestellt, dass wir nicht plötzlich von Gästen überrannt werden und auch keine Gruppentourismus-Destination werden.

Ist Overtourism in der Schweiz ein grosses Problem oder taucht das Phänomen nur punktuell auf?

Overtourism ist ein Thema, mit dem man sich frühzeitig befassen muss. In der Schweiz ist es im Moment vor allem für die Städte, etwa für Luzern, eine Herausforderung. Eine Lösung kann aber auch ich nicht aus dem Ärmel schütteln.

Wenn Sie etwas machen, machen Sie es lieber richtig oder gar nicht. Stimmt's?

Ja.

Wie geht es eigentlich Ihrer Turnschuh-Sammlung?

Gut ... – jetzt weiss ich, wer Ihnen Inputs für dieses Interview gegeben hat. Es muss Frank Baumann gewesen sein.

Weiter.

Es stimmt, bei mir daheim stehen immer genau zehn intakte Paar Turnschuhe. Leider kann ich in Arosa nur selten Turnschuhe tragen – im Winter ist es zu kalt dafür und im Sommer trage ich je länger desto öfter Wanderschuhe.

Warum genau zehn Paare?

Zehn ist meine Lieblingszahl.

Sie waren der beste Handballer, den die Schweiz je hatte. Wahr oder nicht?

Nicht wahr.

Sie waren Flügelspieler und bestritten 348 Partien in der Swiss Handball League, in denen Sie 1'124 Treffer erzielten, zudem bestritten Sie 75 Länderspiele und waren Captain der Nationalmannschaft.

Ich war ein extrem leidenschaftlicher Spieler. Eine meiner wichtigsten Fähigkeiten war, dass ich eine Mannschaft entwickeln konnte. Aber in allen Teams, in denen ich gespielt habe, gab es bessere Spieler als mich.

In Ihrer Sportlerkarriere gibt es zwei grosse Schönheitsfehler: Erstens, Sie waren nie Schweizer Meister im Hallenhandball, dafür siebenmal Zweiter.

Sie haben recht, ich habe siebenmal den Playoff-Final verloren. Fast noch frustrierender war jedoch, dass jedes Mal, wenn ich den Club wechselte, mein Ex-Club danach ohne mich Meister wurde – das war bei Suhr so, aber auch bei GC und bei Schaffhausen. Es muss also an mir gelegen haben, dass es mit der Meisterschaft nie geklappt hat.

Der zweite Tolggen in Ihrem Reinheft: Aus dem Kader für die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta, für die sich die Schweiz qualifiziert hatte, schieden Sie als letzter Überzähliger aus.

Damals brach eine Welt für mich zusammen. Den Entscheid begründete der Trainer mir gegenüber so: Er nehme lieber einen dritten Rückraumspieler mit, der einspringen könnte, wenn Stefan Schärer, er war damals die unbestrittene Nummer eins im Team, ausfallen sollte. Der absolut schlimmste Moment während der ganzen Olympiade war dann das Spiel Schweiz gegen Kroatien. Wir lagen mit fünf, sechs Toren in Führung, als Stefan Schärer tatsächlich vom Feld musste und der Spieler, der mich ersetzt hat, am linken Flügel zum Einsatz kam. Ich hatte während des ganzen restlichen Spiels das Gefühl, ich hätte dort mehr bewegen können. Am Ende verlor die Schweiz das Spiel und schied in der Vorrunde aus.

Niederlagen machen stärker. In einem Interview sagten Sie einmal: «Hätte ich im Sport nicht gelernt zu verlieren, wieder aufzustehen, wäre ich längst nicht mehr in Arosa.»

Dem ist ganz sicher so. Die Verarbeitung der sportlichen Niederlagen haben mir viel geholfen, als die Bevölkerung bei der ersten Abstimmung zum Bärenland in Arosa «Nein» sagte. Durch die gemachten Erfahrungen im Sport wusste ich: Ich muss dranbleiben, irgendwann klappt es dann schon.

Pascal Jenny über Frank Baumann (links), den künstlerischen Leiter des Humorfestivals Arosa: «Es ist eine Ehre, unter ihm als Tourismusdirektor zu agieren.»
Bild: Keystone

Trotz Ihrer Karriere als Handballer heisst Ihr Sohn Diego – wie der argentinische Fussballgott Maradona. Warum wählten Sie und Ihre Frau, die ebenfalls früher Handball spielte, nicht den Vornamen eines berühmten Handballers?

Meine Frau und ich wurden zuerst Eltern einer Tochter. Ich wollte sie Arosa taufen, aber meine Frau wollte das absolut nicht. Damals habe ich mir ausbedungen, dass ich den Namen unseres Sohnes bestimmen dürfe, sollten wir einen bekommen. Diego ist ein wunderschöner Name und bei allem Respekt vor dem Handball: Es ist keine Sportart, die jeder kennt. Zudem müssen Sie wissen, mein Kinderzimmer war total vollgepflastert mit Maradona-Postern.

Warum spielten Sie nicht selber Fussball?

Ich hätte nur zu gerne Fussball gespielt als Kind, aber meine Eltern haben es mir verboten. Sie meinten, im Fussball werde so hässlich gesprochen und die Spieler würden ständig auf den Boden spucken.

Nahm Diego Maradona schon einmal an der Schneefussball-WM in Arosa teil?

Nein – aber es ist einer meiner Träume. Nächstes Jahr feiern wir das 10-Jahr-Jubiläum, mal schauen, ob es dann klappt. Aber manchmal habe ich das Gefühl, der Traum geht nicht in Erfüllung, weil ich wahrscheinlich enttäuscht wäre, würde ich Maradona in Realität treffen und feststellen, dass er nicht mehr der ist, der er einmal war.

Frank Baumann, künstlerischer Leiter des Humorfestivals Arosa, sagt immer, ihm sei es egal, wer unter ihm Tourismusdirektor ist – wie funktioniert die Zusammenarbeit mit ihm?

Ganz ehrlich, ich bewundere Frank. Es ist eine Ehre, unter ihm als Tourismusdirektor zu agieren.

Wieso bewundern Sie ihn?

Weil er so unglaublich schnell auf den Punkt kommen kann. Er hat eine Auffassungsgabe wie kein Zweiter und kann extrem schnell hin- und her switchen. Das beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. Ich gebe gerne zu, in den letzten zehn Jahren unserer Zusammenarbeit viel von ihm gelernt zu haben.

Er lacht. Ein schöner Moment. Man spürt, diese zwei Männer mögen sich. Die gehen durch dick und dünn.

Wirklich wahr, dass Sie eher den einfacheren Humor mögen?

Jetzt weiss ich es definitiv: Ihr Informant muss Frank Baumann sein.

No comment.

Es stimmt, ich mag gerne Schenkel-Klopfer-Humor.

Gehört Peach Weber, ein Aargauer wie Sie, nach wie vor zu Ihren Lieblingskünstlern?

Ja, das ist wahr. Frank Baumann hat Peach Weber ein einziges Mal gebucht, nachdem ich sieben Jahre lang gestürmt habe – die Vorstellung war ausverkauft. Es muss also auch noch andere Menschen geben, die Peach Weber mögen.

Was halten Sie von Stéphanie Berger?

Finde ich gut.

Und von Kliby und Caroline?

Mag ich sehr. Als einer meiner besten Freunde den 40. Geburtstag in Arosa feierte, durfte ich Kliby und Caroline engagieren. Ich finde es extrem beeindruckend, was Bauchredner Kliby mit seiner Caroline alles erreicht hat. Aber ich weiss, die beiden gehören nicht zu den Favoriten von Frank Baumann.

Das schönste Kompliment, das Sie je als Kurdirektor erhalten haben?

Aktuell kommen immer wieder Menschen auf mich zu und sagen, das Bärenland sei eine nachhaltige Investition. Es sei ein neuer Ansatz, bei dem Tierschutz und Tourismus vorbildlich zusammenarbeiten würden. Und das fänden sie gut.

Heute auf der Skipiste habe ich gehört wie jemand sagte: «Die hätten den armen Bären besser eingeschläfert, als ihn weiterhin gefangen zu halten.»

Wer das Projekt besser kennt, weiss, dass Napa zum ersten Mal in seinem Leben eine Winterruhe hält. Und Tiere und Menschen schlafen nur dann, wenn sie sich wohlfühlen. Ich nehme also fest an, der Bär fühlt sich bei uns sehr wohl.

Sind ein paar Leute immer zu gemein zu Ihnen?

Gemein nicht, aber es gibt sicher nach wie vor Menschen, die nicht Fan sind von meiner Arbeit. Aber das kennen Sie wahrscheinlich auch, es gehört zum Leben dazu, dass einen nicht alle gut finden.

Ihr grösster Gewinn im Casino Arosa?

Vor vielen Jahren, bei einem gemeinsamen Besuch mit einem Ex-Handball-Kollegen, gewann ich an einem Silvester-Nachmittag 1000 Franken. Ich habe nie wieder so heftig Silvester gefeiert.

Sie haben die ganzen 1'000 Franken in einer Nacht verprasst?

Ja.

Ein Satz in Bündner Dialekt?

Khum scho.

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
Bild: zVg
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