Zwangsprostitution: «Es werden Milliarden verdient mit den Körpern geschundener Frauen»

Bruno Bötschi

19.5.2020 - 07:01

Die ehemalige Zwangsprostituierte Katharina M. während einer Geburtstagsfeier im Club Erotica.
Bild: Privat

Sie schrieb zusammen mit einer Ex-Zwangsprostituierten ein Buch. Journalistin Barbara Schmid spricht über Loverboys, erzählt, wie Männer mit viel Geschick die Sehnsucht junger Frauen nach Liebe ausnutzen und sagt, was sie von Sexarbeit hält.

Katharina M. verliebt sich mit 14 in einen 30 Jahre älteren Mann, einen sogenannten Loverboy. Was folgt, sind die grosse Liebe und noch viel grössere Versprechen. Am Ende landet die Frau in der Zwangsprostitution und wird regelmässig verprügelt.

Nach einem jahrelangen Martyrium schafft Katharina M. 2011 den Ausstieg. Heute arbeitet sie bei einem Steuerberater. Nachdem sie nach eigener Schätzung rund 25'000 Freier gehabt hat, ist sie froh, dass sie nun vor allem mit Zahlen und Akten zu tun hat. 

Die «Spiegel»-Redaktorin Barbara Schmid hat Katharina M. getroffen, ihr Vertrauen gewonnen und begleitet sie und ihr Eltern nun schon seit sechs Jahren. Vor Kurzem ist die Autobiografie «Schneewittchen und der böse König» erschienen, die Katharina M. gemeinsam mit Schmid geschrieben hat.

Frau Schmid, Sie haben zusammen mit der ehemaligen Zwangsprostituierten Katharina M. die Autobiografie ‹Schneewittchen und der böse König› geschrieben. Wie kam es dazu?

Ich habe 2014 für das Nachrichten-Magazin Der Spiegel einen Krankenhaus-Skandal in Bayreuth recherchiert. Dabei erzählte mir jemand von Katharina. Deren Geschichte hat mich von Anfang an interessiert. Wir haben uns mehrfach getroffen, viel miteinander geredet. Aber es hat bis 2018 gedauert, bis Katharina wirklich mit der Arbeit am Buch beginnen konnte.

Katharina war 14, als sie auf einem Reiterhof in Deutschland in die Fänge eines sogenannten Loverboys kam. Warum gerade sie?

Darüber habe ich auch mit der forensischen Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh gesprochen, die das Buch wissenschaftlich begleitet hat. Dieser Loverboy hatte ein sehr gutes Gespür dafür, welches der vielen Mädchen auf seinem Reiterhof für seine Zwecke geeignet war. Ein Mädchen in der Pubertät, das Probleme mit dem Elternhaus hatte. Plötzlich interessierte sich der von allen angehimmelte Reitlehrer gerade für dieses Mädchen. Sie fand sich hässlich, er gab vor, sich mit ihr eine Zukunft aufbauen zu wollen. Ein eigener Reitstall, später Kinder … Für das Mädchen Katharina schien ein Traum in Erfüllung zu gehen.



Sie schreiben im Buch, Katharina M. komme aus einer guten Familie, aber sie fühlte sich oft unverstanden und sehnte sich nach Liebe und Aufmerksamkeit.

Sie kommt aus einer Akademikerfamilie. Klavierunterricht, Reiten, Tennis, ein schönes Zuhause. Wahrscheinlich waren es nur die ganz normalen Probleme, die alle Eltern mit pubertierenden Kindern erleben. Es waren vier Kinder in der Familie. Nach Katharina kamen noch zwei jüngere Geschwister, die die Mutter sehr in Anspruch nahmen. Und da war plötzlich jemand, der alle Streitereien, jedes missverständliche Wort gegen die Eltern aufgriff und Katharina einredete, deine Eltern sind böse, deine Mutter liebt dich nicht. Er hat vor allem das Misstrauen gegen die Mutter gefördert. Weil, wie Katharina heute sagt, er wusste, dass die Mutter wie eine Löwin um ihr Kind kämpfen würde.

Es heisst, Loverboys wissen genau, was sie tun. Und bei welchen Frauen sie die besten Chancen haben.

Loverboys sind in der Regel Psychopathen, Menschen ohne jede Empathie, ohne jedes Mitgefühl. Sie sind wie Trüffelschweine, sagt Dr. Saimeh. Sie finden genau das Mädchen, mit dem sie ihre Pläne umsetzen können. Und sie sind so geschickt dabei, dass andere das nicht mitbekommen. In Katharinas Fall war auch ihre jüngere Schwester auf dem Reitstall. Als den Eltern die ersten Gerüchte zu Ohren kamen, da liefe etwas zwischen Katharina und dem Reitlehrer, haben sie natürlich sofort mit der jüngeren Tochter gesprochen. Die hat das empört verneint. Sie hat das lange nicht für möglich gehalten. Denn der Täter konzentriert sich ausschliesslich auf sein Opfer.

Barbara Schmid, langjährige «Spiegel»-Redaktorin, begleitet Katharina M. und ihre Eltern seit sechs Jahren und wurde Zeugin der Familien­zusammenführung.
Bild: zVg

Macht Liebe blind?

Wir haben es hier mit vermeintlicher Liebe zu tun. Ja, Katharina hat das lange, zu lange für Liebe gehalten. Aber es geht hier um Hörigkeit. Er hat sie völlig von sich abhängig gemacht. Diese Täter isolieren ihre Opfer von ihren Familien und ihrem Freundeskreis. Sie haben dann nur noch eine Bezugsperson – den Täter. Bei Gericht spielte es auch eine Rolle, dass Katharina so jung in den Einfluss des Täters geraten war, sodass sie gar keine eigene Persönlichkeit aufbauen konnte. Sie wusste nicht, was richtig und falsch war. Sie hat elf Jahre lang ohne Nachrichten, Radio oder Fernsehen gelebt, sie wusste nichts von der Welt draussen. Aber da gab es diesen Mann, der ihr eine grossartige Zukunft auf einem eigenen Reitstall versprach. Der ihr immer wieder einredete, wir beide gegen den Rest der Welt.

Wie erklären Sie sich die elf Jahre dauernde Abhängigkeit von Katharina M.? Warum ist sie nicht früher abgehauen?

Da haben wir wieder die Hörigkeit. Katharinas Gefängnis hatte keine dicken Schlösser und Ketten. Das Gefängnis war in ihrem Kopf. Sie hätte ja gehen können, in den neun Jahren, in denen sie im Club in Bayreuth gearbeitet hat. Aber das war ihr unmöglich. Die Welt draussen erschien ihr viel schlimmer als das, was sie zu erleiden hatte. Der Täter hat gezielt ihr Selbstbewusstsein komplett zerstört. Sie dachte, ohne ihn kann ich nicht überleben. Er hat ihr etwa bei den wenigen gemeinsamen Ausflügen eingeredet, die Leute würden ihr hinterherschauen, weil sie so krumme Beine hat und nicht richtig laufen könnte. Als sie schwer alkoholabhängig war, hat er ihr etwa Suppe zum Essen mitgebracht, die sie mit ihren zitternden Händen verschüttet hat. Und da hat es dann geheissen, du kannst nicht einmal normal essen …

Der Loverboy hat sie regelmässig verprügelt. Unter Liebe stelle ich mir etwas anderes vor.

Das tun wir wohl alle. Aber er hat sie auch getröstet, hinterher. Das Gefühl in seinem Arm zu liegen, wenn er sie unter die Bettdecke hat schlüpfen lassen, das waren die schönen Momente, für die sie alles ertragen hat. Und es gab in ihren Augen keine Alternative.



Elf Jahre sind eine lange Zeit – wie hat Katharina M. ihr Leben als Zwangsprostituierte geprägt?

Katharina ist immer noch eine schwer traumatisierte Frau. Sie hat einen guten Therapeuten, mit dem sie sicher noch lange wird arbeiten müssen. Vieles macht ihr Angst. Einkaufen zum Beispiel, oder jetzt die Maskenpflicht. Sie war seit ihrer Freilassung noch nie allein einen Kaffee trinken oder auch nur in einer Eisdiele.

Katharina will mit ihrem Buch andere junge Frauen warnen. Was denken Sie, wird das klappen?

Wir haben in dem Buch alles bewusst schonungslos und teilweise sehr drastisch aufgeschrieben, damit andere Mädchen und Frauen abgeschreckt werden. Katharina hat mir einmal gesagt, wenn ich nur einem jungen Mädchen und seiner Familie mein Schicksal ersparen kann, dann hat sich die ganze Arbeit am Buch gelohnt.

Bei Katharina geht es um Zwangsprostitution. Aber trotzdem die Frage: Hat sich durch die Begegnung mit ihr Ihr Blick auf die Prostitution grundsätzlich verändert?

Ich habe es mir nicht so brutal und frauenverachtend vorgestellt, mir war auch die Grössenordnung nicht klar. Wir reden hier über Zehntausende Zwangsprostituierte. Seit der ersten Begegnung mit Katharina habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die im Milieu arbeiten, als Zuhälter oder Verwalter eines Bordells; die als Sozialarbeiterinnen und -arbeiter versuchen zu helfen; oder als Polizisten, Staatsanwälte und Richter. Freuen sich die einen über gute Arbeitsbedingungen in Deutschland, plädieren die anderen ganz entschieden für eine Verschärfung der Gesetze. Deutschland ist zum Puff Europas geworden. Hier werden Milliarden verdient mit den – lassen Sie mich das so sagen –, mit den Körpern von geschundenen Frauen.

Aus der Sicht von Prostitutionsgegnerinnen und -gegnern sind alle Menschen, die in der Branche arbeiten, Opfer. Was denken Sie, gibt es eine selbstbestimmte Sexarbeit?

Katharina schätzt, das vielleicht fünf bis zehn Prozent der Frauen es wirklich freiwillig tun. Wir erleben diese Frauen in Talkshows, sie haben auch 2001 mit Abgeordneten von Rot-Grün im Deutschen Bundestag die Liberalisierung gefeiert. Die Zwangsprostituierten sehen wir nicht. Wie auch? Diese Frauen, die hier meist illegal arbeiten, können oft nicht einmal unsere Sprache. Diese Frauen werden in keine Talkshows eingeladen, die gehen auch nicht zur Polizei, wenn sie auch noch so viel erdulden müssen. Sie haben Angst, dann abgeschoben zu werden.

Die Autobiografie «Schneewittchen und der böse König» von Katharina M. – das Protokoll einer verhängnisvollen Verführung.
Bild: zVg

Bei der Frage, wie der Gesetzgeber mit Prostitution umgehen soll, gibt es zwei Lager, die sich unerbittlich gegenüber stehen: Die einen wollen liberalisieren, die anderen wollen Freier bestrafen und die Frauen so schützen. Wofür plädieren Sie?

Ich habe nichts gegen Prostituierte, die das gern und freiwillig machen. Aber so lange wir nicht verhindern können, dass hinter diesen wenigen Frauen, die das freiwillig tun, viele Frauen stehen, die gezwungen werden, müssen wir es verbieten. In was für einer Gesellschaft leben wir, dass wir den zehntausendfachen Missbrauch von Frauen geschehen lassen? Ich plädiere für das nordische Modell. Und ich möchte, dass bei uns Jungen aufwachsen in der Gewissheit, sie können sich nicht so einfach eine Frau kaufen. Das ist eine Straftat.

Aber wenn eine Frau sich aus freiem Willen dazu entschliesst, ihren Körper für Sex zur Verfügung zu stellen, dann ist das doch ihre Entscheidung?

Ja, aber dann müssten diese Frauen auch dafür sorgen, dass sie nicht das Deckmäntelchen abgeben für einen vielfachen Missbrauch von Zwangsprostituierten. Wenn sie so arbeiten wollen, bitteschön, aber dann müssen auch sie darauf achten, dass ihr Berufsstand sauber wird. Und wenn Zwangsprostitution nicht verhindert werden kann, dann müssen wir die Prostitution nach dem nordischen Modell komplett verbieten und die Freier bestrafen.



Katharina M. schaffte 2011 den Ausstieg. Wie geht es ihr heute?

Einer der Gründe für das Buch war, dass sie diese furchtbaren Jahre verarbeiten wollte. Sie hat eine spezielle Biblio-Therapie gemacht, das bedeutet aufschreiben und ablegen. Und ich glaube, das ist ihr gelungen. Sie ist sehr froh, dass das Buch fertig ist und für sie diese schreckliche Zeit einen Abschluss gefunden hat. Katharina arbeitet inzwischen als Steuerfachangestellte, sie hat ihre Berufsausbildung als eine der Besten ihres Jahrgangs abgeschlossen und wurde dafür auch von der oberfränkischen Staatsregierung ausgezeichnet. Sie und ihre Familie haben wieder zusammengefunden. Und jetzt wünsche ich Katharina, dass sie einen liebevollen Partner findet und selbst eine Familie gründen kann.

Katharina M.s ehemaliger Loverboy soll in diesem Herbst aus dem Gefängnis kommen. Was bedeutet das für sie?

Jeder Täter hat nach der Verbüssung seiner Strafe die Chance auf einen Neuanfang. Katharina und ihre Familie hoffen, dass er ihn nutzt und seinen Lebensabend in Freiheit verbringen will. Er ist über 70 Jahre alt, wenn er demnächst freikommt. Allerdings hat er bisher keine Reue oder Einsicht erkennen lassen. Im Gegenteil, er sieht sich als Justizopfer und hat an dem Verfahren beteiligte Beamte beschuldigt, ihn zu Unrecht verurteilt zu haben. Darum kamen zu seiner neunjährigen Haftstrafe noch einmal acht Monate dazu. Ihm muss klar sein, dass er sofort wieder ins Gefängnis kommt, wenn er sich etwas zuschulden kommen lässt. Dann bekommt er Sicherungsverwahrung und stirbt hinter Gittern. Katharina und ihre Familie stehen in engem Kontakt mit der örtlichen Polizei.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Bibliografie: Schneewittchen und der böse König, Katharina M., aufgezeichnet von Barbara Schmid, 240 Seiten, MVG, ca. 19.90 Fr.

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