Simon Otto – der Schweizer in Hollywoods Trickfilmfabrik

Anna Maier

1.6.2019 - 00:00

Nach 20 Jahren in Hollywood geht «Drachenzähmen leicht gemacht»-Chefzeichner Simon Otto neue Wege, träumt von einer Karriere als Regisseur und manchmal von einem Leben in der Schweiz.

Nein, übersehen kann man ihn nicht. Fast zwei Meter gross ist Simon Otto, der Schweizer in Hollywoods Trickfilmfabrik. Wenn er spricht, dann gestikuliert er, seine Mimik im Gesicht verändert sich in Sekundenbruchteilen.

Und manchmal erkennt man darin plötzlich einen Ausdruck seiner berühmtesten Kreation, «Ohnezahn» aus der Trilogie «Drachenzähmen leicht gemacht». Ja, auch Otto selber wäre eine tolle Figur zum Zeichnen.

Das Zeichnen. Seine Begabung, Fabelwesen Leben einzuhauchen, sie gewissermassen zu «vermenschlichen», so dass Millionen Menschen auf der ganzen Welt sie in ihr Herz schliessen, hat ihn hierhergebracht. Hierher ins Epizentrum der Filmindustrie, nach Los Angeles, und zwar, noch bevor er seine reguläre Ausbildung zum professionellen Zeichner abgeschlossen hatte.

Ein Jahr vor Schulende wurde er von Talentsuchern entdeckt, die Verantwortlichen des heute legendären Animationsstudios DreamWorks wussten, wo die Macher ihrer zukünftigen Filme zu suchen waren: An der L'école de l’image Les Gobelins in Paris, wo zu Ottos Schulzeit Ende der 1990er-Jahre aus 900 Bewerbern gerade mal 20 zugelassen wurden.

Ab Schulbank nach Hollywood

Und so verwirklichte Simon Otto, gerade mal 22 Jahre alt, ehemaliger Banklehrling, seinen Traum, bevor er dazu kam, ihn überhaupt zu träumen. «Es war surreal. Die ganz grosse Tür nach Hollywood ging auf, ohne dass ich daran geklopft hätte. In den ersten paar Jahren musste ich mich immer mal wieder kneifen, um mich zu vergewissern, dass ich hellwach war und diesen Traum tatsächlich erlebte. Ich hatte es geschafft, mit Anfang 20.»

Simon Otto: «Ich geniesse es, der Schweizer zu sein in einer internationalen Gruppe. Und sicher idealisiere ich meine Heimat aus der Ferne auch stark.»
Bild: Tomo Muscionico

Genau dieser Umstand – dass er quasi ohne sich hocharbeiten zu müssen sofort erfolgreich war – führte wohl dazu, dass er sich heute mit 45 Jahren erstmals dorthin bewegt, wo andere beginnen: Hier und dort an einem Projekt arbeiten, herausfinden, was zu einem passt.

Von aussen betrachtet ist dieser Schritt nicht einfach nachzuvollziehen, wenn man seine Erfolge anschaut: unzählige Nominierungen unter anderem für die Oscars oder die Golden-Globes für Spirit, SharkTale, Kung Fu Panda, die Drachenzähmen-Trilogie, alles Filme, bei denen er mitgearbeitet hatte.

Andererseits macht er nur das, was viele in der Mitte des Arbeitsleben tun: Konsequent nach einer neuen beruflichen Stimulation suchen, auch wenn diese ungewohnt und risikoreich ist: «Auch wenn mich jetzt nicht gerade Existenzängste plagen, muss ich mich noch daran gewöhnen, dass ich nicht mehr in der «geschützten Werkstatt» mit Millionenbudgets die besten Zeichner der Welt dirigiere. Aber genau diese Unabhängigkeit und diesen Richtungswechsel habe ich bewusst gesucht.»

Amerikanische Vorstadt-Idylle

Sorgen braucht man sich um den Hünen nicht zu machen. Mehrere Projekte hat er im Köcher, einige sind schon stark gereift, «aber noch nicht ganz spruchreif». Warum er letztendlich den Schritt weg von DreamWorks gemacht hat, wird klar, wenn man sich mit ihm unterhält: Er möchte nicht mehr «nur» alleine die Verantwortung für die Animationen tragen, sondern Regie führen, seine eigenen Geschichten erzählen, die vielen Ideen, die in seinem Kopf herumgeistern, zu Papier und auf die Leinwand bringen.

Zeichnen tut er in seinem hübschen Haus am Stadtrand von Los Angeles, einer Gegend, die ausschaut wie aus dem Reisekatalog – langhalsige, für L.A. typische Palmen, ein Häuschen ans andere gereiht, alle mit Blumenbeet und Pool und einem Familienauto davor. Sein Atelier ist vollgestellt mit kleinen Nippsachen, Figuren, Büchern, Notizblöcken – und ganz vielen Schweizer Souvenirs.

Die Schweiz ist in Ottos Haushalt gut spürbar – sogar eine Flagge liegt als Tischtuch auf, und an seinen grossen Füssen stecken Hausschuhe mit Schweizerkreuz. Ein Patriot?

Wohl eher ein Heimweh-Schweizer, der mit seiner Herkunft kokettiert in einer Branche, die multinational ist wie kaum eine andere: «Ich geniesse es, der Schweizer zu sein in einer internationalen Gruppe. Und sicher idealisiere ich meine Heimat aus der Ferne auch stark. Ob ich tatsächlich wieder in der Schweiz leben könnte, da bin ich mir nicht so sicher. Aber gäbe es für mich eine Möglichkeit, in der Schweiz meinem Job nachzugehen, ich würde es sicher ausprobieren.»

Sehnsucht nach den Bergen

Auch seine Frau Fumi Kitahara Otto, eine Amerikanerin mit japanischen Wurzeln, nickt: «Warum nicht? Auch mir gefällt es in der Schweiz sehr. Wir haben sogar da geheiratet.»

Dass Herr und Frau Otto beide im amerikanischen Filmmekka tätig sind – sie arbeitete als PR-Verantwortliche bei DreamWorks, wo sie sich kennengelernt haben, und hat seit zehn Jahren ihre eigene PR-Firma – und der zehnjährige Sohn Max kein Schweizerdeutsch spricht, wird in diesem Moment grosszügig ausser Acht gelassen. Ich muss schmunzeln.

Ich finde diese Familie herrlich bodenständig und sympathisch. Und erinnere mich spontan an einen Satz, den Simon Otto – immer bescheiden – von sich gegeben hat: «Ich hatte einfach viel Glück im Leben. Und ich glaube auch, dass meine typischen Schweizer Attribute geholfen haben, dass ich es soweit geschafft habe.»

Nein, Sorgen braucht man sich um Otto nicht zu machen. Übersehen kann man ihn nicht. Und sollte man wohl auch nicht. Denn er schafft es wie kaum ein anderer, seine Figuren so liebenswürdig zu gestalten, als wären es echte Lebewesen.


Das ausführliche Interview mit Simon Otto lesen Sie hier: KeinHochglanzmagazin.

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Anna Maier ist seit über 20 Jahren als Journalistin tätig und in der Schweiz vor allem durch ihre Tätigkeiten bei Radio und Fernsehen bekannt. Seit Anfang 2018 betreibt sie ihr eigenes Online-Magazin www.keinhochglanzmagazin.com mit Fokus auf Menschen mit aussergewöhnlichen Lebensgeschichten.

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