Fotograf Sven Marquardt: «Ich sehe so unglücklich aus»

11.1.2019 - 16:45, Bruno Bötschi

Fotograf Sven Marquardt über seine DDR-Punk-Bilder: «Wir waren jugendlich, überheblich, rotzig. Deshalb ist uns nichts Schlimmeres passiert.»
Bild: Sven Marquart
Der Fotograf, 1962 in Ost-Berlin geboren, mag besonders die stillen, mystischen Momente zwischen ihm und seinen Modellen.
Bild: Sven Marquart
Marquardt über seine Kreativität: «Es war die Unfreiheit in der DDR-Diktatur, die mich so kreativ machte.»
Bild: zVg
Marquardts Porträtbilder und die inszenierten Halbakte, auch die neueren, sind geprägt von herausfordernden Blicken.
Bild: Sven Marquart
Der Berliner Fotograf, der seit über 20 Jahren auch als Türsteher im Club Berghain arbeitet, inszeniert seine Bilder mit Modellen, die er – mitunter sehr gut – kennt.
Bild: Sven Marquart

Die Photobastei Zürich zeigt die Punk-Ausstellung «Raw Power». Einer der beteiligten Fotografen ist Sven Marquardt, bekannt auch als Türsteher des weltberühmten Berliner Clubs Berghain. Er porträtiert seit Jahrzehnten Menschen, dabei überlässt er nichts dem Zufall.

Aufgewachsen in Ost-Berlin, dokumentierte Sven Marquardt anfangs der 1980er Jahre die Subkultur der DDR, auch Schnappschüsse von sich selber haben sich erhalten. In seiner Biografie von 2014 – «Die Nacht ist Leben» – heisst es dazu: «Wenn ich die Bilder von damals sehe, sehe ich immer so trotzig aus.»

Überhaupt erinnert sich der heute 56-jährige Fotograf an jene Zeit nicht mehr gern, und die Fotos ignoriert er gemäss eigener Aussage weitestgehend: «Auf einem Doppelporträt halte ich meinen Schal vors Gesicht, bin vom Alkohol aufgedunsen, habe Zigarettenbrandnarben auf den Händen, meine Augen sind mit Kajalstift dunkel bemalt. Ich sehe so unglücklich darauf aus», findet er.

Unglücklich? Marquardt ist überzeugt davon, dass ihn seine teils negativen Attitüden in der DDR vor Schlimmerem bewahrt haben, wie er es einmal in einem Interview erklärt hat: «Es gibt in meiner Stasi-Akte einen Teil, wo ein Offizier meine Person einschätzte. Das war nicht unklug, nur dümmlich geschrieben: ‹M. verfolgt trotz des Punk-Aussehens keinen politischen Aspekt. Er macht in seiner Wohnung Bilder von homosexuell anmutenden Jünglingen.›»

Schwarz-weiss und nackte Haut

Erste Erfahrungen mit der Kamera hat Marquardt nicht hinter, sondern vor ihr gemacht – mit 16 Jahren als Model. Er durfte auf Kaufhaus-Schauen laufen. Doch als er sozusagen die Schnauze voll hatte von Föhnfrisur und klebrigem Rotkäppchensekt, da wurde er Punk – mit schwarzer Mähne und Nieten-Lederjacke. Damals war er knapp 20 Jahre alt, und vor allem war er: ein Aussenseiter.

Fotograf Sven Marquardt: «Es war die Unfreiheit in der DDR-Diktatur, die mich so kreativ machte.»
Bild: zVg

Bald avancierte der gebürtige Ost-Berliner als DDR-Punk zum Fotografen, und wie viele andere seiner Zunft, so erlag auch er bald dem Rausch der eigenen Bilder. Nach seiner Ausbildung zum Fotografen war er sogar Assistent bei Rudolf Schäfer, einer Ikone der DDR-Fotoszene. Später fertigte Marquardt neben seiner Arbeit als Modefotograf das Modemagazin «Sybille» Porträtaufnahmen an sowie ungewöhnliche Schwarz-Weiss-Inszenierungen der Ostberliner Szene.

Marquardt war oft unterwegs mit einem kleinen Kreis von Leuten, die ihr eigenes Lebensgefühl zur Schau stellten. «Wir waren kreativ und anders.» Und so zeigen sich auch seine DDR-Punk-Fotografien, die in Photobastei Zürich zu sehen sind: schwarz-weiss, viel nackte Haut. Keine Spur von grauer DDR-Tristesse und Uniformität.

Marquardt hat ein gutes Auge und ein ebensolches Gespür für Menschen. Dabei überlässt der Mann mit den martialischen Gesichtstattoos – ein Spinnennetz bedeckt seine linke Gesichtshälfte, Piercings gibt es überall –, nichts dem Zufall, «auch wenn das nicht immer aufgeht».

Aber wenn es funktioniere, dann entstünden Momente, die etwas beinahe Mystisches hätten, sagt Marquardt: Momente der Stille zwischen dem Model und dem Fotografen, nur zwischen diesen beiden.

Zehn Jahre Pause und das Eintauchen in die Clubszene

Marquardts Wunsch, sich nach dem Fall der Mauer 1989 in der fotografischen Kunst zu verwirklichen und endlich Zugang zu internationalen Galerien und eigenen Ausstellungen zu bekommen, wurden jedoch zunächst jäh enttäuscht. So kam es, dass er seine Kamera tatsächlich beiseite legte – sage und schreibe zehn Jahre lang.

Später sagte er über diese Phase: «Ich wollte die neue Zeit erst einmal kennenlernen, die Vergangenheit verarbeiten. Die Leute dachten, der arme Kerl muss jetzt jobben und kann nicht mehr fotografieren. Aber mir gefiel das so.»

Marquardt tauchte stattdessen in die sich neu bildende Clubszene von Berlin ein – und wurde schliesslich Türsteher im Berghain, einem der angesagtesten Clubs weltweit. Sein Lieblingsspruch bis heute: «Wir haben uns dagegen entschieden.» Weshalb «sie» sich dagegen entschieden haben, möchte er aber weiterhin lieber niemandem erklären.

Das Jahr 1999: Marquardt entdeckte die Fotografie erneut für sich und griff wieder auf den ihm eigenen morbiden Stil zurück. «Es war die Unfreiheit in der DDR-Diktatur, die mich so kreativ machte. Die Kamera war nur Mittel, meine Sehnsüchte aufzusaugen, meine unerfüllten Wünsche.»

Da ist jemand seinen Weg gegangen, liesse sich sagen. Ja, einiges Glück war wohl auch mit im Spiel. 

«Raw Power – The Revolt Against Innocent»: Bis 3. März 2019 in der Photobastei Zürich; mit Werken von Vivienne Westwood, Genesis P-Orridge, Jean, Michel Basquiat, Rick Owens, Hedi Slimane, Banksy, Sven Marquardt und anderen.

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