Thomas Meyer: «Es ist sehr verletzend, wenn man betrogen wird»

17.9.2018 - 00:00, Bruno Bötschi

Thomas Meyer über seine Verlobung: «Ich fände es bizarr, wenn die Frau den Mann fragen würde. Die Verlobung ist ein konservatives Ritual. Würde es modernisiert, wäre es nicht mehr, was es einmal war.»
Bild: Keystone

Bestsellerautor Thomas Meyer sagt, welches Kleidungsstück er beim Sex zuerst auszieht, erzählt von seiner Verlobung und verrät, was er von der Verfilmung seines Romanes «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» hält.

Café Plüsch in Zürich, 9 Uhr morgens: Thomas Meyer trinkt Tee und bearbeitet auf seinem Computer einen Text. Begrüssung. Grinsen. Es wird nicht leicht, den Bestsellerautor zu interviewen – er hat einst selbst als Journalist gearbeitet.

Zudem ist er schon lange wach: «Ich arbeite schon seit 5 Uhr.» Meyer sagt, er sei ein früher Vogel, gegen Mittag falle sein Leistungsvermögen dann meist etwas zusammen, gegen Abend komme es wieder zurück. Na gut, testen wir doch gleich mit einer Hardcore-Frage, wie wach der Mann wirklich ist.

Bluewin: Herr Meyer, ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten möglichst kurz und schnell. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, sagen Sie einfach «weiter».

Thomas Meyer: Es darf auch länger dauern.

Haben Sie sich je auf einer Dating-App wie Tinder eingeloggt?

Ich stehe oft um 5 Uhr auf, mache mir einen Tee und fange an zu schreiben.

Sie haben sich also noch nie mit einer Dating-App beschäftigt?

Ich versuchte mit meiner Antwort gerade, Ihre Frage zu umgehen. Also gut, ich habe mich dreimal auf Tinder eingeloggt und hatte nie einen Match. Danach war mir klar, dass ich über andere Kanäle zu Kontakten kommen muss. Aber mittlerweile bin ich in einer festen Beziehung und seit Kurzem sogar verlobt.

Haben Sie Ihre Freundin gefragt, ob sie sich mit Ihnen verloben will?

Natürlich. Was denn sonst? Ich fände es bizarr, wenn die Frau den Mann fragen würde. Die Verlobung ist ein konservatives Ritual. Würde es modernisiert, wäre es nicht mehr, was es einmal war.

Zurück zu Tinder: Wie würden Sie sich auf einer Dating-App beschreiben?

Ich würde mir für diese zwei Sätze mehr Zeit nehmen, als Sie mir jetzt für diese Antwort zugestehen.

Pause. Er muss jetzt gleich gucken, wie die ersten Antworten ankamen, ob er als Typ auch gut rüberkommt. Grinsen. Momoll, Charmeur! Meyer eben!

Kleidergrösse?

Warum wollen Sie meine Kleidergrösse wissen?

Schuhgrösse?

Warum ist die relevant? Aber ich kann Ihnen dazu eine lustige Anekdote erzählen. Ich habe ziemlich grosse Füsse, zwischen 44 und 45. Während der Schulzeit war ich der Kleinste und Dünnste, aber jener mit den grössten Füssen. Meine Schulkameraden hatten darum ein Handzeichen für mich: ein liegendes L aus Daumen und Zeigefinger. Ich fand das damals überhaupt nicht lustig. Im Rückblick muss ich jedoch sagen, es war originell.

Blockflöte – ja oder nein?

Ja. Ich habe sie gehasst, denn ich wollte Klavier spielen. Aus mir bis heute unerfindlichen Gründen hiess es damals, wer Klavier spielen wolle, müsse zuerst die Blockflöte beherrschen. Ich verabscheute sowohl die Handhabung als auch den Klang der Flöte und köpfte sie deshalb über einer Stuhllehne.

Ihr aktuelles Körpergewicht?

Keine Ahnung. Ich glaube, ich bin seit Jahrzehnten 63 Kilo schwer.

Ihr ideales Körpergewicht?

Genau das.

Bei Meyer ist leichte Irritation spürbar. Oder ist es Unbehagen? Wohin führt dieses Interview?

Ihre Augenfarbe?

Sagen Sie es mir.

Blau.

Geht es nicht etwas malerischer?

Blau, das ins gräulich geht.

Schön.

Thomas Meyer über seine Brille: «Ich habe noch ein zweites Modell. Jenes, das Schauspieler Joel Basman in der Verfilmung meines Romanes 'Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse' trägt.»
Bild: Keystone

Kurz- oder weitsichtig?

Weitsichtig.

Wo haben Sie Ihre Brille her, wie teuer war sie?

Es ist eine Brille der Marke Masunaga. Ich habe sie bei Kalkbreite Optik in Zürich gekauft. Weil ich weitsichtig bin, brauche ich Gleitsichtgläser – und die sind brutal teuer. Ich glaube, ich habe alles in allem 1800 Franken bezahlt.

Was dachten Sie bei dieser Brille?

Ich dachte, dass sie zu dem Mann passt, der sie tragen wird. Jetzt fragen Sie vermutlich, was für ein Mann das sei.

Besitzen Sie das Gestell einmal oder mehrere vom gleichen Modell?

Ich habe noch ein zweites Modell. Der Schauspieler Joel Basman trägt es in der Verfilmung meines Romanes «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Die Brille wurde ihm zweimal ausgehändigt für die Dreharbeiten. Später bekam ich das Reservemodell geschenkt.

Immer wieder ein gutes Gefühl, in den Spiegel zu gucken?

Ja. Das war lange nicht so, auch wegen meiner Schulzeit. Ich verstand schon damals nicht, warum es den Menschen ein Bedürfnis ist, sich gegenseitig kleinzumachen. Mittlerweile weiss ich, dass sie das tun, weil sie sich selbst so fühlen, aber ich sehe noch immer nicht ein, warum dies der ideale Umgang mit diesem Problem sein soll. Jedenfalls kam ich als Jugendlicher ständig unter die Räder, und es brauchte einiges, bis ich wieder Freundschaft schliessen konnte mit mir selbst. Schaue ich heute in den Spiegel, ist es ein gutes Gefühl. Nicht wegen des Äusseren, sondern weil ich mir in die Augen sehen kann. Weil die Entscheidungen, die ich in meinem Leben gefällt habe, gemäss meinem Empfinden vielfach die richtigen waren. Ja, ich bin ziemlich zufrieden mit mir. Ziemlich bis sehr sogar.

Grundsätzlich: Was gibt Ihnen das Gefühl, attraktiv zu sein?

Weil ich grundsätzlich nett bin. Nett sein macht Menschen attraktiv.

Das schönste Kompliment, das man Ihnen, Ihr Gesicht betreffend, je gemacht hat?

Das hat sich auf meine Lippen bezogen.

Tragen Sie Ihre Brille in der Badwanne?

Ja, weil ich in der Badewanne meistens lese oder Netflix schaue.

Und unter der Dusche?

Nein.

Beim Sex?

Ich muss überlegen … – nicht prinzipiell.

Das hängt, bitte, wovon ab?

Ob noch genug Zeit bleibt, die Brille sachgemäss zu entfernen.

Zu welcher Tageszeit sind Sie am leichtesten erregbar?

Nach Sonnenuntergang, glaube ich.

Ist Lachen während sexueller Aktivitäten empfehlenswert?

Ist Lachen beim Sex möglich, deutet das zumindest auf ein entspanntes Verhältnis hin.

Ein anderes Wort für Liebe?

Respekt.

Eine Lehre, die Ihnen Ihre Mutter punkto Frauen mitgegeben hat?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie mir bewusst einen Rat über Frauen erteilt hat. Unbewusst hat sie mir durch ihr Verhalten natürlich durchaus gezeigt, wie Frauen sein können. Als Kind steht die Mutter ja für alle Frauen, so wie der Vater für alle Männer, und man ist geneigt, das später so mitzunehmen. Letztlich haben mir meine Eltern aber nur Facetten des menschlichen Wesens aufgezeigt.

Eine Angewohntheit, die Sie von Ihrem Vater übernommen haben?

Dinge dreimal zu sagen, wenn ich mich über etwas aufrege.

Törnt Sie eher Kälte oder Wärme an?

Kälte. Bei Wärme ist man in der Tendenz verschwitzt. Das finde ich nicht antörnend. Kälte hingegen macht, dass man die Wärme des anderen sucht.

Thomas Meyer über seine Tattoos: «Bis ich meine Verlobte kennengelernt habe, hatte ich kein Tattoo im Zusammenhang mit einer Frau machen lassen – seither sind es aber schon drei.»
Bild: Claudia Herzog

Lieber Einatmen oder Ausatmen?

Ausatmen, weil man es weniger bewusst macht.

Wie viele Tattoos zieren Ihren Körper?

Es kommt darauf an, wie man zählt. Gelten die vier Bäume auf meinen Fingern als eines, oder sind das vier? Mittlerweile sage ich, meinen Körper ziert ein grosses Tattoo.

Gibt es auf Ihrem Körper Tattoos, hinter denen mehr steckt als die Erklärung: «Ich fand's lustig»?

Ja, aber nicht im Sinn einer Bedeutung, sondern im Sinn einer Verbindung. Bis ich meine Verlobte kennengelernt habe, hatte ich kein Tattoo im Zusammenhang mit einer Frau machen lassen – seither sind es aber schon drei.

Wann liessen Sie sich das erste Tattoo stechen?

Mit 19. Damals gab es in Zürich wahrscheinlich drei Tattoostudios, und es war alles noch sehr piratig und matrosig. Ich liess mir damals ein Nordwest-Amerika-Motiv auf den rechten Oberarm stechen. Heute nennt man sowas zurecht «Cultural appropriation».

Cultural appropriation? – Später auf Wikipedia nachgeschaut: «Kulturelle Aneignung ist die Bezeichnung für unterschiedliche gesellschafts- bzw. kultur- und medienwissenschaftliche Begriffe. Erste Erwähnungen erfuhr die 'kulturelle Aneignung' in den 1970er und 1980er Jahren.»

Machte je eine Frau einen Sex-Rückzieher, weil ihr Ihre Tattoos nicht gefallen haben?

Nein, im Gegenteil.

Sind Sie böse, wenn man Sie einen Schwächling nennt?

Nicht böse, aber es würde mich kränken. Und ich wäre überhaupt verwundert, wenn das jemand behauptete.

Ihr Trostbotschaft an alle Männer mit Glatze?

Meine Botschaft wäre, dass es keinen Trost braucht wegen einer Glatze.

Mit welchem Tier soll man Sie am besten vergleichen?

(Langes Überlegen) Ich denke, ein Mensch sollte sich nicht mit einem Tier vergleichen. Wir machen das viel zu häufig und vermenschlichen so die Tiere. Wir sollten uns stattdessen mit der gesamten Natur vergleichen, denn wir sind Teil davon. Und wenn mit einem Tier, dann bitte mit dem, das auf unserem Teller liegt – ich möchte noch einmal auf Ihre Frage von eben zurückkommen: Wieso sollte mich jemand einen Schwächling nennen?

Vielleicht wegen Ihrer Erzählungen über die Schulzeit.

Okay.

Haben Sie jemals 'Nein' zu einer attraktiven Frau gesagt?

Ja.

Sind Sie gut im Frauen anlügen?

Nein, ich bin generell nicht gut im Lügen.

Vor dem Sex: Was ziehen Sie zuerst aus, Hose oder Oberteil?

Darf ich fragen, warum dieses Gespräch derart sexorientiert ist?

Stimmt, es waren ziemlich viele Fragen zum Thema «Sex» an Thomas Meyer. Glückwunsch! Er hat das total toll durchgestanden. Sorry, aber es geht noch weiter damit, also ein bisschen.

Weil ich gerade Ihr Buch «Trennt euch!» gelesen habe und Sex für viele Menschen in einer Beziehung sehr wichtig ist.

Das verstehe ich jetzt nicht. Einverstanden, Sex ist in dem Buch ein Thema, aber wieso in diesem Gespräch so sehr?

Weil das Buch auch Thema dieses Gespräches ist.

Bisher aber noch nicht.

Es kommt noch.

Okay. Also, Sie haben gefragt, welches Kleidungsstück ich vor dem Sex zuerst ausziehe? Die Socken müssen sofort weg. Socken sind definitiv nicht sexy.

Bringen Sie es besser auf Alkohol oder Marihuana?

Weder noch.

Thomas Meyer über Treue: «Es ist sehr verletzend, wenn man betrogen wird. Die Begleitumstände sind aber je nachdem noch viel verletzender. Am schlimmsten ist es, betrogen zu werden und irgendwann feststellen zu müssen, dass es alle gewusst haben.»
Bild: Lukas Lienhard

Wirklich wahr, dass Sie einmal fast Ihre Wohnung abgefackelt hätten?

Ich habe es tatsächlich fertiggebracht, meine Küche zu zerstören.

Der Brand hatte auch sein Gutes: Mit den Handyfotos Ihrer zerstörten Küche konnten Sie endlich das Herz der Frau erweichen, die Sie davor wochenlang auf Facebook animiert hatten, mit Ihnen etwas trinken zu gehen.

Das ist richtig.

Wie war das Date?

Es hat zu einem zweiten Date geführt.

Ist es klug, beim ersten Mal Sex zu haben?

Wenn man damit rechnet, dass das erste Date auch das letzte sein wird und man Lust hat auf diesen Menschen, dann ist es nicht nur klug, sondern logisch. Wenn man jedoch nur schon ahnungsweise spürt, dass einen dieser Mensch über das Date hinaus interessieren könnte, dann ist dringend davon abzuraten.

Wird Treue überbewertet?

Ich glaube, sie wird genau richtig bewertet. Es ist sehr verletzend, wenn man betrogen wird. Die Begleitumstände sind aber je nachdem noch viel verletzender. Am schlimmsten ist es, betrogen zu werden und irgendwann feststellen zu müssen, dass es alle gewusst haben. Das ist der Worst Case. Der Best Case ist, wenn man offen über das Thema reden kann, bevor etwas passiert ist. Es ist normal, dass man hin und wieder jemanden kennenlernt, den man attraktiv findet. Die Frage ist doch, warum man darauf reagiert? Welches Bedürfnis wird da gestillt? Das Problem mit der Untreue ist, dass der Partner so weit abgewertet wird, dass man nicht einmal mehr seine Meinung einholt. Das finde ich viel schlimmer als den eigentlichen Akt.

Soll man Affären beichten?

Bin ich schon so weit gegangen, dass heimlich eine Affäre entstanden ist, ist es zu spät, zu spät für die Beichte. Man soll nicht die vollzogene Affäre beichten, sondern die Tatsache, dass eine solche in greifbare Nähe gerückt ist. Angenommen, Sie und ich hätten seit fünf Jahren eine Beziehung, und Sie würden jemanden kennenlernen. Würden Sie mir das sagen, nähmen Sie mich als Person ernst. Ich hätte die Möglichkeit, etwas dazu zu sagen. Vielleicht würden wir sogar vereinbaren, dass das in unserer Beziehung Platz hat. Indem Sie aber einfach heimlich Ihren Gelüsten nachgingen, hätten Sie mich menschlich betrogen. Und die Affäre danach zu beichten, ist nur noch dem Überhandnehmen des schlechten Gewissens zuzuschreiben.

Meyer's Antworten werden immer ausführlicher. Der Journalist beginnt, erste Fragen zu streichen. Sonst fehlt später die Zeit an entscheidender Stelle. Warum hat man nie Zeit für 250 Fragen?

Wie oft hat Sie eine Frau schon zum Weinen gebracht?

Häufig. Lassen Sie mich zählen – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, siebenmal.

Sich je geprügelt wegen einer Frau?

Nein.

Wegen was zuletzt einen Lachanfall bekommen?

Am Samstagabend. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Würden Sie gerne Melania Trump treffen? Und wenn ja, wie würden Sie sich vorstellen – und worüber würden sie beide sich unterhalten?

Ich würde sagen: 'Hallo, meine Name ist Meyer, und ich möchte gern wissen, warum Sie mit dieser furchtbaren Person zusammen sind.' Aber eigentlich würde ich viel lieber einige Schweizer Entscheidungsträger treffen. Die Mitglieder des Ständerates beispielsweise, die vor einigen Tagen die Lockerung der Kriegsmaterialexporte befürwortet haben. Oder die Anhebung des Glyphosat-Grenzwerts. Das finde ich alles schlimmer als Trump.

Sexiester Mann aller Zeiten?

Wie heisst er noch? Ach, mir fällt sein Name gerade nicht ein, aber er kommt mir schon noch in den Sinn.

Können Sie ausschliessen, sich jemals in einen Mann zu verlieben?

Ich behaupte, fast jeder Mensch hat sich schon einmal gleichgeschlechtlich verliebt. Auch ich. Ich finde, es ist nur natürlich. Gleichzeitig ist das gesellschaftlich dermassen befrachtet, dass es niemand zugibt – gerade die Männer. Bei den Frauen ist der Umgang damit lockerer, weil Frauen, die sich gegenseitig küssen, nicht als lesbisch gelten, sondern als doppelt interessant. Zumindest bei den Männern, die zuschauen. Als Mann wird man aber schon bei der kleinsten Abweichung von der expliziten Heteroausrichtung als heimlich schwul abgestempelt. Es gibt eine Nulltoleranz, was männliche Homoerotik betrifft.

Sexieste Frau?

Meine Verlobte.

Wie lange muss eine Beziehung dauern, dass Sie im Nachhinein von «meine Ex-Freundin» sprechen?

Ich habe das nie an einer Zeitdauer festgemacht, sondern an der Intensität der Beziehung.

Wie viele Freundinnen hatten Sie bisher in Ihrem Leben?

Wahrscheinlich auch sieben.

Am 25. Oktober kommt die Verfilmung Ihres Romanes «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» in die Kinos. Wie ist die Gefühlslage?

Ich bin ambivalent eingestellt, weil es nicht nur mein Roman, sondern auch mein Drehbuch ist. Deshalb bin ich doppelt erpicht darauf, dass die Geschichte perfekt umgesetzt wird.

Das müssen Sie erklären.

Ich habe wahnsinnig hohe Ansprüche, wenn es um künstlerische Dinge geht. Ich finde, der Film erlaubt sich hier und dort Nachlässigkeiten, die ich ihm, wäre ich der Regisseur gewesen, nie hätte durchgehen lassen. Aber mir ist natürlich bewusst, dass dies meine Optik ist, die total befangen ist. Ich kann die Sache nicht objektiv beurteilen. Es ist mein Baby, also eigentlich sind es meine Zwillinge, das Buch und das Drehbuch. Das heisst, mit allem, was nicht exakt so gemacht wurde, wie ich es gemacht hätte, bin ich nicht einverstanden. Und fast nichts ist so gemacht worden, wie ich es gemacht hätte. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?

Tolle Antwort. Ihre Offenheit macht Spass, Herr Meyer. Es macht Freude, mit Ihnen zu reden. Weiter so!

Stritten Sie sich oft mit Regisseur Michael Steiner?

Wir hatten unsere Reibungen, aber die waren schnell überwunden. Als es darum ging, eine Regiefassung zu schreiben, arbeiteten wir gut zusammen. Ich finde, er hat das Drehbuch deutlich verbessert. Seine Inputs waren super.

Sind Sie immer noch enttäuscht, dass Ellen Page nicht die weibliche Hauptrolle spielt?

Nein, mittlerweile hätte ich andere Favoritinnen. Ich habe mir Laura üppiger und weiblicher vorgestellt, als sie jetzt im Film dargestellt wird. Noémi Schmidt ist für mich eher ein Mädchen als eine Frau. Ich hätte mir mehr Kurven gewünscht, innere wie äussere. Ach, jetzt weiss ich wieder, wer der sexieste Mann ist.

Wer?

Adrien Brody. Er spielte in «Der Pianist».

Welches ist Ihre Lieblingsszene im Film «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse»?

Die WG-Party. Es ist der Moment, als sich Laura auf Motti Wolkenbruch einlässt. Es ist die glaubwürdigste, berührendste Szene.

Warum soll ich mir den Film im Kino ansehen, wenn ich bereits Ihr Buch gelesen haben?

Der Film funktioniert anders, er erzählt die Geschichte besser. Das Buch besticht durch seine Sprache, der Film durch seine Dialoge.

Macht Erfolg Sie sexy?

Ich finde sehr.

Wann ist Ihnen zuletzt etwas passiert, was Sie Sexismus nennen würden?

Ich erwische mich – und darüber bin ich überhaupt nicht glücklich – immer wieder dabei, dass ich Frauen in gewissen Positionen weniger zutraue als einem Mann in der genau gleichen Position. Das ist, meine ich, sehr sexistisch. Es geschieht nicht oft, und es fällt mir auf, aber ich schätze es gar nicht an mir.

Wir leben in einer Zeit, in der Menschen vermehrt Burnouts haben, Psychosen, Ängste oder sonst irgendwie am Leben verzweifeln. Wie hoch ist die Qualität Ihres Lebens?

Mein Leben hat eine sehr hohe Qualität, weil ich selbständig bin. Das ist ein unglaubliches Privileg, das mir durch alle die Menschen ermöglicht wird, die meine Bücher kaufen oder mich für Kolumnen bezahlen. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

Was bedeuten Ihnen Ihre jüdischen Wurzeln?

Es sind in der Tat meine Wurzeln, meine Verankerung. Das Judentum ist ein kleines Flämmchen, das in mir flackert, das mich stolz macht. Es ist aber auch etwas, das mich verletzlich macht. Ich bin durch mein «Wolkenbruch»-Buch so etwas wie der Ombudsmann des Judentums geworden. Ich musste schon diverse Male Beschwerden über 'die Juden' entgegennehmen. Beispielsweise, dass sie Nichtjüdinnen nicht grüssten. Da frage ich mich jeweils: Was soll ich jetzt damit anfangen? Einen Rapport schreiben? Solche Situationen sind sehr ärgerlich.

Sie haben mit «Trennt euch!» ein Essay über inkompatible Beziehungen und deren wohlverdientes Ende geschrieben. Es gibt darin auch eine Anleitung zum «Loslassen». Halten Sie persönlich diese immer ganz penibel ein, wenn Sie eine Beziehung beenden?

Ich habe diese Liste nach einer Reihe von Trennungen über mehrere Jahre hinweg sozusagen als Fazit verfasst. Beim letzten Mal ist mir das sogenannte Loslassen wirklich schwergefallen. Die Liste ist das Ergebnis dieses Prozesses. Seither habe ich sie nicht anwenden müssen, und ich hoffe, ich muss das auch nie mehr tun.

Wie oft wurden Sie verlassen?

Weil es gerade so schön passt: sieben Mal.

Die Zahl Sieben scheint sich tatsächlich wie ein roter Faden durch Meyers Leben zu ziehen. Siebenmal weinte er wegen einer Frau, genauso oft wurde er offenbar von einer Frau verlassen. Vielleicht hat er es in Wahrheit auch nicht so mit den Zahlen, Buchstaben pflastern ja seinen Weg.

Wurde Ihnen je per SMS der Schuh gegeben?

Die Frauen hatten immer die Grösse, mir es persönlich zu sagen. Ich habe auch noch nie eine Beziehung per SMS beendet.

Macht Sie das Schreiben glücklich?

Sehr, auch wenn mich das Schreiben immer wieder in eine interessante Frustration führt, ins Nichtweiterwissen, ins Nichtzufriedensein. Ich schreibe gerade an einem Büchlein für Diogenes, und da hat es immer noch Stellen drin, die nicht perfekt sind. Manchmal fluche ich deswegen, aber es ist ein glückliches Fluchen, weil es eine schöne Denkarbeit ist. Schreiben macht glücklich, gerade weil es manchmal anstrengend ist.

Früher schrieben Sie im Cafe der Confiserie Sprüngli am Paradeplatz in Zürich, heute im Café Plüsch im Kreis 3. Warum dieser Wechsel?

Im «Sprüngli» wurde es zu laut für meine alten Ohren. Ich bekam immer mehr Mühe, die Geräusche zu abstrahieren. Zudem wurde mir der Paradeplatz zu hektisch. Ich finde die Innenstadt nicht mehr lässig.

Über Ihr Erstlingswerk «Die Federhure» sprechen Sie nur selten. Schämen Sie sich für dieses Buch?

Nein. Die Texte haben super in die damalige Zeit gepasst. Natürlich, wenn ich heute darauf schaue, also fast 20 Jahre später, sind sie mir stellenweise sehr peinlich. Ich würde die Texte so nie mehr verlegen und es ist mir ganz recht, ist das Zeug vergriffen. Aber grad letzthin hat mir jemand gesagt, dass die Bücher immer noch bei ihm im Gestell ständen und er sie lustig fände – und das hat mich gefreut. Nein, ich schäme mich nicht dafür.

Die nächsten beiden Fragen kennen Sie bereits. Ich habe Sie Ihrem Buch «Wem würden Sie nie im Leben eine Postkarte senden?» entnommen: Wem wollen Sie aktuell besonders gut gefallen?

Meiner Verlobten will ich immer gut gefallen.

Wer leidet am meisten unter Ihnen?

Die Umwelt.

Zum Schluss der grosse Talenttest: Sie schätzen sich selbst ein – ein Punkt: kein Talent, zehn Punkte: Supertalent.

Schön, das gefällt mir.

Ihr Talent als Handwerker?

Im Rahmen der Aufgaben, die ich als Handwerker in Angriff nehme, acht Punkte. Es gibt eine Grenze, aber innerhalb dieser bewege ich mich sehr zufriedenstellend. Es ist eine Fähigkeit, die auch häufig von Bekannten in Anspruch genommen wird. Für zehn Punkte fehlt mir aber die Geduld, um noch sorgfältiger zu sein.

Schweizer?

Kommt darauf an, wie man das definiert. Wenn Schweizersein heisst, ein Patriot zu sein und sich darauf etwas einzubilden, dann würde ich sagen, ich bin ein sehr schlechter Schweizer. Ich finde Nationalismus etwas ganz Widerliches. Wenn es aber um die Frage geht, dankbar zu sein, gegenüber dem Privileg Schweizer sein zu dürfen, in diesem Land in Sicherheit und Wohlstand zu leben, dann würde ich sagen: acht, nein, neun Punkte. Ich habe wahnsinnig Freude daran, dass ich in diesem gut funktionierenden Staat leben darf. Darum bezahle ich gerne Steuern.

Liebhaber?

Sieben Punkte. Das entnehme ich zumindest den Rückmeldungen. Ich glaube aber, es gibt eine ganze Reihe von feurigeren und einfallsreicheren Männern. Ich erwische mich manchmal bei einer gewissen Routine. Ein Zehner-Liebhaber handelt nie routiniert.

Ihr nächster Termin?

Um zwei Uhr kommt meine Schwester. Sie hilft mir beim Einpacken, weil ich demnächst mit meiner Verlobten zusammenziehen werde.

Nach einer Stunde und 15 Minuten heisst es: Auf Wiedersehen! Bevor der Journalist das Lokal verlässt, umarmt ihn Meyer.

Zur Person: Thomas Meyer

Thomas Meyer, 1974 geboren, begann nach der Matura das Studium der Rechtswissenschaften. Aus Freude an der schöpferischen Tätigkeit wandte er sich bald der Werbung und Schriftstellerei zu. Ab 1997 arbeitete er als Texter in Agenturen und als Reporter/Kolumnist in Redaktionen; 2006 machte er sich selbständig. 2012 erschien sein erster Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Regisseur Michael Steiner («Grounding», «Mein Name ist Eugen») hat den Besteller verfilmt. Der Film kommt am 25. Oktober in die Schweizer Kinos und feiert am 29. September am 14. Zurich Film Festival Weltpremiere. Meyer ist Vater eines Sohnes und lebt in Zürich.

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
Bild: zVg
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