Vorher-Nachher-Bilder – vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan

Marianne Siegenthaler

11.5.2020 - 07:08

Egal, wie sehr dein Bauch schwabbelt, deine Stirn runzelt oder deine Brüste hängen – es gibt Hoffnung.
Bild: Getty Images

In unserem Alltag sind «Vorher-Nachher-Bilder» allgegenwärtig. Sie suggerieren, dass alles verbessert werden kann. Kein Wunder, üben solche Fotos eine grosse Faszination auf die meisten Menschen aus.

Schönheit zahlt sich aus. Menschen, die gut aussehen, werden für klüger, produktiver und ehrgeiziger gehalten. Und werden besser bezahlt.

Aber nicht jedermann und jede Frau ist schön geboren. Macht nichts. Daran kann man arbeiten. Alles lässt sich perfektionieren. Damit man und frau fit ist für den Arbeitsmarkt. Und für den Liebesmarkt.

Wer davon noch nicht überzeugt ist, klickt sich durch die Vorher-Nachher-Fotos der Optimierungsindustrie. Also der Schönheitschirurgen, der Fitnesstrainer, der Ernährungsberater und und und.

Die Fotos suggerieren: Egal, wie sehr dein Bauch schwabbelt, deine Stirn runzelt oder deine Brüste hängen – es gibt Hoffnung. Es liegt an dir, deinen Körper zu gestalten. Natürlich mithilfe von uns Fachleuten. Und sicher nicht für gratis.

Nichts geht ohne Photoshop

Dass die Fotos heutzutage massiv bearbeitet sind, weiss jede und jeder. Etwa ein Viertel Jahrhundert ist es her, seit das digitale Fotobearbeitungsprogramm Photoshop auf den Markt gekommen ist.

Seither haben wir uns bereits so an bearbeitete, gefilterte und manipulierte Fotos gewöhnt, dass unbearbeitete «natürliche» Bilder Aufsehen erregen. Also wenn zum Beispiel irgendwelche Stars oder Models mit Cellulite und Pickel abgelichtet werden.



Wir Normalo-Frauen denken dann: «Ui, die sieht ja gar nicht so toll aus!» Trotzdem ist sie auch ungeschminkt noch Welten von dem entfernt, was uns morgens aus dem Spiegel entgegenblickt. Und ungeachtet des Body-Positivity-Hype («Jede Frau ist schön») wollen wir alle lieber aussehen wie das Nachher-Foto.

Fotos fürs Gruselkabinett

Der allgegenwärtigen Bilderflut von perfekten Körpern kann man sich kaum entziehen. Und selbst wenn wir den­ken, dass wir uns da­durch nicht be­ein­flus­sen las­sen, prä­gen sich die­se Bil­der als Idea­le ein. Manche Menschen leiden darunter und lassen sich unter Druck setzen. Hungern. Trainieren. Legen sich unters Messer. Andere staunen einfach nur.

Ich beispielweise.

So viel Aufwand, nur um ein bisschen schöner/dünner/fitter/jünger auszusehen. Und manchmal gelingt’s ja richtig gut. Manchmal auch nicht. Da gibt es Nachher-Bilder, die es leicht in ein Gruselkabinett geschafft hätten. Denn manche übertreiben es, pumpen je nachdem Muskeln, Brüste, Lippen, was immer derart auf, dass es einfach nur grotesk aussieht. Man will gar nicht so genau hinschauen, aber man kann einfach nicht anders.



Neu ist das Optimierungs-Phänomen nicht. Bereits im letzten Jahrhundert gab’s in den Frauenzeitschriften die Vorher-Nachher-Geschichten, die sehr beliebt waren. Leserinnen wurden zum Umstyling aufgeboten, und so wurde aus einem grauen Mäuschen – nein, kein Model, aber immerhin ein bisschen weniger graues Mäuschen.

Und natürlich wurde detailliert ausgeführt, was denn den neuen, besseren Look ausmacht. In der Regel waren das ein neuer Haarschnitt, etwas Puder und Lippenstift und ein paar schicke Kleider von einem Sponsor. Aber auch ohne Photoshop war das Ergebnis häufig ganz erstaunlich.

Und genau das ist es doch, was die Faszination dieser Vorher-Nachher-Bilder ausmacht: Ist eine Frau oder auch ein Mann per se einfach schön, denkt man vielleicht: «Glück gehabt.»

Weiss man aber, wie er oder sie vorher ausgesehen hat, suggeriert das: Jeder und jede kann schöner sein. Auch ich.

Zur Autorin: Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin und Buchautorin. Wenn sie grad mal nicht am Schreiben ist, verbringt sie ihre Zeit am liebsten im, am und auf dem Zürichsee.

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