Schädliches Shoppen – die Kehrseite des Kleiderkaufrauschs

dpa/rre

5.6.2019 - 05:14

Der Kleiderkonsumrausch schadet nicht nur dem Portemonnaie. 
Bild: iStock

Viele kennen das: Obwohl der Schrank voll ist, hat man das Gefühl, dringend shoppen zu müssen. Die damit verbundenen Umweltprobleme geraten da gerne in Vergessenheit.

Tops, Sonnenbrillen oder Badehosen – angepriesen für je nur ein paar Franken. Billiganbieter für Mode und Sportartikel locken heute in vielen Städten mit häufig wechselnden Sortimenten. Kunden verlassen die Läden oft mit grossen Tüten. Auch vermeintliche Schnäppchen haben ihren Preis.
Sie gehen oftmals auf Kosten der Umwelt – und damit auch von
Menschen. Das zeigen Beispiele entlang der Kette vom Hersteller bis
nach Hause.

Wo die Mode herkommt

Einer der weltweit grössten Exporteure von Bekleidung und Textilien
ist Indien. Dort tragen gleich zwei Städte den Spitznamen «Manchester
des Ostens» - nach der früheren Textilhauptstadt in England. Eine
davon ist das westindische Ahmedabad. In der Region um die Metropole
wird ein grosser Teil der auf der Welt gebrauchten Baumwolle angebaut.

Die Industrie hat eine ganze Reihe von Problemen: Weil sich
genverändertes Saatgut etabliert hat und jedes Jahr neu gekauft
werden muss, häufen viele Baumwollbauern hohe Schulden an, jedes Jahr
töten sich Tausende von ihnen. Der Gebrauch von giftigen Pestiziden
und von Dünger belastet zudem die Umwelt und die Gesundheit der
Menschen.

Auch der hohe Wasserverbrauch beim Baumwollanbau ist ein grosses
Problem. Für die Produktion eines Kilos Baumwolle werden in Indien
nach Angaben des «Water Footprint Network» 22’500 Liter Wasser
verbraucht. Damit könnten demnach mehr als 80 Prozent der Bevölkerung
mit 100 Liter Wasser am Tag versorgt werden. Der hohe Verbrauch wiegt
umso schwerer, wenn man bedenkt, dass nach einem Bericht des
staatlichen Think Tanks Niti Aayog vom vergangenen Jahr fast die
Hälfte der 1,3 Milliarden Inder unter Wassermangel leidet.

Ein Lösungsansatz ist der Anbau von Biobaumwolle, der weniger
wasserintensiv ist und bei dem keine synthetischen Pestizide zum
Einsatz kommen. Indien ist der weltweit grösste Produzent von
Biobaumwolle, wenngleich sie nur einen kleinen Teil der insgesamt
angebauten Baumwolle ausmacht.

Wie die Mode zu uns kommt

Textilien müssen oft über lange Wege vom Produzenten zum Händler und
zum Käufer transportiert werden. «Die Preise, die für Fast Fashion
ausgerufen werden, lassen kaum Spielraum, um beim Transport besonders
nachhaltig agieren zu können», sagt Markus Muschkiet, Leiter des
Centers Textillogistik, das zum Fraunhofer Institut für Logistik und
zur Hochschule Niederrhein in Deutschland gehört.

Doch die langen Wege seien nicht das Problem. «Auf das einzelne
T-Shirt gesehen ist die Emission vernachlässigbar», so Muschkiet. Die
Containerschiffe seien extrem effizient. Bei 16’000 Containern auf
einem Schiff, falle ein T-Shirt umwelttechnisch nicht ins Gewicht.
Die meisten Emissionen fallen laut Untersuchungen auf den letzten
Kilometern an. Fast jedes Kleidungsstück werde innerhalb Europas mit
einem Camion transportiert, sagt Muschkiet. Der Camion ist am schnellsten, aber auch am schädlichsten für die Umwelt. Laut dem deutschen Umweltbundesamt (UBA) verursacht jede Tonne Ware pro Kilometer Lkw-Transport 103 Gramm Treibhausgase. Bei der Bahn wären es 19 Gramm, bei Binnenschiffen 32.

Und der Weg zum Endkunden? Beim Onlinehandel gehören übermässige
Verpackung und Retouren zu den Umweltproblemen. Um Retouren zu
reduzieren, bieten einige Unternehmen inzwischen virtuelle Anproben
an oder Zusatzinformationen zur Passform. Dennoch geht bisher jedes
zweite Kleidungspaket zurück, wie die Forschungsgruppe
Retouren-Management der Universität Bamberg (Deutschland) ermittelt hat.

Wie wir mit Kleidung umgehen


Gemäss Bundesamt für Statistik gibt jede Schweizerin und jeder Schweizer pro Kopf und Monat durchschnittlich 210 Franken für Bekleidung und Schuhe aus. Um den dafür benötigen Platz zu schaffen, entsorgt jeder in der Schweiz Wohnhafte im Jahr 6 Kilogramm Textilien über die Altkleidersammlung. Der Rest wird verschenkt, verkauft oder landet im Haushaltskehricht.


Nicht nur die Kurzlebigkeit, sondern auch durch das Benutzen gewisser Kleidungsstücke können sich Umweltprobleme ergeben. In Outdoor-Ausrüstung etwa werden oft sogenannte per- und polyfluorierte Chemikalien, kurz PFC, eingesetzt, weil diese wasser- und schmutzabweisenden Eigenschaften haben. Manche dieser Stoffe sind wasserlöslich oder flüchtig und können etwa beim Waschen einer Regenjacke in den Wasserkreislauf gelangen. In der Natur werden die Substanzen laut UBA aber «kaum bis gar nicht» abgebaut.

Manche der Substanzen gelten nach UBA-Angaben als krebserregend oder
können die Fruchtbarkeit schädigen. Seit das Problem vor einigen
Jahren bekannt wurde, hat sich in der Branche etwas getan. Fast alle
grösseren Outdoor-Marken haben inzwischen PFC-freie Produkte im
Sortiment.

Auch bei einem weiteren Problem dauert die Suche nach Lösungen an: Es
geht um kleinste Fasern aus Fleecepullis und anderen synthetischen
Materialien, die sich beim Waschen lösen und in den Wasserkreislauf
oder mit dem Klärschlamm auf Felder gelangen können. Sie reichern
sich in der Umwelt an und werden auch von Tieren aufgenommen.

Umweltfreundlicher und fair(er)

Es gibt also noch viel zu tun, damit das, was wir tragen, erträglicher wird – für unsere Umwelt und die Menschen, die unsere Kleidung herstellen. Dazu gehört auch, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen: Muss es wirklich eine Jeans, ein Shirt oder eine Jacken von der nächstbesten Kleiderkette sein? Bei Fair-Fashion-Netzwerken wie «Get Changed» findet man eine grössere Auswahl an Second-Hand-Läden und Mode-Labels, die ökologische und zugleich sozial produzierte Kleidung anbieten.

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