Luca Bino, wie sieht ein Leben ohne Abfall aus?

26.3.2019 - 16:00, Bigna Salzmann

Fleissig kaufen wir nachfüllbare Trinkflaschen, meiden Plastikbecher in der Cafeteria und recyclen unseren Abfall. Niemand will vorsätzlich viel Müll produzieren. Gewisse Trends führen uns aber in die Irre – dabei fängt der Weg zum Zero Waste-Lifestyle eigentlich ganz simpel an.

Luca Bino, Business Developer Future of Work bei Swisscom, lebt mit seiner Familie nach dem Zero-Waste-Prinzip. Im Interview klärt er über die Weisheiten eines müllfreien Lebens auf:

Luca, was ist der erste Schritt auf dem Weg zu einem Leben ohne Abfall?

Realize! Sie wollen ökologisch leben und weniger Abfall produzieren? Da macht Ihnen der Markt erst mal folgende Vorschläge: Bambus- statt Plastikzahnbürste, Stoffbeutel fürs Gemüse, Bio-Gesichtscrème, eine Spülbürste aus Holz und wiederverwendbare Röhrli bestellen. Was für ein Unsinn! Im schlimmsten Fall hätte das zur Folge, dass Sie erst mal einen ganzen Haufen Abfall produzieren, weil Sie aktuelle Gegenstände durch neue ersetzen. Schauen Sie doch erst mal ganz genau, was Sie eigentlich alles haben.

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind Weltmeister im Vorräte anlegen und haben – wenn auch ganz unbewusst – das ganze Haus voller Kram. Machen Sie einen Event draus: Aufräumen und Ausmisten kann nämlich richtig Spass machen und wirkt unheimlich befreiend. Beim Sortieren des Kleiderschranks tauchen plötzlich alte Lieblingsstücke wieder auf, und Sie finden in drei verschiedenen Schränken Luftballons für die nächste Geburtstagsparty. So müssen Sie vielleicht erst mal gar nichts Neues kaufen.

Das scheint tatsächlich simpel. Weshalb besitzen wir denn so viele Dinge?

Weil unsere Umwelt uns vorgaukelt, wahnsinnig viele Produkte zu brauchen. Darum: Refuse! Stärken Sie Ihr Bewusstsein für Ihre wahren Bedürfnisse. Leider werden wir im Alltag allzu vielen Reizen ausgesetzt, bei denen es schwierig ist, zu widerstehen. Besonders bei reduzierter oder gar kostenloser Ware stellt sich nach dem Kauf oder Erhalt ein Glücksgefühl ein, weil wir glauben, etwas gespart zu haben. Dabei wissen wir doch ganz genau, dass uns sonst in diesem Moment niemals eingefallen wäre, unbedingt jetzt das neue Hit-Soda mit Green-Chai-Mango-Papaya-Geschmack probieren zu müssen. Besonders verführerisch sind die gratis Give-aways, die zu Stosszeiten jeweils in den Bahnhöfen verteilt werden. Zweifellos eine effektive Marketingmethode, aber eine absolute Abfall-Katastrophe! Deshalb entscheide ich mich bewusst dagegen, solche Goodies anzunehmen.

Diese Philosophie gilt übrigens auch in der virtuellen Welt. Jedes Mal, wenn Sie einen Newsletter öffnen, den Sie ohne zu lesen löschen, produzieren Sie virtuellen Abfall. Und nerven sich. Der Button zum Abbestellen ist genau gleich weit weg, wie der zum Löschen.  

Und wenn ich tatsächlich mal etwas Neues kaufen sollte?

Reduce! Erst jetzt kommen die ganzen Verpackungsinnovationen und -alternativen zum Zug. In den meisten grösseren Städten gibt es Läden, die Ware zum selber einpacken anbieten. Für frische Produkte ist der Wochenmarkt seit Jahrhunderten nach wie vor die beste Anlaufstelle. Vorsicht: Es gibt unzählige Online-Shops mit einer riesigen Auswahl an Naturprodukten, was im Prinzip ja eine gute Sache ist. Aber: Online bestellen bedeutet immer auch eine Lieferung, und eine Lieferung bedeutet immer auch Verpackung. Ergo: Abfall. Und ja, auch Verpackung aus FSC-zertifiziertem Karton ist am Ende Abfall.

Erkunden Sie erst mal alle lokalen Läden und Reformhäuser, denn rein von den Emissionen gesehen ist eine in der Schweiz hergestellte Gesichtscrème in einer Plastikverpackung immer noch besser als eine in der Glasverpackung, die dafür aus Deutschland hergeschickt werden muss und in Vietnam produziert wurde. Ausserdem: Re-use!  Sharing is caring: Online-Plattformen zum Tauschen, Secondhand-Ware zum Verkaufen oder Verschenken haben Hochkonjunktur. Auch Flohmärkte sind voll im Trend und machen viel Spass!

Abfall ganz zu vermeiden ist aber beinahe unmöglich.

Recycle! Wir sind nicht nur Weltmeister im Anlegen von Vorräten, sondern auch im Recyceln! Wenn es gar nicht möglich ist, auf eine Verpackung zu verzichten, ist recyclebare natürlich immer besser als solche, die am Ende im Kehrrichtsack landet.


Oder: Rot (englisch für «Verrotten»)! Das Stichwort Bio kommt tatsächlich erst hier ins Spiel. Es hat denn auch nicht allzu viel mit Zero Waste zu tun. Leider sind Bio-Produkte in grossen Supermärkten oft mit noch mehr Plastik verpackt als gewöhnliche. Grundsätzlich gilt aber sicher: So viel essen wie möglich und den Rest kompostieren. Wer zu viele Vorräte hat, kann zum Beispiel auch Fermentieren.

Serie «Engagiert»

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Bigna Salzmann ist im Corporate-Responsibility-Team von Swisscom Expertin für Work Smart, nachhaltige Services für Geschäftskunden und vertritt die Swisscom in der Work Smart Initiative.
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