Schweizer Auswanderer

«Neulich kam mir auf der Strasse ein Panzer entgegen»

Von Runa Reinecke

15.4.2020

Terrasse statt Bar oder Strand: Tobias Bayer und Michael Paris mit ihrem Büsi Moon. 
Bild: zVg

Tobias Bayer und Michael Paris leben seit drei Jahren auf Fuerteventura. «Bluewin» hat mit Tobias Bayer über die restriktive Ausgangssperre und ihre ungewisse Zukunft auf der Kanareninsel gesprochen.

Ende des vergangenen Jahres besuchte unsere Redaktorin das Schweizer Auswanderer-Paar Tobias Bayer und Michael Paris in ihrer Bar-Boutique «Stars» in Corralejo auf Fuerteventura.

Jetzt ist der Laden wegen der Corona-Krise geschlossen. Wie geht es den beiden Auswanderern, die durch Reality-TV-Formate wie «Adieu Heimat» und «Auf und davon» bekannt wurden? Eines vorweg: Selbst dem vom Staat auferlegten Hausarrest können die beiden etwas Positives abgewinnen.

Tobias, seit Mitte März ist das «Stars» geschlossen. Für ganz Spanien gilt die Ausgangssperre. Hattet ihr damit gerechnet?

Nein, das kam alles sehr überraschend. Am 14. März informierte die Polizei darüber, dass alle Läden, Bars und Restaurants noch am selben Tag schliessen müssten. Ab Mitternacht wurde eine Ausgangssperre verhängt. Wir hatten mitverfolgt, dass es zuvor in Italien zu einem Lockdown kam … da hätte man höchstens ahnen können, dass auch die spanische Regierung bald zu solchen Mitteln greifen würde.

Wie reagieren die Menschen auf Fuerteventura auf die restriktiven Massnahmen?

Hier wird das, wie auch anderswo in Spanien, sehr befürwortet. Alle haben die Bilder von den schlimmen Zuständen vor Augen, die in den Spitälern Madrids herrschen. Übervolle Intensivstationen, Menschen, die schwer von der Lungenkrankheit gezeichnet sind und auf den Gängen herumliegen.

Hier wundern sich die Leute eher über das zögerliche Verhalten, das Regierungen wie die der Schweiz oder Deutschland am Anfang der Krise an den Tag legten. Schlussendlich lief es dort auch auf einen Lockdown hinaus.

Bis auf Weiteres zu: Tobias Bayer in der geschlossenen Bar-Boutique «Stars».
Bild: zVg

Nun hängt ihr auf Fuerteventura fest. Wäre es nicht besser, die Krise in der Schweiz zu überdauern und danach nach Spanien zurückzukehren?

Der Gedanke kam uns … aber was würde das bringen? Bei meinen Eltern zu wohnen, käme nicht infrage. Sie gehören wegen ihres Alters zur Risikogruppe und wir wollen sie auf gar keinen Fall gefährden. Ausserdem laufen hier unsere Fixkosten wie Mietzinsen oder Versicherungen weiter.

Macht ihr euch Sorgen, im Ernstfall nicht ausreichend medizinisch versorgt zu werden?

Es ist kaum zu glauben, aber das Gesundheitssystem Spaniens ist grundsätzlich gut. Das gilt auch für die Kanarischen Inseln. Uns hat es noch nicht erwischt und wir kennen persönlich niemanden, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Das liegt wohl auch daran, dass es bis jetzt nur sehr wenige Infektionsfälle auf Fuerteventura gibt. Von einem medizinischen Ausnahmezustand sind wir hier weit entfernt. Und weil alle zu Hause bleiben müssen, breitet sich das Virus kaum aus.

Wie wird sichergestellt, dass sich alle an die Ausgangssperre halten?

Man darf nur allein raus und auch nur, um einzukaufen oder wenn man zum Arzt oder zur Arbeit muss. Auf dem Weg dorthin hält einen die Polizei an, kontrolliert, ob tatsächlich eine Person im Auto sitzt und fragt, wo man hinfährt. Wenn man sich nicht an die Vorschriften hält, riskiert man eine Geldbusse und wer mehrmals dagegen verstösst, dem droht Gefängnis. Neulich kam mir auf der Strasse sogar ein Panzer entgegen … das ist schon alles ziemlich surreal.

Während der Ausgangssperre wird die Terrasse für Michael Paris zum Freiluft-Büro. 
Bild: zVg

Ist euch nicht mulmig zumute?

Nein, wir sehen das als Chance, die Krise so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Wir fühlen uns nicht unserer Freiheit beraubt oder in unseren Rechten beschnitten. Ehrlich gesagt, wir wundern uns darüber, dass es in der Schweiz Leute gibt, die sich beschweren, weil man zu Hause bleiben soll. Das können wir hier überhaupt nicht nachvollziehen. Und raus zum Joggen oder zum Spazierengehen, das darf man hier, im Gegensatz zur Schweiz, nicht.  

Dabei habt ihr – quasi vor der Haustüre – einen Traumstrand. Wie vertreibt ihr euch die Zeit?

Das ist schon verrückt: Weil wir viel arbeiten, konnten wir in den vergangenen Jahren nur selten am Strand ausspannen. Jetzt hätten wir die Zeit dazu und dürfen nicht hin. Wir versuchen aber, das Beste aus der Situation zu machen. Nachdem wir unser Haus von oben bis unten blitzblank geputzt hatten, haben wir das Angebot unseres Online-Shops ausgebaut. In den letzten zwei Wochen konnten wir dort 50 neue Artikel einstellen. Für solche Projekte hatten wir während des laufenden Bar-Boutique-Betriebs nie Zeit. Und natürlich geniessen wir unsere Freizeit, die wir auf unserer sonnigen Terrasse verbringen.

Wird der vom Staat verordnete Hausarrest nicht zu einer Belastungsprobe für eure Beziehung?

Wenn man ständig zusammen ist, ist man natürlich auch mal voneinander genervt. Wir trösten uns aber damit, dass es anderen auch nicht besser ergeht als uns.



Kommt ihr auch mal ins Grübeln?

Klar, unsere ganze Existent hängt an diesem einen Geschäft und wir fragen uns: Wie und wann geht es weiter? Was passiert mit dem Tourismus? Ab wann kommen wieder Menschen auf die Insel, die hier ihre Ferien verbringen? Vor Ostern wurde die Ausgangssperre in Spanien noch um zwei weitere Wochen verlängert. Selbst wenn wir wieder öffnen dürfen – es werden erst einmal nur Gäste und Kunden kommen, die auf der Insel wohnen. Von diesen Einnahmen allein können wir nicht leben.

Habt ihr Kontakt zu anderen Auswanderern auf der Insel?

Ja, der einzige Treffpunkt hier ist der Supermarkt. Da winkt man sich gegenseitig zwischen den Gemüseständen und dem Kühlregal zu und wechselt – mit mehreren Metern Sicherheitsabstand – auch mal ein paar Worte, mehr aber nicht. Besonders viel tauschen wir uns im Moment mit unseren Stammgästen aus der Schweiz über Facebook aus.

Gibt es für euch einen Plan B?

Nein, den haben wir nicht. Wir hoffen, dass die Einnahmen unseres Online-Shops die Kosten für Dinge des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel decken. Wir sind gerade am Abklären, ob man die Sozialleistungen, die wir an den Staat zahlen müssen, wenigstens für einen Monat aufschieben können. Das würde uns enorm helfen. Ausserdem hoffen wir, dass wir für unser Geschäft, während des Lockdowns weniger Miete bezahlen müssen.

Denkt ihr manchmal daran, wieder in die Schweiz zurückzukehren?

Daran möchte weder ich noch Michael denken. Aber ja, wenn es ganz dumm laufen würde, dann bliebe uns nichts anderes übrig. Dann müssten wir ganz von vorne anfangen und uns den Neustart wieder von Grund auf erarbeiten. Aber so weit sind wir zum Glück noch nicht. Mit dem «Stars» haben wir uns über drei Jahre eine Existenz aufgebaut und wir werden dafür kämpfen, das nicht wieder zu verlieren.

Wer die beiden Auswanderer Tobias Bayer und Michael Paris bei «Adieu Heimat» wiedersehen möchte, muss sich noch etwas gedulden. Die für Mai und September geplanten Dreharbeiten mussten wegen der Corona-Krise verschoben werden.

Tobias Bayer und Michael Paris sind auf Facebook und Instagram aktiv.

Jubiläums-Besuch bei den TV-Auswanderern

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