Leicht bekleidet, stark überschminkt – einfach nicht mein Traum

Julia Wagner

15.3.2019 - 00:00

Reality-TV-Star und Make-up-Mogul Kylie Jenner (21) gilt weltweit als die Top-Influencerin. Sie soll bis zu einer Million Dollar verlangen können, um Produkte zu bewerben.
Bild: Getty Images

Verwaltungsrat, Hubschrauberpilotin? Will niemand mehr werden. Influencen wollen alle. Und dann orientiert sich die Selbstdarstellung in den sozialen Medien auch noch weitgehend an veralteten Rollenbildern. 

Ich werde immer wieder von Freunden und Kollegen gefragt, warum ich denn keine Influencerin sei. Schliesslich sei ich doch in der entsprechenden Branche tätig, viel unterwegs und würde mich auch in Sachen Mode und Social Media ziemlich gut auskennen. Die Antwort lautete bisher: Das ist nicht so mein Ding.

Ich muss nicht bei jeder Gelegenheit ein Selfie mit cool gelangweiltem Gesichtsausdruck machen. Also genauer gesagt, 100 Fotos von mir schiessen, bis eines so perfekt ist, dass die Welt da draussen neidisch auf mein Äusseres, meine Designer-Jeans und meinen Lifestyle sein könnte.

Und tschüss #lovemylife

Ich muss auch nicht meine Frühstücks-Flocken fotografieren, um die Welt wissen zu lassen, dass ich gerade #cleaneating mache oder die Weltmeere damit rette. Ich muss auch nicht mit C-Prominenten zu einem Event eingeladen werden, um dort mit ihnen zu posieren und alles in einer Insta-Story festzuhalten – unter dem Hashtag #lovemylife.

Mich wundert es schon, dass Influencer zu einem Traumjob für junge Menschen geworden ist. Wenn ich nochmal 20 wäre, würde ich wohl davon träumen, Vorstandsmitglied eines börsennotierten Unternehmens zu werden oder Hubschrauberpilotin.

Ganz sicher aber wäre es nicht mein Traum, leicht bekleidet und stark überschminkt (Contouring-Make-up genannt), Videos für YouTube zu drehen, in denen ich erkläre, welche Wimperntusche oder Designertasche ich mir gerade gekauft habe.

Fairerweise muss man sagen, dass es da draussen auch richtig gute Blogger gibt – zumindest eine Handvoll. Doch eine Vielzahl prägt aktuell ein Frauenbild, das mich extrem stört. Ich musste unlängst sogar einigen Yoga-Blogs entfolgen, weil es darin weder um Erleuchtung noch Training ging, sondern nur mehr darum, wie knapp der Body ist, in dem die Übungen vorgeführt werden.

Sexy, passiv und ohne eigene Meinung

Mein schlechtes Gefühl bestätigt leider auch eine aktuelle Studie der MaLisa Stiftung, die zu dem Ergebnis kommt, dass sich die Selbstdarstellung junger Frauen und Mädchen auf YouTube und Instagram weitgehend an veraltet anmutenden Rollenbildern und Stereotypen orientiert: sexy, passiv und ohne eigene Meinung. Letzteres würde bei Werbekunden einfach besser ankommen.

Wenn mich jetzt Freunde fragen, wann ich endlich Influencer werde, dann weiss ich, wie meine neue Antwort lautet: Sorry, keine Zeit. Ich muss da draussen das Rollenbild retten – und täglich erfolgreich meinen Job machen, manchmal ziemlich gestresst, meist ungeschminkt – aber stets mit eigener Meinung.

Hier gibt es an jedem Freitagmorgen eine Autoren-Kolumne – abwechselnd zu den Themen Mode, Essen, E-Mobility und Mutter. Heute: Mode.

Zur Autorin: Julia Wagner besuchte als Chefredaktorin von miss und später als Leiterin von Stylebook.de alle wichtigen Fashionweeks dieser Welt. Jetzt pendelt sie als Freelancerin ständig zwischen Berlin, Zürich und Wien – und trägt fast nur noch Hipster-Look: Sneaker, Jeans & Rucksack. Das liegt vor allem daran, dass die Haute Couture nicht ins Handgepäck passt.

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