Leben mit schweren Verbrennungen Brandverletzter Martin Achermann: «Lebensziele verschwinden nicht»

Jenny Keller

7.1.2026

Martin Achermann lebt seit fast 30 Jahren mit den Folgen schwerer Brandverletzungen – und hat seinen Weg gefunden.
Martin Achermann lebt seit fast 30 Jahren mit den Folgen schwerer Brandverletzungen – und hat seinen Weg gefunden.
Bild: zVg Martin Achermann

Martin Achermann erlitt vor fast 30 Jahren bei einem Motorradunfall grossflächige Verbrennungen. Im Interview mit blue News spricht er über seinen Weg nach dem Unfall.

Jenny Keller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Martin Achermann erlitt vor fast 30 Jahren bei einem Motorradunfall schwere Brandverletzungen.
  • Drei Monate Intensivaufenthalt, zahlreiche Operationen und lange Rehabilitation prägten seinen Weg.
  • Besonders schwierig war der Umgang mit dem eigenen Spiegelbild und den Blicken anderer.
  • Kleine Fortschritte und eigene Projekte halfen ihm, Selbstvertrauen zurückzugewinnen.
  • Heute sagt er: Ziele dürfen bleiben, auch wenn der Weg dorthin ein anderer wird.

Nach dem Brandereignis in Crans-Montana wird sichtbar, welche Folgen schwere Verbrennungen für Betroffene haben können – medizinisch wie psychisch. Für viele beginnt damit ein Leben mit ungewissen Prognosen, das sich von einem Moment auf den anderen verändert.

Martin Achermann weiss aus eigener Erfahrung, was das bedeutet. Vor fast 30 Jahren erlitt der heute 60-jährige Nidwaldner bei einem Motorradunfall in Ägypten schwere Brandverletzungen. Rund 30 Prozent seiner Haut wurden verbrannt. Es folgten monatelange Spitalaufenthalte, zahlreiche Operationen und eine lange Rehabilitation.

Im Gespräch mit blue News erzählt Achermann, wie er diesen Weg erlebt und was ihm geholfen hat, seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Martin Achermann, wenn Sie heute auf Ihren Unfall zurückblicken: Was ist das Erste, das Ihnen in den Sinn kommt?

Im Moment denke ich an die Schwerstverletzten von Crans-Montana. Das wühlt vieles wieder auf. In den letzten Tagen ist sehr viel hochgekommen. Dinge, die lange kein Thema mehr waren. Namen, einzelne Szenen.

Woran erinnern Sie sich?

Zum Beispiel an einen Physiotherapeuten auf der Verbrennungsintensivstation. Am Anfang kam er nur, um meine Finger und die Hand zu bewegen. Aktiv konnte ich selbst nichts machen, es ging einzig darum, dass die Gelenke nicht einrosten.

Wir verbrachten viele Stunden miteinander. Irgendwann sagte er zu mir: Wenn du hier rausgehst, wirfst du mir einen Ball zu. Für mich war das völlig unrealistisch. Ich habe gesagt: Ich brauche Fakten, keine Märchen.

Sie haben nicht geglaubt, dass das möglich ist?

Nein. Insgesamt war ich dreieinhalb Monate im Spital. Am Entlassungstag kam der Physiotherapeut in mein Zimmer, mit einem kleinen Schaumstoffball in der Hand. Er sagte: Wir haben noch etwas vor. Ich konnte den Arm vielleicht zur Hälfte heben – und habe ihm tatsächlich den Ball zugeworfen. Das war unglaublich. Solche Erlebnisse tragen einen.

Gleichzeitig waren die ärztlichen Prognosen am Anfang sehr hart. Es hiess, man müsse meine Hand wahrscheinlich amputieren. Heute habe ich die Hand noch. Die volle Beweglichkeit ist nicht mehr da, sicher etwa die Hälfte der Funktion fehlt. Aber ich kann greifen, etwas halten und werfen, ich habe Gefühl. Das ist enorm.

Wie haben Sie gelernt, mit den körperlichen Folgen der Brandverletzungen zu leben, auch im Umgang mit Ihrem eigenen Spiegelbild?

Das war sehr schwierig. Mein Gesicht wurde operiert, danach war es eine Woche komplett einbandagiert, inklusive zugenähter Augenlider. Ich durfte nichts bewegen. In der ganzen Abteilung gab es bewusst keine Spiegel.

Nach dieser Zeit habe ich aber gesagt: Ich will mich sehen. Ich muss mich mit mir auseinandersetzen. Drei Pflegefachpersonen haben mich zum Spiegel begleitet. Ich habe mich angeschaut und gesagt: Den kenne ich. Es war nicht schön, aber es war ich.

«Ich will mich sehen.» Der Gang zum Spiegel war im Spital für Martin Achermann ein wichtiger Schritt.
«Ich will mich sehen.» Der Gang zum Spiegel war im Spital für Martin Achermann ein wichtiger Schritt.
Bild: Melinda Blättler

Wie ging es nach diesem ersten Schritt weiter?

Dann hatte ich Pech. Die Haut begann sich wieder aufzulösen, wegen eines Keims, den ich mir vermutlich in Ägypten eingefangen hatte und der nicht auf die üblichen Antibiotika reagierte. Eine Woche später musste ich nochmals operiert werden, dann noch einmal.

In dieser Zeit wucherte das Gewebe im Gesicht stark, es dehnte sich aus. Irgendwann, nach einer dritten Operation und angepasster Behandlung, blieb die Haut stabil. Aber es gab diesen Moment, in dem die Konturen plötzlich weg waren, das Gesicht hatte eine völlig andere Form. Der Kopf und das Gesicht waren rund und aufgebläht. Das war heftig. Sehr heftig.

Wie sind Sie mit dieser Veränderung umgegangen?

Das zu akzeptieren war schwierig. Die Haut, die man mir aufgesetzt hatte, war sehr dünn, fast wie Seidenpapier. Sie wurde im Brutkasten gezüchtet, von der Grösse eines Fünflibers wuchs sie bis zu einem halben Kuchenblech.

Was bedeutete diese Komplikation für die weitere Behandlung?

Wegen der Infektion habe ich rund drei Wochen verloren, bis ich mit der Kompression beginnen konnte. Plexiglasmasken waren damals etwas Neues, galten als grosser Fortschritt. Angenehm waren sie trotzdem nicht.

Meine Maske trug ich rund um die Uhr, ausser beim Essen und Duschen. Später schlug man mir eine Silikonmaske vor, die war hauteng. Sie wäre für die Haut angenehmer gewesen, übte aber weniger Druck auf die Vertiefungen aus.

Ich schlug dem Orthopäden vor, einen Abdruck meines Gesichts zu machen, das Silikon nur etwa zwei Millimeter dick zu ziehen und die bestehende Plexiglasmaske darüberzusetzen. Ich habe das nicht patentiert, er hat die Idee später weiterentwickelt. Für mich war das sensationell. Eine grosse Entlastung, psychisch wie körperlich.

War das wichtig für Ihre Psyche, dass Sie sich intensiv mit dem Heilungsprozess beschäftigt haben?

Ja, sehr. Das war bei allem so. Beim wieder Laufen lernen, bei der Bewegung der Hand. Augen auf und durch. Ich wollte mich dem stellen.

Ich musste zum Beispiel mehrmals pro Woche ein desinfizierendes Bad nehmen. Dabei wurden getrocknete Haut und Wundkrusten von zwei Pflegefachpersonen mit Pinzetten abgezupft. Ich wollte auch eine Pinzette, habe dann aktiv mitgeholfen. In dem Moment hatte ich wieder das Gefühl, selber etwas tun zu können, nicht nur ausgeliefert zu sein. Ich bin diesen Weg bewusst mitgegangen. Das hat mir enorm geholfen.

Wie ging es nach der Akutphase weiter?

Nach zwei Jahren machte ich abends eine Weiterbildung, tagsüber führte ich den Haushalt. Und ich suchte mir ein Projekt. Ich begann damit, ein Motorrad zu restaurieren. Im Grunde kaufte ich einen Schrotthaufen und setzte ihn Stück für Stück wieder zusammen. Vier Jahre lang. Jedes Gewinde, jedes Loch, das ich selbst gebohrt habe, war wie Therapie.

Das Motorrad spielte bei Ihrem Unfall eine grosse Rolle. Hatte diese Restauration für Sie eine besondere Bedeutung?

Es ging darum, etwas Schritt für Schritt wieder zusammenzusetzen. Das war wichtig.

«Jedes Gewinde war Therapie.» Heute fährt Martin Achermann wieder Motorrad.
«Jedes Gewinde war Therapie.» Heute fährt Martin Achermann wieder Motorrad.
Bild: zVg Martin Achermann

Weil Sie selbst zu diesem Zeitpunkt noch weit davon entfernt waren?

Genau. Nach dem Spitalaustritt wog ich 48 Kilo, hatte kaum Kraft im ganzen Körper, die Hände waren nur eingeschränkt beweglich. Allein daran zu denken, je wieder Motorrad zu fahren, wäre lebensgefährlich gewesen. Ich habe geweint, wenn ich Motorräder gesehen habe.

Nach einem Jahr Physiotherapie und Krafttraining sagte ich aber: Ich beginne wieder zu fahren. Mein Unfall geschah ja nicht wegen meiner eigenen Fahrlässigkeit, sondern wegen eines Fehlers eines anderen. Ein Kollege begleitete mich. Wir fuhren eine Stunde raus, dann zurück nach Stans, wo ich wohnte. Viele fassten sich an den Kopf, fanden das verrückt. Am nächsten Tag fuhren wir auf den Klausen. So holte ich mir ein Stück Unabhängigkeit zurück.

Was bedeutete diese Unabhängigkeit für Sie?

Sehr viel. Nach dem Unfall war ich lange nur mit meiner Familie und meiner Partnerin Bea im Wald unterwegs, dort, wo mich niemand sah. Ins Dorf, unter Leute, die mich kannten, traute ich mich nicht. Erst nach und nach begann ich, Freundinnen und Freunde zu besuchen oder sie zu mir einzuladen – immer nur in kleinen Gruppen.

Das Grösste war deshalb, als ich wieder allein Auto fahren konnte. Im Auto war ich einfach ein Autofahrer. Da sah niemand die Narben, die offenen Stellen, das Blut. Ich fuhr stundenlang. Da war ich frei.

Wie sind Sie mit den Blicken von aussen umgegangen?

Ich hatte Angst vor ihnen, bevor ich sie überhaupt bekam. Ich ging ihnen bewusst aus dem Weg. Ich wusste nicht, was mich erwartet.

Als ich später in Stans das erste Mal wieder in mein Stammlokal ging, wurde es mäuschenstill, als ich hereinkam. Dann setzten sich die Wirte zu mir und sagten: «Schön, bist du wieder da.»

Gab es Reaktionen, die Sie verletzt oder verunsichert haben?

Wenn man etwas Aussergewöhnliches sieht, ist ein kurzer Blick normal. Aber wenn der Mund offen bleibt, wird es zum Gaffen. Es gab Situationen, in denen Leute auf der Strasse extra anhielten, nur um mein Gesicht nochmals anzuschauen. Am Anfang war ich verlegen und unsicher. Ich hatte das Gefühl, ich sei am falschen Ort.

Einmal lief in Stans eine Frau vor ein Auto, weil sie mich so lange anschaute. Mein erster Gedanke war: Jetzt bin ich schuld, dass ihr etwas passiert ist. Im Nachhinein realisierte ich, es ist einfach unglücklich gelaufen. Ein paar Wochen später fuhr eine Velofahrerin in den See, weil sie mich zu lange anschaute. Ich musste lachen und wir halfen ihr raus. Da merkte ich: Es ist mir bereits egal, was andere denken. Auch das ist ein Prozess.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Ihrem Körper und zu Ihrem Selbstwert über die Jahre verändert?

Am Anfang war mein Körper etwas, das nicht mehr funktioniert hat. Ich liess mir aber genau erklären, was in der Hand genau nicht mehr geht, was in den Fingern klemmt. Dieses Wissen hat mir geholfen, wieder Vertrauen zu fassen.

Beim Selbstwert war es ähnlich. Das Aussehen spielte lange eine grosse Rolle. Später habe ich mich sogar wieder über Kleinigkeiten wie Pickel geärgert. Daran merkte ich, dass sich mein Blick verschoben hat. Es ist nicht mehr alles auf die Verletzungen fokussiert.

Narben gehören zu Martin Achermanns Leben, bestimmen es aber nicht.
Narben gehören zu Martin Achermanns Leben, bestimmen es aber nicht.
Bild: Melinda Blättler

Natürlich gibt es Dinge, die bleiben. Wenn ich viel rede, sammelt sich Speichel an den Mundwinkeln, es entsteht ein Film, der trocknet, den ich etwa alle zehn Minuten abputzen muss. Das gehört zu meinem Alltag. Aber es definiert mich nicht.

Gibt es heute noch Momente, in denen Sie Ihr früheres Ich vermissen – nicht nur bezogen auf das Aussehen?

Nein, das spielt heute keine grosse Rolle mehr. Es gibt kein anderes Ich, das neben einem steht. Man ist, wer man ist.

Klar, am Anfang stellte ich mir die Frage: Was wäre, wenn dieser Unfall nicht passiert wäre. Aber diese Gedankenspiele bringen nichts. Man findet keine Antworten. Vielleicht wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Vielleicht wäre ich nie von Kairo nach Stans zurückgekehrt. Und vielleicht hätte auch die Beziehung zu meiner Partnerin nicht gehalten – mit jener Frau, mit der ich zum Zeitpunkt des Unfalls erst seit dreieinhalb Monaten zusammen war und mit der ich heute einen Sohn habe.

Und irgendwann geht es darum, mit dem umzugehen, was nach dem Unfall geblieben ist. Das habe ich schon ganz am Anfang im Spital gelernt. Von dort aus fragt man sich: Welche Träume habe ich noch? Was davon ist mit meinem Körper und meinen Möglichkeiten weiterhin machbar?

Manche Dinge funktionieren körperlich nicht mehr wie früher. Aber manchmal gibt es Alternativen, die sich anders anfühlen, und trotzdem gut sind.

Also nicht aufgeben, sondern Umwege in Kauf nehmen?

Genau. Vielleicht geht etwas nicht heute, sondern in zwei Jahren. Irgendwann kommt vielleicht auch der Punkt, an dem man sagen muss: Das geht wirklich nicht mehr. Dann muss man das akzeptieren. Aber dann kann man auch sagen: Ich habe alles versucht. Und vielleicht sieht es in fünf Jahren wieder anders aus.

Martin Achermann zeigt, dass ein Neuanfang nicht bedeutet, alles hinter sich zu lassen.
Martin Achermann zeigt, dass ein Neuanfang nicht bedeutet, alles hinter sich zu lassen.
Bild: zVg Martin Achermann

Das klingt sehr resilient. Gab es trotzdem Phasen, in denen Sie Ihren Platz im Leben verloren hatten?

Ja, die gab es. Und zwar relativ früh. Ich habe mich damals ernsthaft gefragt, was ich beruflich überhaupt noch machen kann. Ob ich jemals wieder eine Arbeit haben werde, die mich erfüllt.

Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte ich meinen absoluten Traumjob als Elektromonteur. In Ägypten installierte ich zusammen mit einem einheimischen Team für eine Schweizer Firma Druckverarbeitungsmaschinen. Die Arbeit war intensiv, fordernd, abenteuerlich. Und plötzlich war völlig offen, ob so ein Berufsleben je wieder möglich sein würde.

Wenn Sie heute auf den Martin von damals schauen: Gibt es etwas, das Sie ihm sagen würden?

Diese Frage ist nicht einfach. Vor dem Unfall war ich ein sehr selbstbewusster, vielleicht auch frecher Cheib. Offensiv, direkt. Ein paar Jahre nach dem Unfall sagte mein Vater einmal zu mir: «Vielleicht hat dir deine oft kritisierte Frechheit geholfen, diesen Weg so zu gehen.»

Dieses ständige Vorwärtsgehen, dieses Gefühl von «Was kostet die Welt, ich zahle bar», kam nicht immer gut an.

Wenn ich Sie richtig verstehe, hat der Unfall und alles, was danach kam, Sie zu einem vielschichtigeren Menschen gemacht?

Auf jeden Fall. Vielschichtig ist ein gutes Wort. Das kommt nicht nur vom Unfall. Ich war schon vorher ein sehr neugieriger Mensch. Aber durch den Unfall und den anschliessenden Verlauf hat sich meine Perspektive stark erweitert.

Hat Ihnen diese Perspektive auch in der Heilungsphase geholfen?

Ja. Relativ schnell kam der Moment, in dem ich gesehen habe: Es geht noch etwas. Am Anfang dachte ich wirklich, es gibt keine Chance. Aber dann ging mein Fokus auf die Heilung. Die Hand war noch da. Ein Finger zuckte. Dann noch einer. Und dann kam dieser innere Spieltrieb, vielleicht auch der Sportler in mir, der Ehrgeiz. Ich wollte ausprobieren, sehen, was noch möglich ist. Nicht verbissen, sondern neugierig. Das hat mir geholfen.

Was raten Sie Menschen, die nach einem schweren Brandunfall ihr Leben neu ordnen müssen?

Ich sage immer das Gleiche: Die Ziele, die du hattest, müssen nicht einfach verschwinden. Vielleicht braucht es einen anderen Weg. Vielleicht brauchst du Hilfe. Aber aufgeben solltest du nicht.

Wenn jemand sagt, ich will wieder auf diesen Berg, dann muss das nicht heissen, dass man ihn zu Fuss besteigt. Vielleicht fliegt man mit dem Helikopter hoch und geniesst es. Wenn es einem Menschen hilft, innerlich weiterzukommen, dann hat das seine Berechtigung.

Was war das bei Ihnen?

Bei mir war es die Musik. Ich spielte früher Trompete an der Fasnacht. Nach dem Unfall ging das nicht mehr. Einmal habe ich es trotzdem versucht, mit Gesichtsmaske, in der Euphorie, als mir ein Kollege seine Trompete in die Hand drückte. Es kam kein Ton. Die Luft ging nur bei den Mundwinkeln raus. Ich habe angefangen zu weinen, so weh tat das. Für mich war klar: Das ist für immer weg.

Ein paar Jahre später habe ich es nochmals probiert. Es ging immer noch nicht. Dann, weitere zehn Jahre später, habe ich mir eine Tuba gekauft, mit einem grossen Mundstück. Ich dachte: Die hat nur drei, vier Ventile, das muss doch gehen. Und es ging tatsächlich besser.

Nicht alles ging nach dem Unfall wieder wie früher. In der Guggenmusik fand Martin Achermann über das Tubaspielen wieder einen Weg sich auszudrücken.
Nicht alles ging nach dem Unfall wieder wie früher. In der Guggenmusik fand Martin Achermann über das Tubaspielen wieder einen Weg sich auszudrücken.
Bild: zVg Martin Achermann

Heute spiele ich in einer Guggenmusik Bass. Das macht mir grossen Spass und gibt mir unglaublich viel. Und lustigerweise hat das Tubaspielen meine Gesichtsmuskulatur so gestärkt, dass ich inzwischen sogar wieder Trompete spielen kann.

Das ist ein starkes Bild dafür, wie sich Dinge verändern können.

Genau. Es geht darum zu schauen: Gibt es etwas anderes, das mir auch Freude macht? Es muss nicht genau das Gleiche sein. Aber die Genugtuung kann ähnlich sein. Ausprobieren ist wichtig. Ein Ziel haben, aber ergebnisoffen bleiben.

Mir ist dabei aber wichtig zu sagen: Das ist keine Blaupause. Es ist kein Rezept. Jeder Mensch ist anders. Aber es hilft, verschiedene Möglichkeiten zu hören, verschiedene Wege kennenzulernen und dann für sich selbst zu entscheiden, was passen könnte.

Nicht jeder findet den gleichen Weg gut.

Und genau deshalb darf man Menschen nicht vergleichen. Ich habe oft Komplimente bekommen, wie ich mit meiner Situation umgegangen bin. Gleichzeitig hörte ich Sätze über andere wie: «Bei dem ist es ja gar nicht so schlimm, der soll sich nicht so anstellen.»

Das stimmt einfach nicht. Das, was ich erzähle, ist wertfrei. Manche tragen sehr schwere Rucksäcke, auch wenn man es ihnen nicht ansieht.

Also weniger urteilen?

Ja. Nicht zu früh werten. Jeder Mensch ist anders. Manche denken: «Der spinnt ja.» Aber wenn etwas einem Menschen hilft, ein bisschen Frieden zu finden, und niemandem schadet, dann ist das legitim. Auch wenn es von aussen seltsam wirkt. Respekt und Empathie sind entscheidend.

Und manchmal gehört auch dazu, abzuwarten. Es gab Menschen, die sich lange nicht mehr bei mir gemeldet haben. Ein lieber Freund sogar zwei Jahre lang nicht. Irgendwann sind wir uns im Dorf begegnet. Wir haben beide geweint, uns umarmt.

Da habe ich gemerkt: Auch er hatte einen Schock, konnte mit meinem Leid nicht umgehen. Es hilft schon viel, wenn man versucht, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Verein Brandgezeichnet

Brandgezeichnet ist ein Verein von und für Menschen mit Verbrennungen.

Brandgezeichnet ist ein Verein für Menschen mit Verbrennungen, der den Austausch unter Betroffenen fördert und die Reintegration in den Alltag nach einer Brandverletzung unterstützt.