Was wir noch nicht wissen Diese Fragen zur Brandkatastrophe sind noch offen

Lea Oetiker

5.1.2026

Crans-Montanas Ski-Community gedenkt den Opfern

Crans-Montanas Ski-Community gedenkt den Opfern

Nach dem Brand-Inferno von Crans-Montana gedenkt die Ski-Community den Opfern mit einem Herz auf den Pisten.

05.01.2026

Warum waren Minderjährige im Lokal? Wurde das Bar-Personal geschult? War das Deckenmaterial überhaupt erlaubt? Zum Brand in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana gibt es noch viele offene Fragen.

Lea Oetiker

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • In der Nacht auf den 1. Januar kam es in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana zu einem verheerenden Brand.
  • 40 Personen starben, 119 weitere Personen sind verletzt. Viele Opfer waren noch minderjährig.
  • Bislang konnten noch nicht alle Fragen zur Tragödie geklärt werden.

Fünf Tage sind vergangen, seit in der Bar «Le Constellation» ein verheerender Brand 40 Menschen das Leben kostete. Unter den Opfern sind zahlreiche Minderjährige, 119 weitere Personen wurden verletzt.

Noch sind die genauen Umstände des Brandes nicht vollständig geklärt. Für Dienstag hat die Gemeinde eine Pressekonferenz angekündigt, an der sie «Fakten im Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen» präsentieren will. Doch es gibt noch viele offene Fragen:

Warum sind so viele der Opfer minderjährig? 

Knapp die Hälfte der 40 Todesopfer des Brandes im «Le Constellation» war minderjährig – die Jüngsten gerade einmal 14 Jahre alt. Nun stellt sich die Frage: Warum waren sie im Lokal? Wurden die Alterskontrollen nicht richtig durchgeführt? Ab welchem Alter durfte man das «Le Constellation» überhaupt besuchen, ab 16 oder ab 18 Jahren?

Am Sonntag versammelten sich Trauernde um Blumenund Kerzen herum, um den Opfern des Brandes in Der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana zu gedenken.
Am Sonntag versammelten sich Trauernde um Blumenund Kerzen herum, um den Opfern des Brandes in Der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana zu gedenken.
KEYSTONE

Sicher ist: Laut kantonalem Gesetz ist der Zutritt zu Lokalen für Personen unter 16 Jahren ab 22 Uhr nicht erlaubt. Nur, wenn sie in Begleitung ihrer Eltern oder erwachsenen Aufsichtspersonen sind. So regelt es das Walliser «Gesetz über die Beherbergung, Gastronomie und den Einzelhandel mit alkoholischen Getränken». 

Was geschieht nun mit den Barbetreiber*innen?

Das Barbetreiber-Paar Jacques M. und Jessica M. stehen im Fokus der Ermittlungen. Gegen sie wurde ein Strafverfahren eingeleitet. «Ihnen werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vorgeworfen», schrieb die Behörde in einer Medienmitteilung. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Strafverfahren bedeutet, dass Staatsanwaltschaft oder Polizei einen konkreten Straftatverdacht untersuchen. Durch Ermittlungen wird geprüft, ob sich der Verdacht erhärtet. Es sagt jedoch noch nichts über eine Schuld oder einen späteren Schuldspruch aus und kann auch eingestellt werden.

Besucher*innen der Bar versuchten auch, über den Wintergarten des Lokals zu flüchten. Personen von aussen halfen ihnen dabei, die Scheiben einzuschlagen.
Besucher*innen der Bar versuchten auch, über den Wintergarten des Lokals zu flüchten. Personen von aussen halfen ihnen dabei, die Scheiben einzuschlagen.
AP

Die Staatsanwaltschaft richtet ihre Ermittlungen unter anderem auf die in der Bar verbauten Materialien – vor allem auf die Schallisolierung an der Decke. Sie soll bei der raschen Ausbreitung des Feuers eine entscheidende Rolle gespielt haben. 

Das Ehepaar ist trotz des schwerwiegenden Verdachts auf freiem Fuss. Wie es für die beiden weitergeht, ist unklar.

Die Staatsanwaltschaft erklärte in einer Mitteilung, man sei der Ansicht, dass die Voraussetzungen für die Anordnung einer Untersuchungshaft «derzeit nicht erfüllt» seien. «Aktuell bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Beschuldigten sich dem Strafverfahren oder der zu erwartenden Sanktion durch Flucht entziehen könnten», so die Staatsanwaltschaft.

War das Deckenmaterial erlaubt?

Nach Abschluss der ersten Ermittlungen der Kantonspolizei Wallis spricht alles dafür, dass das Feuer durch den Einsatz sogenannter «Fontänen» ausgelöst wurde. Dabei handelt es sich um Hüllen ohne Metall, die einen pyrotechnischen Satz enthalten und Funken sowie Flammen erzeugen.

Solche Fontänen können auf den Boden gestellt, an Halterungen befestigt oder in der Hand gehalten werden. In diesem Fall sollen sie an Champagnerflaschen angebracht gewesen sein und dabei zu nahe an die Decke gelangt sein – dort breitete sich das Feuer rasch zu einem Brand aus.

Auch Handyaufnahmen aus der Bar zeigen, wie die Decke in Flammen steht und immer wieder brennende Teile auf den Boden herabfallen.

Inferno a Crans-Montana: in un video si vede come il soffitto prende fuoco

Inferno a Crans-Montana: in un video si vede come il soffitto prende fuoco

Inferno a Crans-Montana: in un video si vede come il soffitto del locale «Le Constellation» prende fuoco.

02.01.2026

Die Ermittlungen konzentrieren sich weiterhin auf den Lärmschutzschaumstoff, der an der Decke angebracht war. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilt, prüfen die Ermittler zudem die Umbauten in der Bar, die eingesetzten Materialien sowie die erteilten Betriebsgenehmigungen. Auch die Sicherheitsvorkehrungen stehen im Mittelpunkt – darunter die vorhandenen Löschmittel, die Einhaltung der Brandschutzvorschriften und die Flucht- und Evakuierungswege.

Die Bar war 2015 von Betreiber Jacques M. umgebaut worden. Fotos auf Facebook zeigen, wie damals der Schaumstoff an der Decke angebracht wurde. Unklar ist bis heute, ob die verwendeten Platten den nationalen Vorgaben für Deckenverkleidungen entsprachen.

Nach den Schweizerischen Brandschutzvorschriften dürfen brennbare Baustoffe nur eingesetzt werden, wenn sie keine «unzulässige Gefahrenerhöhung» bewirken. In Räumen mit erhöhter Personenzahl sind Materialien mit kritischem Brandverhalten verboten – also solche, die tropfen, starken Rauch entwickeln oder giftige Dämpfe freisetzen. 

Gab es einen zweiten Notausgang?

Gemäss den Schweizerischen Brandschutzvorschriften müssen Räume, in denen sich mehr als 100 Personen aufhalten können, über mindestens zwei voneinander unabhängige vertikale Fluchtwege verfügen.

Auf dem Bild ist die Treppe nach draussen zu sehen.
Auf dem Bild ist die Treppe nach draussen zu sehen.
Facebook

Die Behörden versicherten am Freitag, dass das Lokal über einen weiteren Notausgang verfügte. «Es gibt nicht nur eine einzige Tür, auch wenn es so aussieht, als seien die meisten Menschen zum Zeitpunkt des Brandes durch den Haupteingang hinausgelaufen», sagte der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer. Dichter Rauch habe die Menschen bewegungsunfähig gemacht und ihnen die Sicht genommen. «Man kann davon ausgehen, dass wahrscheinlich nur wenige Menschen diese Ausgänge gefunden haben», so Ganzer weiter.

Nur: Laut Bildern, Videos und Zeugenaussagen sind alle Besucher*innen der Bar nur über die Haupttreppe ins Freie geflüchtet. War der zweite Ausgang erreichbar, wurden die Gäste über diesen informiert, war er gut gekennzeichnet?

Gab es genügend Brandschutzkontrollen?

Der Barbetreiber Jacques M. sagte dem «Tages-Anzeiger», dass er in den letzten 10 Jahren dreimal kontrolliert wurde. «Das Lokal hätte einer jährlichen Kontrolle durch die Brandschutzbehörde unterzogen werden müssen», erklärte Hugo Cina, der im Oberwallis als Brandschutzexperte tätig ist. Von jeder Kontrolle müsse auch ein Protokoll erstellt werden. Gab es tatsächlich nur drei Kontrollen in zehn Jahren, wie der Betreiber sagt? Dann wäre das zu wenig.

Im Wallis ist der Brandschutz anders organisiert als in den meisten anderen Kantonen: Die Verantwortung liegt bei den Gemeinden, der Kanton übernimmt lediglich die Koordination und Aufsicht.

Der Gemeindepräsident von Crans-Montana weist Vorwürfe zu unzureichenden Kontrollen zurück. So tritt die Gemeinde denn auch als Zivilklägerin im Verfahren auf, um «aktiv zur vollständigen Aufklärung des Sachverhalts beizutragen», wie es in einer Mitteilung heisst. Die Gemeinde habe der Walliser Staatsanwaltschaft alle ihr zur Verfügung stehenden Unterlagen übergeben.

Die Bar wurde 2015 umgebaut – just in jener Zeit, als die neuen nationalen Brandschutzvorschriften in Kraft traten. Seither muss jedes bewilligungspflichtige Bauvorhaben von einer ausgewiesenen Brandschutzfachperson begleitet und mit einem entsprechenden Konzept versehen werden. Ob für den Umbau des Innenbereichs eine Baubewilligung nötig war und tatsächlich vorlag, ist laut «NZZ am Sonntag» unklar.

Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer erklärte am Samstag, die Gemeinde Crans-Montana habe in der Bar Kontrollen vorgenommen. Beanstandungen oder Meldungen über Mängel lägen keine vor. 

Es ist nun an der Staatsanwaltschaft zu klären, ob die Gemeinde bei den Brandschutzkontrollen und -bewilligungen korrekt vorgegangen ist.

Wurde das Bar-Personal auf Notfälle geschult?

Zwei ehemalige Angestellte der Bar sprachen mit dem französischen Fernsehsender «BFM TV». Dort hält ein ehemaliger Mitarbeiter fest, dass es «kein Zufall sei, dass es zu einem Drama gekommen sei». Er zählt auf: «Isoliermatten, kein Zugang zu Feuerlöschern, nicht geschultes Personal, nur ein Sicherheitsbeamter vor Ort, ein Notausgang, der manchmal blockiert oder verschlossen war.»

Auch eine andere ehemalige Mitarbeiterin namens Sarah, die bis 2023 in der Bar gearbeitet hatte, schilderte im Interview beunruhigende Zustände: «Der Notausgang war verschlossen, weil er direkt ins Gebäude führte». Ihr und den anderen Mitarbeitenden sei es «verboten» gewesen, diese Tür zu öffnen.

Der einzige Fluchtweg führte laut ihr über die schmale Treppe hinaus aus der Bar. Dass rund 200 Menschen innerhalb von zehn Minuten hätten entkommen können, hält die ehemalige Angestellte für ausgeschlossen. «Es war extrem eng. Wäre die Tür hinten, gegenüber den Toiletten, geöffnet gewesen, hätte das wohl viele Leben gerettet», so die Angestellte.

Ungeklärt ist bislang auch noch, ob es eine Sprinkleranlage gab, ob Feuerlöscher vorhanden waren und ob die Bar an Silvester überfüllt war.