Weiterleben mit dem Virus Wirt: «Die Öffnung Mitte Mai kam eigentlich zu früh»

Von Tobias Bühlmann

19.9.2020

Die Leere ist Geschichte im Restaurant Freibank in Bern – aber auch jetzt ist die Situation noch anspruchsvoll.
Die Leere ist Geschichte im Restaurant Freibank in Bern – aber auch jetzt ist die Situation noch anspruchsvoll.
Bild: zVg

Das Coronavirus zwingt allen einen neuen Alltag auf – schon seit einem halben Jahr. Ein Wirt erzählt, wie es seinem Restaurant unterdessen geht und warum er fand, dass die Öffnung nach dem Lockdown zu früh erfolgte.

Wie es mir heute geht? Mir persönlich geht’s gut, und auch geschäftlich läuft es gut in Anbetracht der Umstände: Wir konnten alle unsere Festangestellten halten und beschäftigen sie inzwischen auch wieder im ursprünglichen Pensum. Nur die Aushilfen mussten sich leider eine neue Arbeit suchen.

Die Freibank ist stark davon betroffen, dass immer noch viele im Homeoffice arbeiten, denn wir machen 90 Prozent des Umsatzes mit den Arbeitenden der umliegenden Büros. Wer zurück ist, kommt aber gerne wieder. Trotzdem liegt unser Umsatz derzeit etwa 30 Prozent unter jenem des Vorjahrs.

Und grössere Gruppen gehen natürlich immer noch nicht, solche Anlässe hatten wir vor der Pandemie viel. Das wird sicher noch bis ins nächste Jahr so bleiben. Mit dem aktuellen Umsatz können wir erst mal überleben, aber für Investitionen haben wir kein Geld. Derzeit machen wir einen guten Umsatz, weil wir eine grosse Terrasse haben und das Wetter passt. Aber für den Winter sieht es schwieriger aus, weil wir drinnen einfach viel weniger Platz haben.

«Wie es ab Januar weitergeht, können wir derzeit nicht abschätzen.»

Das wird sicher eine Herausforderung, weil wir nicht wissen, wie die Gäste auf unser Schutzkonzept reagieren werden. Und dann sind da auch die Ängste, die jeder persönlich hat. Einige kommen zwar auf die Terrasse, aber reinsitzen mögen sie nicht. Allen Sicherheitsbedürfnissen unserer Gäste können wir nicht entgegenkommen. Heute hatten wir gerade eine Anfrage für eine Weihnachtsfeier für 14 Personen, die aber alle anderthalb Meter Abstand halten sollten zum anderen. Das lässt sich im Innenraum der Freibank nicht machen.

Die Zukunft ist sehr ungewiss, wie es ab Januar weitergeht, können wir derzeit nicht abschätzen. Wir haben aber schon die letzten beiden Jahre ein Winterkonzept gehabt, damit wir auch draussen auf der Terrasse Gästen gemütliche Plätze an der frischen Luft bieten können. Das planen wir auch für diesen Winter: Wir machen Feuer, und es wird Raclette, Glühwein und Decken geben.

Zur Person

Adrian Wittwer (37) ist seit 20 Jahren im verschiedenen Gastrobetrieben tätig. Er ist Mitgründer und Co-Geschäftsleiter des Berner Restaurants Freibank.

Ich finde, das Schutzkonzept für die Gastronomie in Bern ist eine machbare Herausforderung. Es braucht keine grossen Investitionen, aber man muss halt die Platzzahl im Inneren beschränken und mit den Gästen das Gespräch suchen. Natürlich ist man als Wirt mehr im Fokus, und manchmal sind die Leute auch böse auf mich. Auch wenn ich nichts dafür kann, dass sie beim Besuch ihre Kontaktdaten hinterlassen müssen.

Wenn ich zurücksehe, finde ich die Hilfsmassnahmen gut, die wir als Gastronomen erhalten haben: Wir konnten dank der Kurzarbeitsentschädigung die Mitarbeitenden halten. Als Mitinhaber hat man beim Erwerbsersatz andere Bedingungen, aber der wurde ja jetzt zum Glück gerade noch mal verlängert. 

«Es ist schön, wie die Leute wiederkommen und die Gäste wieder Freude haben.»

Wenn ich einen Kritikpunkt habe, dann ist das die Geschwindigkeit, mit der die Lockerung kam: Rückblickend muss ich sagen, dass die Öffnung schon Mitte Mai eigentlich zu früh war. Klar, da wollte man den wirtschaftlichen Schaden eingrenzen. Aber ich hätte da lieber noch einen Monat zugewartet und wäre die Wiedereröffnung dann langsamer angegangen, das hätte sicher geholfen.

Für uns hiess es dann recht plötzlich: «Jetzt darfst Du wieder» – und unser Erwerbsersatz stand dann erst mal auf der Kippe am 11. Mai. Das hat mich gerade auch in meiner persönlichen finanziellen Situation massiv unter Druck gesetzt damals. Letztlich kam es dann zum Glück doch anders. Aber wäre uns nach dem 11. Mai der Erwerbsersatz gestrichen worden für die Inhaber, wäre es sehr schwierig geworden.

Beim Mietzins für unser Lokal haben wir eine gute Lösung gefunden. Unser Vermieter, die Stadt Bern, hat mit uns eine individuelle Lösung verhandelt. Da muss ich ihnen wirklich ein Kränzchen winden, das lief aus meiner Sicht sehr gut.

Es ist schön, wie die Leute wiederkommen und die Gäste wieder Freude haben. Wir erleben eine grosse Dankbarkeit. Und vor allem sehen wir, dass Restaurants mit einem persönlichen Service und einem guten Angebot eigentlich auch systemrelevant sind. Natürlich ging während des Lockdowns viel übers Internet, da ist niemand verhungert. Aber der soziale Aspekt ist für viele unserer Gäste schon sehr wichtig, und der kommt online natürlich zu kurz.

Einige Schwarzmaler haben im Frühling gesagt, dass die Gastronomie nach Covid nie mehr so sein wird wie zuvor. Aber nach vielen Gesprächen habe ich gemerkt, dass der Schweizer doch gerne vor Ort spontan was essen kann.

Serie zum Thema «Noch immer Leben mit dem Virus»

Vor einem halben Jahr, am 16. März 2020, hat der Bundesrat einen Quasi-Lockdown angeordnet, die Schweiz stand nahezu still. In den Wochen danach hat «Bluewin» in einer Artikelserie verschiedene Personen über ihren neuen Alltag erzählen lassen. Doch wie geht es diesen Menschen heute? Drei von ihnen erzählen in der Serie «Immer noch Leben mit dem Virus» erneut.

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