Nach den Lockerungen: Hier ist das Ansteckungsrisiko am grössten

tmxh/dpa /SDA

5.6.2020 - 17:54

Wo ist das Risiko nach dem Lockdown am höchsten: Pendler mit und ohne Schutzmasken fahren in einer Zürcher S-Bahn.
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Nach und nach wird der Lockdown in der Schweiz aufgehoben. Ab 6. Juni dürfen wieder Orte betreten werden, an denen das Coronavirus ohne Vorsichtsmassnahmen leichtes Spiel hat. Wo ist das Ansteckungsrisiko am grössten? 

Allerorten werden die Corona-Massnahmen gelockert – womit auch die potenziellen Ansteckungsorte zunehmen. Im Bus, im Restaurant oder im Büro: Das Risiko, sich zu infizieren, steigt nun. Zunächst braucht es ein Verständnis der aktuellen Forschung zu den Ansteckungswegen.

Tröpfchen, die etwa beim Sprechen ausgestossen werden, sind weiterhin das Hauptrisiko für eine Übertragung – deshalb ist das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen in bestimmten öffentlichen Bereichen Pflicht, weil diese die Tröpfchen abfangen und damit das Ansteckungsrisiko für andere verringern. Sind Menschen aber längere Zeit zusammen in geschlossenen Räumen, reden, singen vielleicht – dann könne es mit den sogenannten Aerosolen in der Luft irgendwann kritisch werden.



Aerosole sind kleinste Schwebeteilchen in der Luft. Inzwischen gehen Forscher davon aus, dass auch über diese eine Ansteckungsgefahr mit dem neuartigen Coronavirus besteht. Vor Aerosolen schützen einen Alltagsmasken und medizinische Gesichtsmasken kaum.

Welche Rolle spielen Aerosole?

Bei der Erforschung von Corona-Infektionswegen nehmen Wissenschaftler zunehmend diese Aerosole unter die Lupe. «Wir sind ziemlich sicher, dass Aerosole einer der Wege sind, über die sich Covid-19 verbreitet», sagte der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Gerhard Scheuch. Schmierinfektionen etwa spielten eine geringere Rolle.



Es seien aber noch viele Fragen offen, so Scheuch – zum Beispiel, wie sich das Virus beim Sprechen verbreite oder welche Rolle die Temperatur spielt. «Da muss viel Forschungsarbeit gemacht werden», sagte er. «Aber es wird gerade immer mehr in die Richtung geforscht.» Längst nicht geklärt ist demnach auch, wie infektiös getrocknete Aerosole sind.

Es gibt schon Studien, die sich mit der Verbreitung von Tropfen und Aerosolen in der Luft befassen. Allerdings kommen die zu teils unterschiedlichen Ergebnissen.

Verschiedene Forschungsergebnisse

So hat ein Team um Christian Kähler vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr München mit einer Sängerin Experimente gemacht und kommt zu dem Schluss, dass die Luft beim Singen nur bis 0,5 Meter vor dem Mund in Bewegung versetzt wird – unabhängig etwa davon wie laut der Ton war. Als Tipp zum Selbertesten raten die Forscher, sich vor eine brennende Kerze zu stellen und zu schauen, wann die Flamme anfängt zu flackern, wenn man sich ihr beim Sprechen nähert.

Die Wissenschaftler Talib Dbouk und Dimitris Drikakis wiederum haben berechnet, wie weit sich Speicheltropfen bei leichtem Husten verbreiten: ohne Wind nicht weiter als zwei Meter, aber bei Winden von 4 und 15 Stundenkilometern durchaus auch sechs Meter. Zwar nähmen Konzentration und Grösse der Tropfen ab, aber womöglich reiche eine Entfernung von zwei Metern nicht aus. 

Nur kurz in Innenräumen aufhalten

Weitere Aspekte, die Einfluss auf die Infektionswege haben können, sind etwa die Höhe des Raumes und die Durchlüftung. So rät beispielsweise Kähler, es sollte «einerseits die Luftwechselrate in Zeiten der Pandemie deutlich erhöht werden, andererseits sollte bei einer idealen Raumbelüftung die Luft von unten durch den Boden zugeführt und flächig über die Decke abgesaugt werden».

Allgemein gilt: In geschlossenen Räumen soll man sich möglichst kurz und mit möglichst wenigen Personen aufhalten. Auch für eine gute Durchlüftung sollte gesorgt sein, damit die Luft im Raum zirkuliert.



Abhilfe soll der Mund-Nase-Schutz schaffen. Allerdings muss man dabei wissen, dass die sogenannten Community-Masken Partikel etwa mit einem Durchmesser bis zu zwei Mikrometern nahezu gar nicht stoppen können, was Kählers Team eindrucksvoll mit Videoaufzeichnungen dargestellt hat. Dennoch hätten die einfachen Masken einen wichtigen Effekt, betont der Professor: «Sie bieten Strömungswiderstand. Anstatt dass man Partikel weit nach aussen pustet, halten sie sich nah am Kopf.»

Doch was bedeutet das alles für das Ansteckungsrisiko nach den Lockerungen der Massnahmen? Eine Übersicht.

Familie und Haushalt

Im eigenen Haushalt und in der eigenen Familie geschehen viele Ansteckungen. Einer chinesischen Studie aus Wuhan zufolge steckt sich im Schnitt eines von fünf Familienmitgliedern an – wobei Ehepartner das grösste Risiko tragen: Durchschnittlich drei von zehn Ehepartnern steckten sich an, wenn der andere infiziert war.



Der Kantonsärztliche Dienst des Kantons Aargau schätze laut «Tages-Anzeiger» Ende Mai ein: «Als mögliche Infektionsorte wurden im Wesentlichen der Arbeitsplatz, die Familie sowie die Nachbarschaft angegeben.» Auch das Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt veröffentlichte schon Ende April eine Auswertung der Ausbreitung. Demnach steckten sich mit 19 die meisten im familiären Umfeld an.

Restaurants

Eine Studie aus Guangzhou in China erlangte Berühmtheit: Demnach steckten sich in einem Restaurant Mitglieder aus zehn Familien an, weil eine infizierte Person etwa anderthalb Stunden im selben, fensterlosen Raum sass. Dabei spielte anscheinend die Klimaanlage eine entscheidende Rolle.



Die US-Seuchenschutzbehörde CDC empfiehlt daher, im Restaurant den Abstand zwischen den Tischen zu vergrössern und die Belüftung zu verbessern. Und der deutsche Virologe Christian Drosten regte an, die Aussenflächen vor Cafés und Restaurants und auch Bürgersteige grossflächiger für die Bestuhlung zu nutzen, weil die Ansteckungsgefahr mit dem Virus draussen deutlich geringer sei als in geschlossenen Räumen.

Experte Patrick Zbinden meint: «Ein Grossteil der Gäste hat die neuen Verhaltens- und Hygieneregeln verinnerlicht. Dazu gehört eben nicht nur in den Ellbogen niesen, sondern auch keine Massenabfertigung mehr am Buffet zu erleben. Das ist wie ein neuer Knigge, der da gerade entsteht.»

Büros

Wie sich das Coronavirus in einem Grossraumbüro ausbreiten kann, zeigte eine Studie aus Südkorea. Aufgrund einer einzigen infizierten Person erkrankten in einem Callcenter innerhalb einer Woche 94 von 216 Mitarbeitern. Aber: Trotz zahlreicher Interaktionen zwischen den Etagen blieben die Ansteckungen fast nur auf das eine Stockwerk begrenzt.

Das Grossraumbüro: Auf jedem in blau-grün markierten Platz sass eine mit SARS-CoV-2 infizierte Person. Auffällig: Die geringere Anzahl Infizierter auf der linken Seite.
Centers of Desease Control and Prevention

Auch hier zeigt sich: In geschlossenen Räumen, in denen über längere Zeit viele Menschen sprechen, steigt das Infektionsrisiko enorm an. «Das Ausmass des Ausbruchs zeigt, wie eine Arbeitsumgebung, in der wenig physische Distanz zwischen den Mitarbeitenden besteht, zu einem Ort mit hohem Risiko für die Verbreitung von Covid-19 und möglicherweise zu einer Quelle weiterer Übertragung werden kann», heisst es in einer Publikation der südkoreanischen Wissenschaftler, die von den Centers of Disease Control and Prevention veröffentlicht wurde.



Öffentlicher Nahverkehr

Wegen des Coronavirus wollen Schweizerinnen und Schweizer in Zukunft weniger häufig öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Grund dafür sei die Angst, man könnte sich in Bus und Bahn mit dem Virus anstecken. Und diese Sorge könnte durchaus begründet sein.

Eine Studie untersuchte die Übertragungswege in Bussen in der chinesischen Provinz Zhejiang. 146 Passagiere fuhren in zwei Bussen und 150 Minuten. Eine infizierte Person steckte quer durch den Bus hinweg Menschen an. Auch hier zeigt sich, dass Aerosole eine grosse Rolle spielen könnten.

Eine Studie aus New York kommt zu ähnlichen Ergebnissen – und lässt zudem vermuten, dass sich das Virus in der Stadt entlang jener Strecken am schnellsten verbreitete, auf denen die Passagierzahlen höher blieben.

Kirchen

Nach einem Gottesdienst in einer Kirchengemeinde der Baptisten in Frankfurt steckten sich Ende Mai mehr als 40 Menschen mit dem Coronavirus an. Seither gelten Versammlungen in Kirchen als besonders kritisch.

In der Schweiz passten die Landeskirchen ihre Schutzkonzepte für Gottesdienste an: «Aufgrund der hohen Virenverbreitungsgefahr beim Singen muss vorerst auf das Singen verzichtet werden», zitiert der «Tages-Anzeiger» die Empfehlungen der evangelisch-reformierten Kirche.



Vieles wird in den beiden Landeskirchen gleich oder ähnlich gehandhabt: So sollen in den Kirchen pro sitzende Person vier Quadratmeter zur Verfügung stehen. Der notwendige Zwei-Meter-Abstand muss mit geeigneten Massnahmen wie der Sperrung jeder zweiten Sitzreihe, versetztem Sitzen in den Bänken oder der Entfernung von Stühlen gewährleistet werden. Bänke und Türfallen werden nach dem Gottesdienst gereinigt. Genutzt werden dürfen nur Räume, die gut durchlüftet werden können.

Chor

In einer kleinen Landgemeinde im Kanton Luzern fand am 10. März eine Chroprobe statt. Ein Mitglied der Chores war mit dem Virus infiziert. Bis zum 19. März sollen acht Teilnehmer an Corona erkrankt gewesen sein, andere zeigten Symptome, ohne sich jedoch testen zu lassen.

Forscher aus Washington analysierten die Ansteckung innerhalb eines Chores und vermuteten, dass die Übertragung einem Abstand von unter zwei Metern geschuldet war. Auch der «Tages-Anzeiger» zitiert Biologieprofessor Timothy George Bromage «Singen aerosoliert Atemtröpfchen ausserordentlich gut. Tiefes Einatmen beim Gesang ermöglicht es den Viren tief in die Lungen zu gelangen. Die mehrstündigen Proben sind lange genug, damit die meisten Teilnehmer genug Viren ausgesetzt sind, um krank zu werden.»

Bars und Clubs

Dass die Ansteckungsgefahr in Clubs und Bars am grössten ist, scheint den meisten spätestens seit der Ansteckungswelle durch Aprés-Ski-Bars in Ischgl klar. Dort, wo viele Menschen in stickiger Luft auf Engem Raum tanzen oder sich aufgrund lauter Musik nur in nächster Nähe unterhalten können, steigt das Infektionsrisiko enorm. 



Auch im schweizerischen Verbier war zu beobachten, wie das Infektionsgeschehen in Party-Orten wirkt. Bekannt wurde auch ein Fall aus Südkorea, wo ein Infizierter Anfang Mai mehrere Clubs im Ausgehviertel Itaewon besuchte. Über 250 Infektionsfälle hängen inzwischen mit dem Vorfall zusammen.

Fitness und Sport



Monatelang sind die Fitness- und Sportclubs geschlossen. Zuvor waren etwa in Südkorea zwölf Clubs betroffen. Was bei der Beobachtung auffällt: Die Ansteckung erfolgte vor allem in Tanzkursen, Yogakurse waren beispielsweise nicht betroffen, auch wenn die Trainer angesteckt waren. Höchstwahrscheinlich spielt also die Gruppengrösse und die Intensität des ausgeübten Sports eine entscheidende Rolle. 

In den Fitnessclubs der Schweiz ist die Zahl der Besucher begrenzt. Pro zehn Quadratmeter Platz ist eine Person zugelassen, heisst es im Schutzkonzept. 

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