Schär geht k.o., verschluckt die Zunge und überragt danach alle

Patrick Lämmle

23.3.2020 - 10:09

Fabian Schär. 
Bild: Keystone

Am 23. März 2019 startet die Schweiz in Georgien mit einem 2:0-Sieg in die EM-Quali. Fabian Schär ist an beiden Toren direkt beteiligt, dabei hätte er da längst nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen.

Schär ist bis in die Fingerspitzen motiviert, kommt bereits in der 2. Minute zu einem ersten Kopfballabschluss und er ist es auch, der die erste Chance der Gastgeber entschärft, indem er sich in einen Schuss wirft. In der 24. Minute schlägt es dann ein erstes Mal ein – allerdings nicht so, wie man sich das als Fussballfan wünscht.

Nach einer Ecke von Rodriguez steigen Schär und sein Gegenspieler Jemal Tabidze in die Höhe und prallen im Kampf um den Ball mit den Köpfen zusammen. Beide gehen zu Boden und bleiben liegen, das sieht gar nicht gut aus. Rund fünf Minuten werden die beiden auf dem Platz gepflegt. Tabidze zieht sich eine Platzwunde zu, mit einem dicken Turban und einem frischen Shirt geht es weiter.

Nachdem er sein blutüberströmtes Shirt gewechselt hat, wird Jemal Tabidze weiter verarztet.
Bild: Keystone

Georgier zieht Schär die Zunge aus dem Rachen

Auch Schär erhält vom damaligen Teamarzt Damian Meli grünes Licht. Seiner Leistung tut der Zwischenfall keinen Abbruch, der Innenverteidiger leitet in der zweiten Halbzeit beide Tore der Schweiz mit ultrapräzisen Zuspielen ein. Schär ist an diesem Abend der beste Mann auf dem Platz.

Erst nach dem Spiel sickert durch, dass sich der inzwischen 28-Jährige beim Zusammenprall die Zunge verschluckt hatte, die ihm der Georgier Jano Ananidze geistesgegenwärtig aus dem Rachen zog. Als «Blick» Schär nach dem Spiel die Szene zeigt, in dem ihm der Georgier erste Hilfe leistet, meint er: «Das sieht krass aus. Ich kann mich an gar nichts erinnern. Ich war einige Sekunden k.o. Mein Schädel brummt noch. Zudem habe ich Nackenschmerzen. Und eine Beule an der Stirn. Aber es hat sich gelohnt.»

Warum um Gottes willen wurde Schär nicht ausgewechselt?

Teamarzt Meli untersucht Schär nach dem «Sport Concussion Assessment Tool» und stellt keine neuropsychologischen Defizite fest. Der Verteidiger kann alle Testfragen richtig beantworten, er weiss beispielsweise, dass er sich in Georgiens Hauptstadt Tiflis befindet. Um den Test korrekt durchzuführen, bräuchte man allerdings rund zehn Minuten, also deutlich länger als geschehen.



Mehrere Sportmediziner üben öffentlich Kritik. Niemals hätte Schär aufs Feld zurückkehren dürfen, so der Tenor. Und offenbar hat inzwischen auch Meli ein mulmiges Gefühl. Drei Tage später fehlt Schär im Spiel gegen Dänemark (3:3). Vom «SFV» wird der Arzt wie folgt zitiert: «Die Rückkehr in den Sport nach einem derartigen Zusammenprall benötigt eine gewisse Zeit. Üblicherweise braucht ein Spieler ein paar Tage, um schrittweise an einen Einsatz herangeführt zu werden. Diese Zeit fehlt zwischen den zwei Spielen gegen Georgien und Dänemark.»

Nach der ganzen Geschichte stellt Meli sein Amt nach sieben Jahren Tätigkeit beim «SFV» zur Verfügung. «Blick» will vom Nati-Doc wissen, ob der Rücktritt mit dem Fall Schär zu tun habe. «Ja, das ist ja offensichtlich», so die ehrliche Antwort. Im Nachhinein sei man immer schlauer. «Wenn man die TV-Bilder sieht, dann ist klar, dass man ihn rausnehmen muss.» Der Rücktritt sei eine gute Entscheidung gewesen, die er nicht bereue. «Mein Kerngeschäft ist meine Hausarzt-Praxis.»

Kopfverletzungen im Fussball – ein leidiges Thema

Zurück zur StartseiteZurück zum Sport