Interview Marc Rosset: «Wenn mein Vater solche Dinge gesagt hätte, hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst»

Von Chris Geiger

25.6.2020

Marc Rosset (rechts) kritisiert Srdjan Djokovic: «Selbst wenn man seinen Sohn mehr als alles andere auf der Welt liebt, kann man so etwas nicht durchziehen.»
Marc Rosset (rechts) kritisiert Srdjan Djokovic: «Selbst wenn man seinen Sohn mehr als alles andere auf der Welt liebt, kann man so etwas nicht durchziehen.»
Bild: Keystone

Im Interview mit «Bluewin» erklärt Marc Rosset, was ihm an der von Novak Djokovic mitorganisierten Adria Tour missfällt. Die restliche Tennis-Saison sieht der Olympiasieger von 1992 aber nicht in Gefahr.

Marc Rosset, die Adria-Tour – mit Initiator und Zugpferd Novak Djokovic – wurde zum Desaster und musste nach der Bekanntgabe mehrerer positiver Corona-Fälle abgebrochen werden. Waren Sie von der Durchführung des Exhibition-Turniers überrascht?

Im Prinzip habe ich nichts dagegen, ein Turnier zu organisieren, damit die Spieler Tennis spielen können. Es gibt derzeit ein positives Beispiel des von Patrick Mouratoglou ins Leben gerufenen Turniers (in Biot, Frankreich, Anm. d. Red.), bei dem die Sicherheit oberste Priorität geniesst. Der Unterschied zwischen diesem Turnier und der Adria Tour ist eklatant. Vergleicht man die beiden Anlässe, könnte man sich fragen, ob wir auf demselben Planeten leben. Aber man darf nicht vergessen, dass man bei der Durchführung einer Veranstaltung die Anweisungen des Landes und der Regierung befolgen muss. Dies haben die Organisatoren der Adria Tour eigentlich getan.

Offensichtlich galten in Serbien und Kroatien nicht sehr strenge Richtlinien. Wie reagierten Sie, als Sie die Bilder aus diesen Ländern sahen?

Ich bin kein Corona-Spezialist, schon gar nicht, was die Situation in den Balkanländern betrifft. Als ich meinen Fernseher einschaltete, war ich natürlich überrascht, bis zu 5'000 Zuschauer auf der Tribüne oder Umarmungen zwischen den Spielern zu sehen. Jeder weiss, dass es so etwas wie ein ‹Nullrisiko› nicht gibt. Deshalb war ich besonders irritiert über die Bilder der Spieler im Nachtclub. Ich sage nicht, dass sie aufhören müssen zu leben, aber es ist schockierend, solche Bilder im Netz zu sehen.

Waren die positiven Tests von Grigor Dimitrov, Borna Coric, Viktor Troicki und Novak Djokovic angesichts dieser Vorkommnisse die logische Folge?

Ja, ein Verwandter von Novak Djokovic wurde bekanntlich rasch positiv getestet. Und sobald ein Fall positiv ist, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit bald darauf weitere folgen.



Agierten die Organisatoren generell fahrlässig?

Es wäre natürlich besser gewesen, die Adria Tour ohne Publikum durchzuführen. Der Zweck dieses Wohltätigkeitsturniers bestand jedoch darin, Spenden zu sammeln. Das Turnier wurde also in guter Absicht organisiert, und das Ziel war, die Menschen nicht anzustecken. Betrachtet man das Ergebnis, so wurden die Sicherheitsstandards eindeutig nicht ausreichend eingehalten. Es fehlten viele Dinge, etwa auch Desinfektionsmittel. Aber nicht nur das. Ärgerlich war insbesondere auch, als Novak Djokovic ein Telefon-Meeting bezüglich der Durchführung der US Open verpasst hatte ... weil er Basketball spielen wollte. Es waren 400 Spieler anwesend, nicht aber der Präsident des ATP-Spielerrats. Daher fragt man sich, ob er den Job wirklich verdient.

Sollte Novak Djokovic als Spielerratspräsident zurücktreten?

Wenn ich der Präsident des ATP-Spielerrats wäre, wenn ich das US-Open-Treffen verpasst und andere Spieler verärgert hätte und dann das passiert, was auf der Adria Tour passiert ist, dann würde ich zurücktreten. Es wurde eine Spaltung und eine Kontroverse geschaffen, während das Ziel eines Präsidenten darin besteht, die Akteure zusammenzubringen. Und er hat die Pflicht, ein Vorbild zu sein. Selbst wenn du dich nicht schuldig fühlst – übernehme Verantwortung und ziehe dich zurück. Es liegt aber nicht an mir, seinen Rücktritt zu fordern. Das muss Novak Djokovic selbst entscheiden.

Die Spaltung, die Sie erwähnen, hatte sich bereits herauskristallisiert, als sich Djokovic als Impfgegner positionierte.

Novak Djokovic ist eine kontroverse Persönlichkeit. Was immer er sagt, wird kritisch hinterfragt. Ich urteile nicht, weil jeder seine eigene Motivation und seine eigenen Überzeugungen hat. Doch allgemein bleibt Novak Djokovic ein Rätsel. Wenn ich zur Chronologie der letzten Tage zurückkehre, hat es bereits den verbalen Ausbruch seines Vaters bezüglich Roger Federer gegeben, den ich für unzulässig halte. Selbst wenn man seinen Sohn mehr als alles andere auf der Welt liebt, kann man so etwas nicht durchziehen. Wenn mein Vater solche Dinge gesagt hätte, wäre ich nach Hause gegangen und hätte ihm eine Ohrfeige verpasst. So kann man nicht mit jemandem reden. Es ist einfach nur dumm.



Es gibt eine Abneigung zwischen Novak Djokovic und dem Publikum. Es ist schwer für ihn, in Sachen Popularität mit Roger Federer und Rafael Nadal zu konkurrieren. Ich kann verstehen, dass es für ihn frustrierend ist. Er ist die Nummer eins in der Welt und ein grossartiger Spieler, aber er hat es mit zwei Legenden zu tun. Mit den Aussagen seines Vaters und dem Adria-Tour-Fiasko punktet er in der Öffentlichkeit nicht. Und, was noch wichtiger ist, es ist dem Image des Tennis nicht zuträglich.



Könnten die positiven Covid-19-Fälle einen Einfluss auf die für August geplante Wiederaufnahme des Profi-Tennis haben?

Das glaube ich nicht, denn bis zur Rückkehr der Wettkämpfe in den Vereinigten Staaten ist noch Zeit. Die Adria Tour wirkt wie ein Weckruf. Das ist das einzig Positive an diesem Fiasko. Sie ist Beleg für die Komplexität des Tennis in Bezug auf Covid-19, wo Spieler aus rund 60 verschiedenen Ländern an einem kleinen Veranstaltungsort zusammenkommen. Es gibt eine Menge Fragen. Werden die Südamerikaner reisen können? Was werden wir tun, wenn es während der Turniere positive Fälle gibt? Bei den US Open werden im Einzel 128 Spieler und 128 Spielerinnen anwesend sein, die anderen Tableaux nicht mitgerechnet ... Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Turnier ohne einen Fall endet. Aber ich hoffe, dass ich mich irre.

Was halten Sie davon, dass die US Open hinter verschlossenen Türen stattfinden?

Man darf sich nicht täuschen lassen, es ist nur eine finanzielle Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob die allerbesten Spieler wie Rafael Nadal vor leeren Tribünen spielen wollen, ob diese Aussicht sie reizt. Aber wenn man der 100. der Weltrangliste ist und seit Monaten keinen Cent verdient hat, dann ist das Honorar eine Quelle der Motivation.

Und was halten Sie vom geringen zeitlichen Abstand zwischen den US Open und Roland Garros?

Alle Turniere wollen ihre Sponsoren- und Fernsehrechte retten. Zwischen den beiden Grand-Slam-Turnieren sind auch zwei Masters 1000-Turniere geplant (Anm. d. Red.: Rom und Madrid). Es ist einfach nicht möglich, vier Wochen hintereinander zu spielen, nicht einmal für Rafael Nadal! Was den Wechsel von Hartplatz auf Sand angeht, so betrifft dies nur die acht Spieler, die das Viertelfinale erreichen. Die anderen 120 werden zehn Tage für die Vorbereitung und Anpassung haben. Es ist also nur für die Besten ein komplizierter Ablauf.

Wie haben Sie die Nachricht von Roger Federers Arthroskopie und die Ankündigung seines Saisonendes aufgenommen?

Natürlich ist es nicht einfach, im Alter von 39 Jahren zwei Operationen durchzuführen. Aber wir kennen das Phänomen ‹Roger Federer›. Der positive Punkt für ihn ist, dass die anderen Spieler noch nicht Tennis spielen konnten. Im schlimmsten Fall verpasst er fünf Turniere und zwei bis drei Monate Wettbewerb. Das bedeutet, dass Roger keinen allzu grossen Nachholbedarf hat. Bei dieser Pandemie ist der Zeitpunkt der Operationen daher optimal.

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