Er trainiert Timothée ChalametDieser 72-jährige Basler beeindruckt Hollywood
Noemi Hüsser
24.2.2026
Diego Schaaf mit seiner Frau Wei Wang an der Premeiere von «Marty Supreme» in Los Angeles.
Bild:IMAGO/AFF-USA
Ein Basler brachte Timothée Chalamet das Tischtennisspielen bei. Mit blue News sprach Diego Schaaf über den Hollywoodstar, «Marty Supreme» und wie er eher zufällig zu Hollywoods Tischtennis-Coach wurde.
Der Schweizer Diego Schaaf trainierte Timothée Chalamet für den Film «Marty Supreme».
Innerhalb weniger Monate formten Schaaf und seine Frau Wei Wang den Schauspieler zu einem glaubwürdigen Profi im Stil der 50er-Jahre, wobei viele Ballwechsel choreografiert und später digital ergänzt wurden.
Die Tischtennisszenen erhielten in der Kritik viel Lob, was Schaaf besonders freut, da der Film dem Sport grossen Respekt entgegenbringt.
Diego Schaaf hatte nicht damit gerechnet, von Timothée Chalamet angebrüllt zu werden. Als ihm die Regieassistenz von «Marty Supreme» am Abend vor einem Drehtag schrieb und fragte, ob er beim Tischtennismatch am nächsten Tag als Schiedsrichter einspringen könne, sagte er zu. «Ich musste ja sowieso am Set sein und sehen, was läuft», erzählt Schaaf im Gespräch mit blue News.
Am nächsten Tag wurde er als Tischtennis-Schiedsrichter der 50er-Jahre eingekleidet, nahm auf seinem Stuhl Platz und verfolgte das Match. Chalamet verlor – das wusste Schaaf. Er hatte das Match schliesslich geplant. Was er nicht wusste: Dass Chalamet improvisieren würde. «Er brüllte mich an», erzählt Schaaf heute lachend. «Ich habe reagiert, wie man es als Schiedsrichter in so einer Situation macht: Ich habe ihn ignoriert.» Regisseur Josh Safdie gefiel die Szene. «Also haben wir es noch ein paar Takes genau so gemacht», sagt Schaaf.
Eigentlich war der 72-jährige Schweizer für den Film «Marty Supreme» nicht engagiert worden, um zu schauspielern. Seine Aufgabe war es, dem Hauptdarsteller Timothée Chalamet das Tischtennisspielen beizubringen. Gemeinsam mit seiner Frau Wei Wang führt er in Los Angeles eine Firma, die Filmproduktionen berät, in denen Tischtennis eine Rolle spielt.
Schaaf und Wang wurden im Sommer 2024 in die Arbeit an «Marty Supreme» involviert. Zunächst habe man für die Tischtennisszenen ein Double für Chalamet einsetzen wollen – doch niemand habe gepasst. «Wir haben Leute gefunden, die ähnlich aussehen, aber die haben alle schlechter gespielt als Timothée», erzählt Schaaf.
Tischtennis-Training auf dem Tennisplatz
Sie mussten Chalamet also zum Tischtennisprofi machen. «Einen, der sich bewegt wie ein Profi und Intensität und explosive Schläge bringt», sagt Schaaf. Gedreht werden sollte schon im Herbst. Es blieben nur wenige Monate Zeit.
Sie trafen Chalamet bei ihm zuhause. Auf seinem Tennisplatz stellten sie eine Tischtennisplatte auf. Wang trainierte mit ihm Bewegungen und Techniken: Vorhand, Rückhand – und vor allem den Stil der 50er-Jahre, in denen der Film spielt. «Der Tischtennis-Stil der 50er war mehr tänzerisch und weniger athletisch als heute», erklärt Schaaf. Heute stehe man eher tief an der Platte, damals gerader und aufrechter.
Schaaf war für die Choreografie zuständig. Gemeinsam mit Regisseur Safdie legte er die Ballwechsel im Voraus fest. Schritt für Schritt setzten sie die einzelnen Schläge und Punkte zu einer präzisen Abfolge zusammen.
Um alles exakt so zu spielen wie geplant, mussten Chalamet und sein Gegner jeden Ballwechsel auswendig lernen. «Woher der Ball kommt, wohin er geht, wie hoch oder tief er ist, und wohin sie schauen müssen», sagt Schaaf.
Gefilmt wurde ohne Ball. Die Schauspieler mussten nur die Bewegungen exakt ausführen. Der Ball wurde später am Computer eingefügt.
Chalamet habe zwar alle Ballwechsel spielen können, aber nicht in der Geschwindigkeit, die für den Film nötig gewesen sei – und schon gar nicht über mehrere Takes hinweg. «Das könnte auch ein Weltklassespieler nicht einfach so», erklärt Schaaf. «Am Anfang wollte Timothée alles selbst spielen. Aber dann hat auch er verstanden, dass es nicht möglich gewesen wäre, in so kurzer Zeit auf dieses Niveau zu kommen.»
Zweifel, dass es funktionieren würde, hatte Schaaf keine. «Schon als ich das erste Mal mit Josh und Timothée sprach, wusste ich, dass es klappen würde», sagt er. Safdie habe ihm offen gesagt, dass er nicht wisse, wie man Tischtennis filmisch überzeugend umsetzen solle. «Normalerweise denkt der Regisseur, es sei einfacher, als es tatsächlich ist», erklärt Schaaf. Safdie habe die Schwierigkeit jedoch erkannt. «Da wusste ich: Es würde viel Arbeit werden, aber es würde gut kommen.»
Chalamet habe zudem erzählt, dass er Tänzer ist. «Als Tänzer hat er seinen Körper voll unter Kontrolle», erklärt Schaaf. «Er versteht, was er machen muss.» Die Bewegungsabläufe habe er deshalb schnell kopieren können. «Wir mussten seine Hand ein- oder zweimal leicht führen – dann hat das schon geklappt.»
«Oft sagte er – auch wenn ich schon zufrieden gewesen wäre: ‹Ich mache es nochmal›»
Diego Schaaf über Timothée Chalamet
Chalamet erzählt in Interviews, dass er schon vor den Dreharbeiten zu «Marty Supreme» sieben Jahre lang geübt hat. Er habe überallhin eine Tischtennisplatte mitgenommen: in die Wüste zu den Dreharbeiten von «Dune», ans Set von «Wonka», nach Frankreich ans Cannes Filmfestival.
Diese Disziplin beeindruckte auch Schaaf. «Ich habe sofort verstanden, dass er das gleiche Engagement für das Tischtennis bringen wollte.» Chalamet habe eine ungewöhnliche Konzentrationsfähigkeit gezeigt. «Er kann sich richtig in etwas hineinziehen und dann voll drin sein. Oft sagte er – auch wenn ich schon zufrieden gewesen wäre: ‹Ich mache es nochmal.›»
Der Aufwand hat sich gelohnt. Der Film ist für neun Oscars nominiert. In Kritiken werden besonders die Tischtennisszenen hervorgehoben. Die «Vanity Fair» schrieb: «Timothée Chalamet verdient allein schon für sein Tischtennis einen Oscar.» Macht Schaaf das stolz? «Ja, klar», sagt er. «Wir haben uns sehr darüber gefreut – gerade weil der Film dem Sport so viel Respekt gibt. Das ist für uns sehr schön. Wir sind ja bereits seit 40 Jahren im Sport.»
Zum Tischtennis kam Schaaf schon als Teenager in Basel. Doch als er 1979 im Alter von 26 Jahren nach Los Angeles zog, hatte er andere Dinge im Kopf. Sein Traum: Musiker werden.
Timothée Chalamet spielt in «Marty Supreme» den Tischtennisspieler Marty Mauser.
Bild:Courtesy of A24
Doch die Konkurrenz war gross. «Das bedenkt man nicht als junger Künstler. Man will von Europa weg nach Amerika, wo alles läuft. Aber dort arbeiten die, die man schon kennt. Für Neuankömmlinge ist es schwierig.» Zehn Jahre lang schlug er sich als Musiker und Toningenieur durch, bevor er zur Videoproduktion wechselte.
Etwa zur selben Zeit fand er zurück zum Tischtennis. Eher zufällig geriet er in ein Turnier – und war sofort wieder gepackt. Was ihn bis heute fasziniert, ist die Kombination von Mentalem und Physischem, die das Tischtennisspielen erfordert. «Es ist wie während eines Schachspiels 100 Meter zu rennen», sagt Schaaf.
«Wenn die Kamera läuft, klappt alles»
Es war auch ein Turnier, an dem Schaaf seine Frau kennenlernte. Wei Wang war US-Nationalspielerin, 1996 nahm sie an den Olympischen Spielen teil. «Am Tisch ist sie wie ein Tiger», sagt Schaaf über seine Frau.
Sie begannen, gemeinsam Anleitungsvideos zu produzieren, schrieben für das nationale Tischtennismagazin und bauten zwei Tischtennisclubs auf, die sie bis heute führen. Ihre Mission: Tischtennis attraktiver zu präsentieren, als es der Verband bis dahin tat. Weniger reine Dokumentation, mehr Emotion – Zuschauer*innen sollten die Spannung der Spieler*innen am Tisch mitfühlen können.
Bald kamen die ersten Anfragen aus der Filmbranche. Schaaf und Wang arbeiteten mit Tom Hanks für «Forrest Gump» und Matthew Perry für «Friends».
Tom Hanks und Timothée Chalamet hätten etwas gemeinsam, sagt Schaaf: Sie arbeiten unter Druck besser als ohne. «Als ich Musik gemacht habe, habe ich oft gesehen, wie jemand wie ein Gott Gitarre spielen konnte. Sobald aber die Aufnahme lief, fiel alles auseinander.» Bei Chalamet und Hanks sei es umgekehrt. «Wenn die Kamera läuft, klappt alles. Alles ist perfekt.»
Blickt Schaaf auf seine Projekte zurück, ist sein Lieblingsprojekt dennoch klar «Marty Supreme»: «Der Film hat das Tischtennis sehr ernst genommen. Wir konnten den Sport so zeigen, wie er ist. Das hat besonders Spass gemacht.»
«O», «M», «G»
Besonders schön sei es gewesen, als damals 71-Jähriger mit deutlich jüngeren Menschen zu arbeiten – und nicht nur mit ihnen mitzuhalten, sondern sie auch vorantreiben zu können. Neben Chalamet gehörte dazu auch der Rapper Tyler, the Creator, der zuvor noch nie Tischtennis gespielt hatte. «Er hat gar nicht gewusst, wie das geht», erzählt Schaaf.
Beide kannte Schaaf zuvor nicht. Tyler, the Creator habe er im Internet gesucht – und sei zunächst skeptisch gewesen. «Das war nicht so mein Stil.» Doch der Rapper sei mehrmals in ihren Club gekommen. «Da war er ein ganz angenehmer Kerl. Friedlich, positiv, immer mit einem Lachen.»
Über Chalamet informierte sich Schaaf bei seiner Nichte in Zürich. Er schrieb ihr: «Du, ich arbeite an einem Film. Weisst du, wer Timothée Chalamet ist?»
Die Antwort kam in drei Nachrichten: «O», «M», «G».
Marty Supreme läuft ab dem 26. Februar in Deutschschweizer Kinos.
Das sagt unser Filmexperte über «Marty Supreme»:
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