«Ausnahmeregelungen sind jedes Mal ein Kampf»

Runa Reinecke

12.5.2020 - 09:25

Wichtige Krebsbehandlungen werden auch während der Coronavirus-Pandemie durchgeführt. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Coronavirus hin oder her: Je früher eine Krebserkrankung erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Ein Gespräch mit einem Onkologen über die Bedeutung der Früherkennung und über den derzeit noch schwierigeren Alltag auf der Krebsstation.

Sollte man den Termin für die Darmspiegelung oder die Mammografie lieber auf einen späteren Zeitpunkt verschieben? Müssen verdächtige Symptome oder Beschwerden sofort abgeklärt werden? Mit welchen zusätzlichen, schwierigen Herausforderungen werden Betroffene und deren Angehörige durch das neuartige Coronavirus konfrontiert?

Darüber hat «Bluewin» mit dem Onkologen Prof. Dr. med. Jörg Beyer gesprochen. 

Herr Beyer, wie haben Sie die vergangenen Wochen während des Lockdown erlebt?

Normalerweise habe ich ein bis zwei Vorlesungen, Vorträge oder Seminare pro Woche, und auch die Reisen zu Kongressen entfallen. Dadurch bleibt mir jetzt mehr Zeit für wissenschaftliche Projekte. In der Onkologie des Inselspitals hat sich aber nicht so sehr viel verändert. Die Patienten erhalten weiterhin ihre Therapien, denn diese lassen sich in der Regel nicht aufschieben.

Zur Person: Jörg Beyer
Bild: zVg

Prof. Dr. med. Jörg Beyer ist Onkologe und Chefarzt Outreach am Inselspital in Bern.

Geändert haben sich aber diverse Abläufe: Nicht nur das Personal, sondern auch die Patienten müssen jetzt einen Mundschutz tragen, und in den Wartebereichen gilt es, Sicherheitsabstände einzuhalten.

Die Coronavirus-Pandemie verunsichert. Der eine oder andere fragt sich, ob er den Termin für eine Untersuchung zur Krebsfrüherkennung wie eine Mammografie oder eine Darmspiegelung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben sollte …

Hier gilt es zu unterscheiden zwischen Menschen, die gesund sind, und Personen, die Beschwerden haben. Wer keinerlei Beschwerden oder Symptome hat, kann eine Kontrolluntersuchung auch mal um ein halbes Jahr verschieben.

Anders verhält es sich, wenn man auf der Haut einen Fleck entdeckt, bei dem es sich um Hautkrebs handeln könnte. Oder aber wenn eine Frau plötzlich Zwischenblutungen bekommt oder einen Knoten in der Brust ertastet: Dann besteht ein Krebsverdacht, und der bedarf einer sofortigen Abklärung: Eine mögliche Infektion mit dem Coronavirus steht in keinerlei Verhältnis zu dem Risiko, zu spät mit einer unter Umständen lebensrettenden Krebstherapie zu beginnen. Das sollte man unbedingt ernst nehmen!

Wie steht es mit Nachsorgeuntersuchungen, die im Anschluss an eine erfolgreiche Krebsbehandlung in regelmässigen Abständen durchgeführt werden sollten?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Die meisten Nachsorgeuntersuchungen können auch mal um einige Monate verschoben werden. Abhängig ist das von der Art der Krebserkrankung und wie lange die Diagnose zurückliegt.



Für welche Krebspatienten besteht ein erhöhtes Risiko, im Falle einer Ansteckung einen schweren Covid-19-Verlauf zu erleiden?

Das kommt, unter anderem, auf den allgemeinen Gesundheitszustand an. Junge und sonst gesunde Menschen, die nach der operativen Entfernung eines Tumors keiner oder allenfalls einer Strahlen- oder Hormontherapie bedürfen, haben, nach aktuellem Wissensstand, wahrscheinlich kein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf.

Deutlich gefährdeter sind aber Krebspatienten, die beispielsweise über mehrere Jahrzehnte geraucht haben, unter einer schweren Lungenerkrankung wie COPD leiden und eine Chemotherapie bekommen.

Im Moment wird in Fachkreisen kontrovers darüber diskutiert, ob man bei Betroffenen während der Coronavirus-Pandemie eine intensive Chemotherapie durchführen oder diese eher hinauszögern sollte. Aus meiner Sicht ist die reale Bedrohung durch die Krebserkrankung aber grundsätzlich grösser als die potenzielle Gefahr, die von einer möglichen SARS-CoV-2-Infektion ausgeht.

Kommen jetzt weniger Patienten in die Onkologie als vor der Coronavirus-Pandemie?

Einen Rückgang der Patientenzahlen spüren wir auch in der Onkologie, aber nur in geringem Masse. Menschen, die eine auffällige Hautveränderung beobachten, Beschwerden im Bauchraum wahrnehmen oder an einem hartnäckigen Husten leiden, der nicht verschwindet, kommen zum Glück auch jetzt zu uns, um dies abklären zu lassen. Es gibt aber Einschränkungen, die unsere Arbeit seit Covid-19 sehr verändert hat.



Inwiefern?

Um den Hygienemassnahmen nachkommen zu können und Infektionen mit SARS-CoV-2 zu vermeiden, dürfen die Patienten im Moment nur allein zu uns kommen. Normalerweise raten wir jedoch Betroffenen, sich von mindestens einer Person, die ihnen nahesteht, zur Befund- beziehungsweise der Therapiebesprechung begleiten zu lassen. Das ist im Moment leider nicht möglich.

Das heisst, Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen müssen den Patienten mitunter schlechte Nachrichten überbringen, ohne dass diese einen Menschen an ihrer Seite haben, der ihnen beisteht?

Genau und das kann natürlich sehr belastend sein. Hinzu kommt, dass viele Menschen in dieser Extremsituation Mühe haben, dem Inhalt des Gesprächs konzentriert zu folgen. Gerade wenn weitere Therapieoptionen besprochen werden, ist im Normalfall mindestens eine weitere Person anwesend, die einen klaren Kopf behält und aufnahmefähig ist für die vielen Informationen.

Krebs betrifft nicht nur den Erkrankten selbst, sondern auch die Angehörigen, deshalb ist es wichtig, sie mit einzubeziehen.

Wie steht es um Patienten, die stationär behandelt werden?

Das ist besonders schwierig. Man stelle sich folgende Situation vor: Jemand wird, zum Beispiel wegen eines Darmverschlusses, stationär aufgenommen und operiert. Bei der Untersuchung des entfernten Tumors stellt sich heraus, dass dieser bösartig ist. Dann ist diese vielleicht schon ältere Person im Spital und erfährt, dass sie Krebs hat.



Dieser Mensch versteht die Welt nicht mehr. Normalerweise sind wir es doch gewohnt, solche schwerwiegenden, unter Umständen lebensbedrohlichen Ereignisse mit den Menschen zu teilen, die uns wichtig sind und uns stützen.

Besteht nicht die Möglichkeit, Besuche von Angehörigen mit spezieller Schutzbekleidung, Handschuhen sowie FFP-2-Schutzmasken zuzulassen?

Wir versuchen in Ausnahmefällen individuelle Regelungen zu erwirken. Aber es existieren sehr strenge Vorgaben seitens unserer spitalinternen Covid-19-Taskforce. Ausnahmeregelungen sind jedes Mal ein Kampf.

Zusätzlich spielt hier auch noch die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus hinein: Der Patient, aber auch die Angehörigen sind verunsichert. Ausserdem ist es schwierig, den für die Betroffenen nötigen emotionalen Support zu vermitteln, wenn das Gesicht einer nahestehenden Person hinter einer Maske verborgen ist und ein grösserer Sicherheitsabstand gewährleistet werden muss. Sonst selbstverständliche Gesten wie eine tröstende Umarmung sind nicht mehr möglich.

Welche Patienten gehören zu den Ausnahmefällen, die Besuch bekommen dürfen?

Das gilt für Palliativpatienten, die nur noch wenige Wochen, vielleicht noch Tage zu leben haben. Wenn es darum geht, sich von einem sterbenden Menschen zu verabschieden, ist normalerweise die ganze Familie da. Zu Zeiten von Covid-19 darf nur noch eine Person oder zwei Personen im Zimmer anwesend sein. Eine Situation, die nicht nur für den sterbenden Menschen selbst, sondern auch für seine Angehörigen schwer zu ertragen ist.

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