Krebspatienten und ihr Kampf gegen Gewichtsverlust

dpa/rre

31.1.2020 - 15:54

Wichtig ist, dass es schmeckt. Das gilt ganz besonders für Krebspatientinnen und -patienten.
Bild: iStock

Bis zu 50 Prozent aller Krebspatienten sterben nicht an ihrer Krankheit selbst, sondern an den Folgen einer Mangelernährung. Doch was gehört auf den Teller, um mit Krebs bei Kräften zu bleiben?

«Die eine Krebsdiät gibt es nicht!», stellt Nicole Erickson klar. Und auch nicht das eine Krebs-Allheil-Lebensmittel. So individuell wie die Menschen und ihre Erkrankungen sei auch die Nahrungsaufnahme, meint die Koordinatorin für Ernährung am Comprehensive Cancer Center der Uniklinik München.

Aktuell setzten einige Krebspatienten auf eine Low-Carb-Diät, hat
Daniel Buchholz festgestellt. Die Idee: Der Körper bekommt wenig
Zucker und Kohlenhydrate, also werden auch die Krebszellen im
Wachstum gehemmt, weil ihnen die Energiequelle fehlt.

«Es gibt bisher noch keine Studien am Menschen, die diese These bestätigen, sondern nur Hinweise aus dem Labor und Tierstudien», warnt der Leiter der Schule für Diätassistenten an der Universitätsmedizin Mainz, Deutschland.

Mangelernährung ist lebensgefährlich

Klar ist jedoch: Mithilfe von Essen lässt sich eine Therapie unterstützen und eine Mangelernährung verhindern. «Mangelernährung bedeutet einen ungewollten, raschen Gewichtsverlust innerhalb kurzer Zeit, also etwa fünf bis zehn Prozent in den letzten drei bis sechs Monaten», erklärt Eva Kerschbaum.



Die Ernährungswissenschaftlerin hilft Krebspatienten in der Beratungsstelle für Ernährung am Tumorzentrum München. «Studien haben festgestellt, dass ein Viertel bis die Hälfte der Patienten nicht an Krebs stirbt, sondern an den Folgen einer Mangelernährung», sagt Buchholz.

Bei vielen Krebsarten verlieren die Patienten während der Therapie an
Gewicht, was die Genesung zusätzlich erschwert. Denn Gewichtsverlust
führt zu Kraftlosigkeit, das ohnehin angegriffene Immunsystem wird
immer schwächer. «Die Chemo-Dosis muss dann eventuell reduziert
werden und ist vielleicht weniger wirksam», erläutert Erickson.

Essen, was gut tut

Neben Mangelernährung und Gewichtsverlust haben Patienten laut
Kerschbaum mit Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen oder Geschmacksverlust zu kämpfen. Dazu können durch den Tumor verursachte Verdauungsprobleme, ein offener und wunder Mund, Sodbrennen oder Schluckbeschwerden kommen. «Manchmal ekelt man sich auch vor Essen und bestimmten Nahrungsmitteln oder schon vor dem Geruch», sagt Erickson.

Die Experten raten Patienten deshalb: Wiegen Sie sich regelmässig,
verzichten Sie eher auf extrem riechende Lebensmittel wie bestimmte
Käsesorten und essen Sie das, was Ihnen guttut und schmeckt. «Das
kann sich von Tag zu Tag ändern und es müssen auch nicht Früchte und
Gemüse sein», sagt Erickson.



Um Gewichtsverlust vorzubeugen, lässt sich das Essen anreichern, etwa durch Protein- oder Kohlenhydratpulver. Und wem das Essen zu schwerfällt und wer zu stark abnimmt, könne auf zusätzliche Trinknahrung zurückgreifen, um mehr Energie aufzunehmen, erklärt Buchholz. Notfalls müssten Betroffene auf künstliche Ernährung umsteigen – eine Option, die häufig zu spät erwogen werde.

Am Tag der Chemotherapie, wenn Patienten mit Übelkeit und Erbrechen
zu kämpfen haben, sollte ausserdem nicht das Lieblingsessen auf den
Tisch kommen. «Sonst kann sich gerade dagegen ein Ekel entwickeln»,
sagt Buchholz.

In Gesellschaft schmeckt es besser

Die Angehörigen spielen eine entscheidende Rolle. Oft sind sie es,
die helfen wollen und mitunter unbewusst Druck ausüben. Da wird
aufwendig geschnippelt, gerührt und gekocht – und hinterher ist die
Enttäuschung gross, weil der Krebspatient nichts essen mag.

Dann hilft es laut Buchholz, vorzukochen und Essen einzufrieren. «So kann man es spontan anbieten, wenn der Patient gerade Hunger hat.»

«Angehörige sollten akzeptieren, dass sich die Betroffenen Mühe geben
und so gut essen wie sie können», erklärt Erickson. Vielleicht trägt
gemeinsames Essen dazu bei, die Nahrungsaufnahme zu erleichtern.
«Eine entspannte Atmosphäre und lockere Gespräche lenken von Übelkeit
ab oder lassen das Essen bei Appetitlosigkeit besser rutschen», sagt
Kerschbaum. Manchen hilft auch das gemeinsame Kochen, ob mit Freunden oder mit anderen Betroffenen.

Hilfe bei qualifizierten Ernährungsberatern

Weil das Thema so vielschichtig ist, lohnt sich den Experten zufolge
eine individuelle Ernährungsberatung.  Bei Fragen wendet man sich am besten an die Ernährungsberatung der Schweizerischen Krebsliga.



Dort finden Interessierte zudem Broschüren und Links zum Umgang mit Ernährungsproblemen bis hin zu Rezepten für eine schmackhafte, sowie gesunde und ausgewogene Ernährung. 

Bei Tumorarten im Verdauungssystem könne der Austausch mit
Gleichgesinnten etwa in Selbsthilfegruppen besonders wichtig sein,
sagt Kerschbaum. «Probleme und Beschwerden mit dem Essen, dem Gewicht oder dem täglichen Geschäft, die Angehörige meist nur schwer
nachempfinden können, belasten den gemeinsamen Alltag oft sehr.»
Gespräche mit ebenso Betroffenen, die unter ähnlichen
Beeinträchtigungen leiden, sind da Balsam für geschundene Seelen.

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