Blanca Imboden: «Ich sah mich schon am Beatmungsgerät hängen»

Blanca Imboden

24.3.2020 - 16:18

Die schlechte Nachricht: Schriftstellerin Blanca Imboden ist seit mehr als zwei Wochen in Quarantäne. Die gute Nachricht: Es geht ihr heute schon wieder viel besser.
Bild: zVg

Die Schweizer Bestsellerautorin Blanca Imboden ist seit zwei Wochen krank. Zum Arzt durfte sie nicht. Deshalb weiss sie auch nicht, ob das Coronavirus sie flach gelegt hat. Ein Bericht aus der Selbstisolation.

Am Sonntag vor zwei Wochen besuchte ich eine Operette. Volles Haus. Ich war gesund, fröstelte bloss ein wenig, was mich erstaunte. Und in der Nacht zum Montag hatte ich 38,8 Grad Fieber, mit einem leichten trockenen Husten. Corona!?!

Ich hatte ein wenig Angst und sah mich vor meinem geistigen Auge schon am Beatmungsgerät hängen. Was hatte ich jetzt schon wieder in meine Patientenverfügung geschrieben, bezüglich künstlicher Beatmung?

Am Montagmorgen wollte ich sofort einen Corona-Test machen lassen und rief meinen Hausarzt an. Das war wohl ziemlich naiv.

«Kommen Sie ja nicht vorbei!», hiess es nämlich abwehrend. Einen Test könne ich nicht machen lassen, weil ich nicht zur Risikogruppe gehöre. «Aber mein Partner gehört zur «Risikogruppe», warf ich ein. Keine Chance! Ich solle zu Hause bleiben. Ich hätte doch sicher noch irgendwelche Medikamente daheim.

Oha. Selbstmedikation war plötzlich erlaubt, sogar verordnet. In meinem Schrank fand ich alles Mögliche: Immodium, Temesta (schon zwei Jahre abgelaufen), einige Schmerzmittel, teilweise auch fiebersenkend, grüne Pferdesalbe, natürlich auch diverse homöopathische Kügelchen, ein paar Lutschtabletten und einen Spray, von dem ich nicht mehr genau wusste, wofür er eigentlich gedacht war, oder wogegen. Was sollte ich nun anwenden, und in welcher Reihenfolge oder Kombination?



Ich hätte nie gedacht, dass mich die Verweigerung eines Arzttermins so erschüttern könnte. Wie sollte ich jetzt mit meinem Partner umgehen? Wie mit der einzigen Lesung, die noch nicht annulliert wurde?

Ich war auf einer Durchseucher-Liste

Am Mittwoch waren meine Augen entzündet. Eine hässliche Suppe lief heraus. Nach Selbstquarantäne und Selbstmedikation, jetzt die Selbstdiagnose: Bindehautentzündung (laut BAG übrigens auch eine der möglichen Nebenerscheinungen des Coronavirus). Ich rief meinen Arzt an. «Kommen Sie ja nicht vorbei!», hiess es wieder abwehrend. Man werde mir ein Medikament in einen Kasten neben der Eingangstüre legen, wo ich es dann abholen lassen könne.

Natürlich fragte man mich immer nach Atembeschwerden. Dann müsse ich sofort wieder anrufen. Und ich sei jetzt auf einer Liste mit all den anderen, die sich daheim durchseuchen würden.

Ich war auf einer Durchseucher-Liste!

Das fühlte sich gut an. Beruhigend.

Ich tauchte zwar in keiner Statistik auf, aber ich war immerhin auf einer Liste.

Immer wieder schaute ich mir Corona-Berichterstattungen im TV an und sah dort die Zahlen der Infizierten. Dann bewarf ich meinen Bildschirm mit Papiertaschentüchern und schrie: «Mich hat keiner gezählt!» Die Zahlen mussten ja extrem daneben sein, wenn man die meisten Leute gar nicht testet, sogar die, die es sich so sehr wünschten wie ich.

Das Fieber kam und ging und kam. Der Husten veränderte sich. Nach einer Woche Bettruhe, am Montag, 16. März, rief ich wieder beim Hausarzt an und hoffte auf einen Termin. Ich war einfach erschöpft, wollte nicht noch länger krank sein. Inzwischen hatte ich starke Halsschmerzen und die Augen waren noch immer nicht sauber.



«Kommen Sie ja nicht vorbei!», hiess es abwehrend. Sie müssten sich und ihre Risikopatienten schützen, meinte die Arztgehilfin. «Ich habe auch einen Risikopatienten daheim», sagte ich einmal mehr.

Ich bin jetzt über 14 Tage krank, aber ich jammere nicht mehr. Es geht mir wesentlich besser, nahezu gut. Winzige Symptome sind geblieben, Schluckweh vor allem. Gesund bin ich erst, wenn keine Symptome mehr da sind und dann muss ich noch 24 Stunden dazuzählen. Was ich wirklich hatte oder habe, spielt keine Rolle, wenn man es im Verhältnis zum Weltgeschehen sieht.

Schön, wenn man wirklich Zeit hat, sich auszukurieren. Und was mache ich, wenn ich gesund bin? Beginnt dann erst meine persönliche Corona-Krise? Je besser es mir geht, desto mehr mache ich mir Sorgen. Mit gutem Grund: Die Welt gerät gerade aus den Fugen.

Was ist mit meinen Liebsten? Ich hoffe, sie bleiben alle gesund, aber ich kann sie nicht beschützen.

Wann öffnen die Buchhandlungen wieder?

Beruflich mache ich mir auch Gedanken. Alle Lesungen wurden und werden annulliert. Tausende von Franken habe ich schon verloren. Lesungen sind ein grosser Teil meiner Einnahmen.

Im Büro, in dem ich Teilzeit arbeite, gibt es zurzeit auch keine Arbeit für mich. Die Story meines Romans, den ich angefangen habe, erhängt sich gerade selber am Lauf der Geschichte und muss eine Weile ruhen. Mein neues Buch, «Kopfkino», sollte am 4. Mai erscheinen. Macht das Sinn? Wann öffnen die Buchhandlungen wieder?

Aber der Staat verteilt ja Geld. Auch für Selbstständige, wie mich. Auch für die Kultur. Ich muss nur noch herausfinden, wo genau, wie genau und wann genau. Noch glaube ich nicht daran. Diese Corona-Krise wird an niemandem spurlos vorbeigehen.



Wir werden alles neu überdenken müssen: die Globalisierung, die Abhängigkeiten, unseren Umgang miteinander, das Gesundheitssystem, unser Krisen-Management, unsere Werte. Wir lernen gerade, dass nichts selbstverständlich ist, rein gar nichts. Die Tatsache, wie schnell sich alles verändern kann, bringt mich etwas aus dem Gleichgewicht. Ich möchte planen können, brauche Sicherheit. Meine verwöhnte innere Prinzessin ist einmal kurz vom Barbie-Ross gefallen. Echt.

Einige Wenige haben es gut: Sie müssen über gar nichts nachdenken, haben keine Zeit für Sorgen, weil sie sich mit Hamsterkäufen beschäftigen und damit, ihre Reserven an WC-Papier für die nächsten zehn Jahre aufzustocken. Reine Beschäftigungstherapie. Plumpe Ablenkungsmanöver. Das geht auch anders: Ich glaube, ich fange an, die Fenster zu putzen.

Und bleibe zu Hause. Das auf jeden Fall.

Bleiben auch Sie zu Hause – und gesund!

Blanca Imboden, Schriftstellerin

Eine kurze Anmerkung: Schon immer war es mir ein Dorn im Auge, dass jede zweite Pflegekraft in der Schweiz aus dem Ausland kommt. Wir machen es uns bequem, bilden zu wenig Leute aus, behandeln Pflegende zu schlecht und verlassen uns auf den Zustrom von Fachkräften aus dem Ausland. Dass diese Leute – gerade jetzt, aber auch sonst – in ihren eigenen Ländern fehlen, beschämt mich. Nun zittern Spitäler um Tausende Grenzgänger und das geschieht ihnen und uns recht. Es wird nicht reichen, wenn wir alle Schaltjahre einmal unserem Pflegepersonal aus den Fenstern heraus applaudieren. Da müssen andere Zeichen der Wertschätzung folgen, um hier langfristig eine Veränderung zu bewirken.

Und dringend noch dies: Nach dieser Krise wird es viele Neugeborene geben, aber sicher auch viele Ehescheidungen. Meine Eltern hätten sich umgebracht, wenn man sie zusammen in Quarantäne gesteckt hätte. Eine traurige Vorstellung, gell? Man spricht tatsächlich auch jetzt schon über die zunehmende häusliche Gewalt. Das ist schlimm, aber vorstellbar. Die Corona-Krise kann schnell zur Ehekrise mutieren. Gut, dass ich Peter habe, der auch in schwierigen Zeiten lacht und singt und Musik macht und der meine schlechte Laune (wenn ich krank bin, bin ich ziemlich grantig) erträgt. Zur omnipräsenten Aufforderung des Bundes «Bleibt zu Hause!» müsste man eigentlich noch anfügen «und seid nett zueinander!».

Ein paar schöne Gedanken zum Schluss: Wir müssen uns voneinander distanzieren. Physisch. Das schon. Aber irgendwie spüre ich auch ein erfreuliches Zusammenrücken. Noch nie bin ich so oft angerufen worden, wie in diesen Tagen. Ich höre von Hilfsaktionen überall. Gerade haben Peters Grosskinder ein feines Dessert in unserem Milchkasten deponiert. In unserem Hauseingang hängt ein Schreiben des Hauswarts, der allen seine Hilfe anbietet. Vielleicht sind am Ende die Lehren, die wir aus dieser Krise ziehen, nicht nur negativ. Vielleicht werden wir uns auch an schöne Sachen erinnern, später einmal, wenn wir zurückblicken, wenn alles wieder gut ist, anders gut, aber eben doch irgendwie gut. Im Idealfall haben wir mehr Miteinander und Füreinander gelernt.

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