Christoph Marti: «Wir waren alles homophobe Arschlöcher»

16.7.2018 - 00:00, Bruno Bötschi

Christoph Marti über Homophobie: «Wenn ich heute an meine Schulzeit zurückdenke, wird mir immer wieder bewusst: Wir waren alles homophobe Arschlöcher.»
Mischa Gawronski

Als Ursli Pfister sorgt Schauspieler Christoph Marti zusammen mit den Geschwistern Pfister seit 27 Jahren für Furore auf der Bühne. Er spricht darüber, wie er seine grosse Liebe fand, erzählt, wie er als Kind extrem unter Homophobie litt und sagt, warum er Schönheits-OPs  für geisteskrank hält.

Wer Christoph Marti in Berlin besucht, sieht schon von weitem, wo er und sein Mann Tobias Bonn wohnen: Auf dem Balkon ihrer Wohnung im Stadtbezirk Charlottenburg weht die Schweizer Fahne und es blühen Geranien.

Momoll, das Herz von Marti schlägt für sein Heimatland, obwohl er schon vor 30 Jahren in die deutsche Hauptstadt gezogen ist: Kuhglocken hängen am Türrahmen. Eine Porzellankuh weidet auf dem Esstisch. Ausgestopfte Vögel und ein Murmeltier stehen im Wohnzimmer.

Bluewin: Herr Marti, ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten möglichst kurz und schnell. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, sagen Sie einfach «weiter».

Christoph Marti: Ich soll also assoziativ antworten? Alles klar.

Christoph oder Ursli?

Christoph.

Berlin oder Bern?

Kann ich nicht beantworten.

Kühe mit oder ohne Hörner?

Mit – weil es sich so gehört, da bin ich ganz klassisch.

Ihre Lieblings-U-Bahn-Linie in Berlin?

Die U7 und die U9. Mit diesen Linien fuhr ich jeweils, als ich noch jünger war, ins Nachtleben im Stadtbezirk Neukölln. Heute gehe ich nur noch selten weg und sowieso, in Berlin bin ich fast ausschliesslich mit dem Velo unterwegs.

Ihre Lieblings-Tram-Linie in Bern?

Das Tram Nummer 5, welches früher ins Burgernziel zu meinem Grosi fuhr. Vor ein paar Jahren wurden in Bern die Tramlinien neu nummeriert. Deshalb weiss ich nicht, welche Tram-Nummer heute dorthin fährt.

Der zentrale Ort Ihrer Jugend?

Die Plattform, der Platz vor dem Berner Münster. Da ging man hin, wenn man nicht wusste, was man machen wollte oder wohin man gehen sollte.

Wirklich wahr, dass Sie als Teenager in die USA auswandern wollten?

Ich war mit 16 im Austauschjahr in Texas. Ich wäre gerne länger geblieben, wollte mein High-School-Diplom machen, damit ich in den USA hätte studieren können. Aber dann wurde der Sohn der Familie, bei der ich lebte, plötzlich schwer krank, und ich musste in die Schweiz zurückkehren.

Warum hat die Pubertät so einen schlechten Ruf?

Oben ist nicht mehr oben, unten ist nicht mehr unten. Die Verwirrung im Kopf ist riesig während dieser Zeit. Ich persönlich habe zwar immer gedacht: Kommt die Pubertät endlich noch?

Und kam sie?

Nein, sie kam nicht. Ich warte immer noch darauf.

Kreischgelächter. Ach, Fröhlichkeit!

Blockflöten-Unterricht?

Ja. Beim Fräulein Kägi. Ich habe es gerne gemacht.

Ihr traumatischtes Erlebnis mit einem Fussball?

Mit einem Fussballer oder mit einem Fussball?

Bleiben wir beim Ball.

Während der Schulzeit haben sie mich immer ins Tor gestellt. Meine Mitschüler dachten, dort ist der Schaden am geringsten. Aber kaum kam der Ball auf das Tor geflogen, war der Schaden bereits maximal gross. Ich bin sehr sportlich, aber Fussball ist absolut nicht mein Ding. Ich fragte deshalb den Lehrer, ob ich Orientierungslauf trainieren dürfe, während die anderen am Kicken seien. Er fand es eine gute Idee. Einmal gab es einen Orientierungslauf, an welchem die ganze Schule teilnehmen musste. Ich habe ihn gewonnen, weil ich im Wald jeden Stein und jeden Ast kannte.

Welche Teenagersünde wollen Sie exklusiv auf «Bluewin» beichten?

Meine erste Dauerwelle. Ich war 14 und wollte aussehen wie Christiane F. aus dem Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo». So ganz süchtig und schlecht drauf, aber gleichzeitig auch super cool und ultra gut drauf. Als ich aus dem Coiffeursalon trat, hatte ich einen kugelrunden Kopf und sah aus wie Scheiss-Heidi.

Sorgen seit 1991 für Furore auf der Bühne: die Geschwister Pfister alias Christoph Marti,  Andreja Schneider und Tobias Bonn.
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Mal aus Liebe – in jungen Jahren, versteht sich – mit Selbstmord gedroht?

Nein, weil ich die Liebe erst später gefunden habe. Aber ich war ein Fan der schwarzen Komödie «Harold und Maude» und liebte es leidenschaftlich, meine Mutter und meine Schwestern mit irgendwelchen inszenierten Tragödien zu erschrecken . Ich war unter anderem Spezialist für Lebensmittelfarben und mochte es, Messer in Puppen zu stecken.

Die Geschichten werden immer ausführlicher. Ja, ja, der Marti ist ein wunderbarer Erzähler. Und das ist gut so.

Welche Alltagsgeräusche gehen Ihnen auf die Nerven?

Das Geräusch, welches mein Mann Tobi verursacht, wenn er Trauben isst. Es tönt so, als würde er Luft an den Gaumen pumpen. Nach dem dritten Mal explodiere ich. Tobi sagt dann immer: «Ach, das hat mit deinem Zustand zu tun. Entspanne dich, dann ärgert dich das nicht mehr.» Ich denke dann jeweils: «Oh, wenn du wüsstest!» Ich würde mich unter Umständen wegen so einem Geräusch sogar von jemandem trennen …

… von Ihrem Mann auch?

Nein, nein. Wir sind schon so lange zusammen, wir trennen uns nicht mehr.

Ihr lustigstes Alkoholerlebnis?

Ich bin nicht besonders gerne betrunken, ich bin lieber bekifft.

Wann zum letzten Mal so richtig wunderbar abgestürzt?

Das muss vor vier Jahren gewesen sein. Ein halbes Jahr vorher hatten uns die Betreiber der «Bar jeder Vernunft» in Berlin unser Operetten-Projekt «Frau Luna» definitiv abgesagt. Dann kamen sie plötzlich, nachdem der Programmchef ausgetauscht worden war, nochmals auf den Entscheid zurück. Wir gingen alle zusammen im «Grill Royal» essen. An jenem Abend habe ich sicher sechs oder sieben Martini-Cocktails getrunken. Ich musste unseren Triumph feiern und danach, weil ich so betrunken war, mein Velo nach Hause stossen.

In den vergangenen Wochen standen Sie in der «Bar jeder Vernunft» zusammen mit Ihrem Mann Tobias Bonn auf der Bühne: Sie hatten zum «Heurigen» geladen.

Der Heurigen ist das Pendant zu einem Biergarten, nur dass es eben ein Weingarten ist. Diese Wiener Tradition gibt es seit 700 Jahren. Damals hat der Kaiser per Dekret erlassen, dass jeder, der Wein anbaut, ihn auch selber ausschenken und verkaufen darf. So sind in der Umgebung von Wien ganz viele Heuriger-Lokale entstanden und die Wiener sind dahin gepilgert und haben gesoffen. Das ist bis heute so geblieben.

Grinsender Marti. Hahahaaa.

In einem Heuriger-Lokal geht es also vor allem um das Trinken von Wein.

Genau, es geht um diesen Zustand des Betäubens. Interessant dabei ist: Was ist die Diagnose? Und welches die Therapie? Dem Wiener wird ja oft suggeriert, dass er so fröhlich sei. Aber das stimmt gar nicht. Der Wiener ist sich vielmehr bewusst, dass die Verzweiflung die Allerhöchste ist, das Elend die Diagnose und das Trinken die Therapie.

Während den «Heurigen»-Abenden floss sehr, sehr viel Weisswein auf der Bühne. Wie hielten Sie das durch?

Ach, so aufregend war das nicht, wir tranken verdünnten Birnensaft.

Hatten Sie nicht ständig Harndrang?

Das ist ein echtes Problem wegen unserer Kostüme. Wir tragen ja diese sogenannte «fat suits». Wenn man da mal drinsteckt, kommt man nicht mehr so schnell wieder raus. Ich zog deshalb das Kostüm immer erst auf den letzten Drücker an. Aber fast immer musste ich trotzdem ganz kurz vor der Vorstellung nochmals auf das Klo und wie das ablief möchten Sie, glaube ich, nicht so genau wissen … Nur so viel noch dazu: Jahrzehntelang haben wir nach dem Einsingen zusammen mit unserer Band noch einen Schluck Champagner getrunken. Das liess ich diesmal weg, weil der Harndrang sonst noch grösser gewesen wäre.

Ihre erste Droge?

Poppers.

Was ist besser als Drogen?

Ich werde jetzt nicht sagen Nüchternheit. Drogen sind für mich aber immer daran gekoppelt, dass man weiss, wann es genug ist, wann man damit aufhören muss. Ein geregelter Umgang mit Drogen ist die wichtigste Bedingung für deren Gebrauch. Ich bin zum Glück mit einem eingebauten Chip namens schlechtes Gewissen gesegnet. Wenn ich früher in den Berliner Technoclubs zwei Tage durchtanzte und irgendwann fast unter dem Tisch lag, hörte ich jeweils in meinem Kopf von Weitem meine Mutter rufen. Danach wusste ich immer: So, ich brauche eine Pause. Nach wilden Wochenenden ging es meistens zwei, drei Tage, bis wieder Eindrücke von aussen an mich herankommen konnten. Das ist ein zu hoher Preis, deshalb nehme ich schon lange keine Drogen mehr.

Traumberuf Schauspieler?

Ja.

An der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule Bern trafen Sie 1984 die Liebe Ihres Lebens.

An der Prüfung habe ich zwei Dinge über meinen heutigen Mann gedacht: Erstens, den nehmen sie sicher auf. Tobi sah für mich wie der Prototyp aus, der damals an der Schauspielschule gewünscht war: Cordhose, kariertes Hemd, nicht szenig, authentisch, natürlich.

Und zweitens?

Den würde ich auch nehmen, der sieht gut aus.

Christoph Marti über seinen Mann Tobias Bonn: «Es tut uns ganz gut, wenn wir zwischendurch einmal nicht zusammen auf der Bühne stehen.»
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Können Sie noch ohne Ihren Mann auf der Bühne stehen?

Ich stehe ab und zu ohne ihn auf der Bühne.

Ihr Mann sagte einmal über Sie: «Ohne ihn wüsste ich nicht, was ich auf dieser Welt soll.»

Es tut uns ganz gut, wenn wir zwischendurch einmal nicht zusammen auf der Bühne stehen. Aber mein Mann fehlt mir natürlich wahnsinnig, wenn er nicht mit mir spielt, weil wir beide genau wissen, wie es geht miteinander.

Sie leben mit Ihrem Mann seit Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft. Seit 2017 können Homosexuelle in Deutschland auch heiraten. Warum tun Sie es nicht?

Das müssen wir noch nachholen. Aber ich habe bereits angekündigt, ich werde nicht nochmals ein Fest feiern. Ich würde unsere Hochzeit gerne an einem Montagvormittag zwischen 10 und 11 erledigen, danach mit Tobi ein leckeres Steak essen gehen und gut ist.

Hochzeit feiern mit Glanz und Gloria ist nichts für die beiden Schauspieler. Das haben sie schliesslich fast jeden Tag auf der Bühne.

Seit 33 Jahren geht das so: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Wohnen, schlafen, arbeiten – immer zu zweit: Wie funktioniert das?

Mal so, mal so. Es funktioniert ganz gut. Wir haben eine Streitkultur, die es in sich hat. Da wollen Sie nicht dabei sein, wenn wir uns streiten.

Wird es so laut?

Ja.

Ein Tick, für den Sie Ihren Mann über alles lieben?

Manchmal, wenn mein Mann in der Küche arbeitet, summt er. Ich weiss gar nicht, ob er sich bewusst ist, dass er das tut. Oft hört es sich so an, als würde er nur denken, dass er summt. Diesem Summen höre ich sehr gerne zu, weil ich denke, da muss jemand sehr glücklich sein, sonst würde er nicht so summen.

Welche Wörter sind in Ihrer Beziehung tabu?

Das gibt es nicht – all is fair in love and war.

Wie hiessen Ihre Kinder, wenn Sie welche hätten?

Das kann ich nicht sagen, weil wir darüber nicht reden. Ich finde es jedoch immer wahnsinnig toll, wenn wir für unsere Stücke Figuren entwickeln und diese Kinder haben und wir diesen Namen geben müssen. Da mache ich jeweils ein riesiges Fass auf. Wir haben mindestens fünf dicke Namenlexika aus allen möglichen Erdkreisen daheim. Ich mag altmodische Namen – unsere Katzen hiessen Walter, Ruth, Paul, Edi, Willi und Karlheinz.

Haben Sie keine Katzen mehr?

Doch, noch eine, der Paul ist 18 Jahre alt.

Ihr Lieblingsvogel?

Ich mag gerne Kakadus. Wir haben ja wahnsinnig viele ausgestopfte Vögel in unserer Wohnung, den Kakadu möchte ich aber in echt haben.

Sie haben wie ich ein ausgestopftes Murmeltier im Wohnzimmer stehen.

Wirklich, Sie auch? Nicht alle Gäste, die zu uns kommen, verstehen das mit den ausgestopften Tieren, manche sind total irritiert deswegen.

Ihre Lieblingsblume?

Ich mag fast alle Blumen gerne, aber wenn ich mich für eine Sorte entscheiden müsste, würde ich Geranien nehmen.

Er liebt Geranien wirklich über alles und hat sich die Blume deshalb sogar auf den Rücken tätowieren lassen.

Ihr Lieblingsduft?

Mein absoluter Lieblingsduft ist «Royal English Leather» von «Creed». Er wird leider nicht mehr hergestellt. Ich bin deshalb regelmässig auf Ebay zugange und habe auch schon 800 Franken für einen Flakon bezahlt. Und wissen Sie was? Ich wähle auch für jede meiner Rollen einen Duft aus. Das ist ein Hobby von mir. Für die Hilde Czapek im «Heurigen» verwendete ich den Duft «Tosca». Da kostet ein Fläschchen in der Drogerie zum Glück nur ein paar Euro.

Lieber streicheln oder gestreichelt werden?

Gestreichelt werden.

Das grösste Abenteuer, das Sie in einem Bett bestanden haben?

Das war nicht in einem Bett. Ha,ha, diese Antwort habe ich geschickt abgewendet (lacht schallend).

Was können Männer besser als Frauen im Bett?

Abspritzen … Sie haben gefragt! Aber ehrlich gesagt, ich kann zu Frauen gar nichts sagen, weil ich noch nie mit einer Frau im Bett war.

Wären Sie manchmal gerne eine Frau?

Ich bin ja auf der Bühne sehr oft eine Frau und das bin ich sehr gerne.

Wie viele Perücken besitzen Sie?

Drei oder vier.

Christoph Marti über die Geschwister Pfister: «Keine Angst, wir machen wieder etwas zu dritt. Aber vorher laufen noch so viele andere Projekte, deshalb ist das neue Projekt noch nicht spruchreif.»
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Wie geht es eigentlich Andreja Schneider alias Fräulein Schneider, Ihrer langjährigen Bühnenpartnerin?

Es geht ihr sehr gut. Sie weilt zurzeit für Dreharbeiten in Bulgarien. Grad gestern hat sie mir ein Handybild geschickt. Andreja fehlt mir sehr. Wir arbeiten wahnsinnig gut zusammen, sind ein eingespieltes Team. Was nicht heisst, dass es nicht auch einmal Probleme geben kann. Was ich an Andreja besonders schätze ist: Bei ihr kann man so unaufwendig andocken, wenn man etwas auf dem Herzen hat. Ja, ich würde sagen, Andreja ist meine beste Freundin.

Und wann stehen die Geschwister Pfister wieder einmal zu dritt auf der Bühne?

Im November gibt es eine Wiederaufnahme von «Die Geschwister Pfister in der Toskana». Noch vorher spielen Andreja und ich in Nürnberg die Operette «Ball im Savoy». Sie mimt den türkischen Ambassador namens Mustapha Bay, ich die US-amerikanische Komponistin Daisy Darlington. Auf dieses Stück freue ich mich wahnsinnig, weil die Andreja auch ein ganz toller Transvestit ist. Und ab Ende August sind Tobi und ich im Casinotheater Winterthur im Stück «Die Rache der Fledermaus» als Ehepaar Gabriel und Rosalinde von Eisenstein zu sehen.

Nochmals: Wann kommt das neue Geschwister-Pfister-Stück?

Keine Angst, wir machen wieder etwas zu dritt. Aber vorher laufen noch so viele andere Projekte, deshalb ist das neue Projekt noch nicht spruchreif. Aber ich kann Ihnen schon den Titel verraten, wenn Sie wollen. Der Stück des Titels ist nämlich immer das Erste, was wir parat haben …

… na dann, raus damit.

«Businessclass – Die Geschwister Pfister im Sitzen» wird das Stück heissen, auch wir Pfisters werden langsam älter.

Theaterkapitel vorbei. Wir müssen jetzt wieder näher an ihn ran. Vollgas. Los!

Was sagen Sie: Schwuler oder Homosexueller?

Schwuler.

Schwule riechen besser.

Ja.

Schwule sind bessere Künstler.

Nein.

Wie oft schon als «schwule Sau» betitelt worden?

Ungezählte Male während meiner Schulzeit. Aber das hat sich völlig normal angefühlt, weil auch ich alle mit «schwule Sau» betitelt habe. Das war einfach eine gute Art, um laut zu sein, wenn wir «Schwüpu» riefen. Wir wussten damals ja noch gar nicht, was das wirklich heisst. Wenn ich heute an meine Schulzeit zurückdenke, wird mir immer wieder bewusst: Wir waren alles homophobe Arschlöcher. Ja, ich auch.

Je sonst unter Homophobie leiden müssen?

Ich habe extrem unter Homophobie gelitten, so lange ich noch bei meinen Eltern lebte und darauf angewiesen war, dass sie mich nicht ins Heim stecken.

Das müssen Sie erklären.

Bei uns daheim wurde nicht einmal das Wort «Schwule» ausgesprochen, sondern meine Eltern sagten «Komische». Darunter litt ich schon, bevor mir bewusst wurde, dass ich schwul bin. Mich störte schon als Kind, wie in meinem Elternhaus der Okay-Bereich definiert wurde und dass von vornherein klar war, dass wir uns nur in diesem Bereich bewegen würden. Irgendwann sagte ich einmal zu meiner Mutter: «Mami, mich stört es wahnsinnig, dass ihr immer meint zu wissen, wie alles geht. Das ist nicht gut, das ist mir zu eng.» Meine Mutter schaute mich mit grossen Augen an und wusste nicht, was sie antworten soll.

Und als Sie Ihr Coming-out hatten …

… versuchte meine Mutter es irgendwie zu verstehen. Aber meine Eltern waren eben auch ängstlich und schnell überfordert. Und das hiess: Lieber das Gespräch nicht führen, als es ungeschickt zu tun. Ja, ja, das waren die 1970er Jahre.

Noch eine Abrechnung offen?

Es gibt zwei, drei Leute aus meiner Schulzeit bei denen ich mich gerne entschuldigen würde. Das merke ich daran, dass ich hin und wieder ihren Namen auf Facebook eingebe, um sie zu suchen. Hat bisher aber nicht geklappt.

Manchmal Lust auf Rache?

Ich finde es die bessere Idee, Dinge, die man nicht mehr ändern kann, loszulassen.

Die Bühne braucht viel Kraft: Haben Sie irgendwelche Tricks, um Müdigkeit zu verscheuchen?

Koffein. Und ganz wichtig für mich, am Morgen eine Stunde Joggen gehen. Das stufe ich als nicht verhandelbar ein.

Können Sie sich ein Leben abseits der Bühnen vorstellen?

Ja, diese Phantasie habe ich immer wieder. Ich würde nach Adelboden fahren und in der Bäckerei Haueter fragen, ob sie mich für eine Lehre in der Backstube nehmen würden. Und dann wäre das bis an mein Lebensende mein Beruf. Eine wunderbare Vorstellung.

Wann zuletzt ins Meer gehüpft?

Heute Morgen, wir weilen gerade auf Mallorca in den Ferien.

Ins Meer hinausschwimmen – lieber allein oder zu zweit?

Gerne allein.

Ihre längste Reise mit dem Zug?

1984 während meiner ersten Griechenland-Reise – mit Rucksack und ohne gebuchtes Hotel.

Am 24. Juli werden Sie 53. Demnach die Midlife-Crisis schon hinter sich gebracht?

Huuu … ich hatte schon mehrere Krisen im Leben. Mein Mann, glaube ich, hatte vor drei Jahren eine veritable Midelife-Crisis.

Und Sie?

Es ist wie bei der Pubertät: Ich wartete und wartete und dachte: Kommt da mal noch was?

Christoph Marti über das Älterwerden: «Bald wird es verboten sein, älter als 39 auszusehen. Dabei werden die meisten von uns doppelt so alt. Heisst das also irgendwann, wir dürfen in der zweiten Lebenshälfte das Haus nicht mehr verlassen?»
Maurice Haas

Sagen Sie doch jetzt bitte zum Schluss noch etwas über das grösste Tabu unserer Gesellschaft, den Tod.

Ich bezeichne den Tod nicht als das grösstes Tabu unserer Gesellschaft. Im Gegenteil: Der Tod ist unser grösster, gemeinsamer Inhalt.

Was ist denn Ihrer Ansicht nach das grösste Tabu unserer Gesellschaft?

Bald wird es verboten sein, älter als 39 auszusehen. Dabei werden die meisten von uns doppelt so alt. Heisst das also irgendwann, wir dürfen in der zweiten Lebenshälfte das Haus nicht mehr verlassen? Wenn das mit dem Jugendwahn so weitergeht, werde ich irgendwann laut werden. Meine Urgrossmutter wurde 103 Jahre alt. Sie war bis ins hohe Alter total fit im Kopf. Am Schluss sah sie mit den vielen Runzeln im Gesicht einer Eskimo-Frau ähnlich. Sie hatte Schlitzaugen, weil ihre Lider runterhingen. Ich fand das wunderschön, weil ihr Gesicht so viel zu erzählen hatte. Ich habe so viele Schauspielkolleginnen und -kollegen, die jünger sind als ich, die sich bereits unter das Messer legen. Natürlich kann man dann sagen: Es ist dein Körper, du kannst damit machen, was du willst. Aber man kann auch sagen: Ich finde das total geisteskrank und überlege mir deshalb, den Kontakt mit dir abzubrechen.

Wollen Sie auf der Bühne sterben?

Nein. Ich möchte in meinem Bett sterben oder – noch besser – kurz vor dem Mittagessen in der Küche.

Und ganz zum Schluss noch der grosse Talenttest: Schätzen Sie jetzt bitte, lieber Christoph Marti, Ihr Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, Supertalent, ein: Koch?

(Überlegt lange) Sieben. Oh, das hat jetzt lange gedauert. Ich bin beim Kochen sehr ambitioniert. Es kam deshalb auch schon vor, dass ich ein Gericht samt Pfanne in den Abfalleimer geworfen habe, weil es nicht so rauskam, wie ich es geplant hatte.

Politiker?

Ich sage immer zu Tobi, er solle in die Politik gehen. Seine Mutter war für die SPD Bürgermeisterin in Mainz. Für mich wäre das nichts und deshalb: null Punkte. Ich bin zu undiplomatisch.

Frau?

Zehn. An mir ist eine Frau verloren gegangen.

Zur Person: Christoph Marti

Christoph Marti, 52, wuchs in Bern auf. Nach seiner Ausbildung als Schauspieler zog er nach Berlin. Seit 1991 tourt er mit seinem Mann Tobias Bonn und Andreja Schneider als Geschwister Pfister regelmässig durch die Lande. Marti spielt zudem in zahlreichen Musicals, wie «Hello, Dolly!» in Bern, «La Cage aux Folles» in München oder «Die Csárdásfürstin» in Köln, die Hauptrollen. Ab dem 30. August sind Marti/Bonn im Casinotheater Winterthur  als Ehepaar Gabriel und Rosalinde im Stück «Die Rache der Fledermaus – eine liebenswerte Abrechnung mit Johann Strauss» zu sehen. Tickets gibt es hier zu kaufen.

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
zVg

Leserangebot «Traumfänger»

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