Der Tag, an dem mich drei Prinzen in den Glarner Alpen begleiteten

Caroline Fink

27.4.2020 - 07:36

Anstelle der Ruhe eindrückliche Motive gefunden: der Boden eines trockenen Bergsees.
Bild: Caroline Fink

Manchmal finden wir nicht das, wonach wir suchen. Stattdessen finden wir etwas viel Besseres. Dafür gibt es ein Wort: Serendipität. Woher das Wort stammt? Aus einem uralten Märchen, das heute vielleicht aktueller ist denn je.

Es waren einmal drei Prinzen auf der Insel Sri Lanka. Diese begaben sich immer wieder auf die Suche nach etwas Bestimmten und entdeckten jedes Mal etwas, das weit grossartiger war als das ursprünglich Gesuchte.

So jedenfalls erzählt es das Märchen «Die drei Prinzen von Serendip», das ein persischer Dichter vor über 700 Jahren niederschrieb. Wobei Serendip der alte persische Name für Sri Lanka war.

Ich stiess auf die Geschichte, als ich vor ein paar Jahren das englische Wort «Serendipity» zu verstehen versuchte. Ein seltsames Wort, das – im Deutschen als Serendipität übersetzt – seinen Ursprung bei den Prinzen von Serendip hat und nichts anderes bedeutet als: auf etwas Wunderbares zu stossen, während man etwas anderes sucht.

Als wäre sie Lichtjahre entfernt: eine Landschaft wie auf einem anderen Planeten.
Bild: Caroline Fink

Letzte Woche fielen mir die drei Prinzen wieder ein. Dann nämlich, als ich für einen Tag in den Glarner Alpen durch die Einsamkeit wanderte.

Der Stille lauschen, das Haar im Wind wehen lassen

Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, die Stadt zu verlassen, doch gleichsam wollte ich ihr entfliehen, da sie mich mit ihrer bizarren Mischung aus Arbeitsalltag und Stillstand immer müder und schlaflos machte. So fuhr ich also dorthin, wo ich sonst – beruflich wie privat – über hundert Tage pro Jahr verbringe: in die Berge.

Dort wollte ich der Stille lauschen und mir den Wind in die Haare wehen lassen.

Doch dann wanderte ich durch die Bergwelt, blickte hoch zu den stillen Gipfeln, hörte Vögel zwitschern, das Wasser rauschen, spürte den Wind um mich tanzen und fühlte mich: genauso aufgekratzt wie zu Hause. Die Sorgen waren mitgereist und die Ruhe der Berge erschien mir mit einem Mal nicht mehr reich, sondern leer. Bis ich etwas entdeckte: einen halb leeren Bergsee.

Die beste Entdeckung des Tages: Bilder, die alles andere vergessen liessen.
Bild: Caroline Fink

In dessen staubigem Seegrund fand ich Sandbänke mit Adern aus Schlick, mäandernde Wasserläufe im Sand, eine Uferlinie, in der sich Wasser mit Sedimenten vermischte und smaragden schimmerte. Ich packte meine Kameraausrüstung aus und begann zu fotografieren. Ich weiss nicht mehr, wie lange.

Die Landschaft liess mich alles vergessen

Denn was ich durch das Objektiv sah, liess mich alles vergessen: eine Landschaft, als wäre ich durch Lichtjahre gereist und auf einem entfernten Planeten gelandet. Mein Herz klopfte, ich vergass alles um mich und das Belohnungssystem in meinem Kopf leuchtete bestimmt wie ein Sternenmeer. Ich war glücklich.

Vor meinem Bildarchiv sitzend, stelle ich nun fest: Die Bilder, die ich anstelle der vergeblich gesuchten Bergesruh gefunden habe, gehören zum Verrücktesten, das ich je fotografiert habe. Und so frage ich mich seither, was wir in diesem Lockdown sonst noch entdecken werden – wir als Gesellschaft und wir als Individuen.

Was unsere unbeabsichtigten Erkenntnisse sein werden? Ich persönlich habe noch keine Antworten darauf gefunden. Doch ich vertraue auf das Vermächtnis der drei Prinzen von Serendip.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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