Jetzt muss auch der Stammtisch gegen Sexismus kämpfen

Jennifer Furer

1.6.2020 - 10:00

«Männer, die übergriffig werden, verschwinden nicht einfach so aus der Gesellschaft», hat Schauspieler Mike Müller kürzlich gesagt.
Keystone

Sexismus existiert. Genauso wie Stammtischweisheiten darüber. Warum es wichtig ist, diese aufzudecken und aus den Köpfen zu verbannen – und warum gerade Männer dabei entscheidend sind.

«Ich drängte sie, etwas zu tun, was sie ablehnte, und ich spielte mit unserer emotionalen Verstrickung, bis sie es tat.»

«Ich glaube, sie sexuell zu erobern war etwas, von dem ich erwartete, dass ich es tun musste.»

«Ich habe es immer wieder versucht. Sie sagte nicht nein oder hörte auf. Sie sass einfach nur da.»

«Ich habe den Ausdruck auf ihrem Gesicht nie vergessen: Sie schien gleichzeitig verletzt, enttäuscht, empört und verwirrt zu sein.»

Diese Sätze stammen von Männern, die in der «New York Times» hin stehen, ihr sexistisches Verhalten reflektieren, sich dafür entschuldigen.

«Bis heute denke ich mit Scham und Reue an diese Erfahrung. Diese Gefühle überkommen mich zu unerwarteten Zeiten. Und ich bin jetzt fast 82 Jahre alt. Ich hätte damit aufhören sollen. Und ich bin sicher, ich hätte mich entschuldigen sollen. Ich habe nichts davon getan. Es tut mir leid, Diane.»

Die Fragen sind erlaubt: Ist es nicht falsch, beim Thema Sexismus Männer in den Fokus zu rücken? Gleicht das nicht einem öffentlichen Pranger des männlichen Geschlechts? Was bringt es überhaupt, wenn Männer sich zu ihren Verfehlungen äussern?

Seit Mitte Mai das Video «Männerwelten» veröffentlicht wurde, ist es wieder ausgesprochen ruhig um das Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt geworden. Es scheint, als hätte die Öffentlichkeit kein Interesse daran, sich mit dem Thema zu befassen.

Nach der #MeToo-Debatte und unzähligen Berichten, in denen sich Opfer zu Wort gemeldet haben und dies auch weiterhin tun, scheint das Bedürfnis nach mehr Informationen gestillt. Als gelte dies: Man kennt sich ja inzwischen aus, weiss Bescheid, was Sexismus ist – und es tut sich doch etwas in der Gesellschaft.

Doch wie es Schauspieler Mike Müller erst kürzlich treffend in einem «Bluewin»-Beitrag sagte: «Männer, die übergriffig werden, verschwinden nicht einfach so aus der Gesellschaft.» Auch die vermehrte öffentliche Sichtbarkeit von Sexismus und sexualisierter Gewalt reichen nicht, um die Probleme zu lösen und aus der Welt zu schaffen – Frauen leiden täglich weiter darunter; am Arbeitsplatz, in der Disco, im Freundeskreis, beim Einkaufen, in Beziehungen, im Internet.



Das Problem ist nämlich noch kein Stück gelöst. Wir stehen erst am Anfang. Indem die Frauen aufgestanden sind, ihre Geschichten zugänglich gemacht haben und so die Missstände in der Gesellschaft angeprangert haben, wurde erst deutlich, dass das Thema Sexismus existiert. 

An jenem Punkt, an dem wir als Gesellschaft jetzt stehen, braucht es Männer wie jene, die sich in der «New York Times» geäussert haben. Männer, die selbstkritisch ihr Verhalten hinterfragen, dazu stehen, wenn sie merken, eine Grenze überschritten zu haben und sich dafür entschuldigen.

«Die Gesellschaft schaut auf die Opfer und sucht Antworten auf die Fragen, wie sexualisierte Gewalt vermindert werden kann. Diese sind aber dort nicht zu finden», sagte Agota Lavoyer von der Fachstelle Opferhilfe bei sexueller Gewalt Lantana in einem «Bluewin»-Beitrag Mitte Mai. Vielmehr müsse der Fokus auf die Täter gelenkt werden. Wer sind sie? Warum handeln sie so?

Männer fassbar machen

Das ist zentral, um den Sexismus und die sexualisierte Gewalt aus dieser Welt zu schaffen. Denn damit dies gelingt, muss in den Köpfen der Menschen ein Wandel stattfinden: Wir müssen uns bewusst werden, welche Männer und welche Verhaltensweisen von ihnen Frauen diskriminieren, unterdrücken, benachteiligen.

Definition Sexismus

Sexismus ist laut Duden die Vorstellung, nach der ein Geschlecht dem anderen von Natur aus überlegen sei, und die daher für gerechtfertigt gehaltene Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, besonders der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts.

Es muss klar werden, weshalb und wieso vielerorts immer noch die Vorstellung herrscht, dass der Mann der Frau von Natur aus überlegen sei. Wir müssen uns als Gesellschaft noch mehr bewusst werden, welche Handlungen dazu führen, den ungleichen Status zwischen Männern und Frauen aufrechtzuerhalten. Es muss eindeutig sein, wann eine Grenze überschritten ist – und es muss fassbar werden, wer die Männer sind, die dies tun.

«Wir müssen unser Bild revidieren darüber, wer diese Täter sind. Das sind nicht Psychopathen, sondern ‹normale› Männer – vielleicht unsere Freunde und Kollegen», sagte Lavoyer. Damit die falsche Tätervorstellung, die tief in unseren Köpfen verankert ist, verändert werden kann, müssen wir Zugriff auf die richtigen haben.

Denn: Nur wenn ein Problem richtig erfasst wurde, kann es gelöst werden. Genau darum ist es wichtig, dass Männer, die mit oder ohne böse Absicht zum Täter wurden, sich und ihre Selbstreflexität der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Dieser Schritt braucht Mut – und er ist keineswegs einfach. Aber er ist wichtig, damit Frauen nicht mehr Opfer des Sexismus und sexualisierter Gewalt werden. Das ist eine tägliche Last, die menschgemacht ist. Warum sich also nicht als Menschen solidarisieren, sich gegenseitig keine Steine in den Weg legen und einander gegenseitig das Leben ermöglich, das einem zusteht?

Noch gibt es in der Schweiz wenige Männer, die den Schritt wagen. Das mag zum einen daran liegen, dass sie die Öffentlichkeit und die Reaktionen scheuen. Es kann aber auch sein, dass sie sich den Fehler nicht eingestehen wollen – oder können. Denn eben weil das Wissen fehlt, ist vielen gar nicht klar, dass sich Sexismus und sexualisierte Gewalt nicht nur durch eine Vergewaltigung, eine sexuelle Belästigung oder das Senden eines Dickpics äussert.

Das hat sich in Gesprächen bestätigt, die ich seit dem Video «Männerwelten» mit Männern aus meinem privaten und beruflichen Umfeld geführt habe. «Haben Sie schon mal eine Grenze überschritten», frage ich einen Interviewpartner beispielsweise. «Was fällt ihnen ein, mich über mein Sexleben auszufragen. Ich bin kein Grüsel, der Frauen anfässt oder sie sexuell bedrängt», kam dann zurück. Er habe auch noch nie eine Frau vergewaltigt.

Erst nachdem wir darüber gesprochen haben, dass sich Sexismus und sexualisierte Gewalt eben nicht nur durch solche Verhaltensweisen ausdrücken, wurde dem Mann klar, wieso ich diese Frage gestellt habe.



Mit einem anderen Mann sprach ich über den Umgang mit Praktikantinnen. Er sagt, dass er mit seinem Kollegen ab und an etwas schamlos frivol und doppeldeutig spreche. «Zwar in Anwesenheit der Frau, aber sie ist davon nie betroffen und macht auch mit.»

Ich entgegnete, dass Humor und Belästigung bei sexistischen Sprüchen extrem nah beieinander liegen. Und dass das Verhalten der Praktikantin nicht unbedingt ein Zeichen dafür sei, dass sie die Verhaltensweise begrüsst, sondern mitmacht, weil sie sonst negative Konsequenzen befürchtet. Mein Gesprächspartner meinte darauf, dass er sich dies noch nie so überlegt habe und dies künftig unterlässt.

Auch im Gespräch mit zwei Kollegen zeigte sich, dass das Bewusstsein für Sexismus und sexualisierte Gewalt noch nicht so ausgeprägt ist, damit das Problem gelöst werden kann. Denn erst nach minutenlangem Diskutieren merkte einer, dass es nicht okay ist, einer Frau so oft und so lange zu schreiben, bis sie sich gezwungen sieht, zu antworten.

Es gibt auch wohlwollenden Sexismus

Auch sah er ein, dass nicht nur feindlicher also hostiler Sexismus ein No-Go ist. Dieser äussert sich durch eine negative Grundhaltung gegenüber Frauen, der beispielsweise über sexistische Witze und Sprüche zum Ausdruck kommt.

Auch wohlwollender, also benevolenter, Sexismus geht nicht. Dabei wird eine an sich positive Haltung gegenüber Frauen dazu benutzt, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern aufrechtzuerhalten. Dazu zählt beispielsweise die Einstellung, dass Frauen umsorgt und beschützt werden sollen.

Mein anderer Kollege meinte, dass er sich im Arbeitsleben dabei ertappt hat, wie sexistisches Denken tief in seinem Innern verankert ist. So schrieb er früher Männern eher Kompetenzen zu als Frauen.

Und er fand es auch nicht schlimm, wenn Frauen nicht gefördert, sondern Männer befördert wurden. «Damit wird aber auch im Arbeitsleben nie eine Gleichstellung erreicht», meinte er. Ihm sei jetzt klar, dass bewusst auf Frauen gesetzt werden müsse. Auch, wenn man Bedenken hat, dass sie der Situation nicht gewachsen ist. «Wenn man nicht mutig vorangeht und solche Entscheide trifft, wird sich nie etwas ändern», sagte mein Kollege.

Das müsse es aber. Auch, wenn dies einem Mann in einer einzelnen Situation als unfair erscheint. Das sei ihm heute klar – und er spreche bewusst mit seinen Arbeitskollegen darüber.

Die Gespräche zeigen: Je mehr Männer ihr Verhalten selbst reflektieren und je mehr darüber gesprochen wird, desto mehr wird ihnen bewusst, was Sexismus und sexualisierte Gewalt tatsächlich ist – und dass das Thema weit umfassender ist, als bisher angenommen. Erst wenn dies in der Gesellschaft angekommen und akzeptiert ist, wird es möglich sein, sexistische Verhaltensweisen aus unserer Welt zu verbannen.


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