Lügen und Bestechung

Mafiamethoden – wenn Eltern die Karriere ihrer Kinder kaufen wollen

Von Marianne Siegenthaler

14.11.2019

Die in den Bestechungsskandal um Zulassungen zu US-Eliteuniversitäten verwickelte Schauspielerin Felicity Huffman (Mitte) trat Mitte Oktober ihre zweiwöchige Haftstrafe an.
Bild: Getty Images

Dass Eltern ihre Kinder fördern, ist normal. Manche übertreiben es aber – die Schauspielerin Felicity Huffman wollte ihrer Tochter den Zugang zu einer Universität erkaufen. Unschöne Beispiele gibt es auch in der Schweiz.

Kürzlich machte die «Desperate-Housewives»-Schauspielerin Felicity Huffman Schlagzeilen. Nein, nicht weil sie eine neue Serienrolle bekommen hat. Sondern weil sie ins Gefängnis musste.

Der Grund: Sie hat ein Bestechungsgeld von 15'000 Dollar gezahlt, damit die falschen Antworten ihrer ältesten Tochter Sofia in dem Uni-Aufnahmetest SAT (Scholastic Assessment Test) korrigiert werden. So wollte sie dem Mädchen Zugang zu Elite-Universitäten verschaffen. Doch die Bestechung flog auf, und Huffman musste vor Gericht antraben.

Die Schauspielerin gestand ihre Schuld ein und wurde zu 14 Tagen Haft, einer Geldstrafe von 30'000 Dollar sowie 250 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Zudem wird sie nach ihrem Gefängnisaufenthalt ein Jahr lang unter Bewährungsauflagen stehen.

Nur: Huffman ist nicht die Einzige, die mit Mafiamethoden die Karriere ihres Kindes puschen wollte.

Der Skandal um die Hochschul-Bestechungen hatte in den vergangenen Monaten weite Kreise gezogen. Um ihren Kindern einen der begehrten Studienplätze in Yale, Stanford oder Georgetown zu verschaffen, haben angeblich zahlreiche prominente beziehungsweise wohlhabende Eltern Mitarbeiter an Colleges und Universitäten in den USA bestochen.

Förderung häufig mit Forderung verwechselt

Dass Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, ist nachvollziehbar. «Förderung bedeutet, ein angemessenes Angebot zu schaffen, um eine geistige, körperliche, emotionale und soziale Entwicklung zu ermöglichen», sagt Psychologin Franziska-Bischof Jäggi aus Zug.

Dass Eltern aber zu solchen Mitteln greifen, um ihren vielleicht «nur» normalbegabten Kindern einen Platz im Gymnasium beziehungsweise an der Universität zu verschaffen, sei bedenklich. «Förderung wird häufig mit Forderung, also mit einer Erwartungshaltung verwechselt. Ich kann von einem Kind nicht erwarten, dass es meinen Interessen entspricht und darf es nicht gezielt und ungefragt dahin pushen.»

Psychologin Franziska Bischof-Jäggi: «Förderung bedeutet, ein angemessenes Angebot zu schaffen, um eine geistige, körperliche, emotionale und soziale Entwicklung zu ermöglichen.»
Bild: zVg

Nicht nur in den USA, auch in der Schweiz gibt es Eltern, die ihre Kinder unbedingt ins Gymnasium bringen wollen, auch wenn diesen die intellektuellen Fähigkeiten dazu fehlen. Mami beziehungsweise Papi scheuen keine Kosten und stecken viel Geld in Gymivorbereitungskurse.

Nachhilfestunden im Wochentakt

Und wenn es dann geklappt hat mit der Prüfung, geht es weiter mit Probezeit-Unterstützungskursen. Ist dann auch die Probezeit durchgestanden, folgen im Wochentakt Nachhilfestunden.

Es gibt Kinder, die bestehen all die Jahre am Gymnasium nur dank regelmässiger Unterstützung durch den Nachhilfelehrer. Da läppert sich ein schönes Sümmchen zusammen. Und das nicht unbedingt zum Wohle des Kindes.

«Wer als Eltern dem Kind eigene Bedürfnisse und Interessen abspricht, ihm dafür aber seine eigenen aufzwingt, manipuliert sein Kind und destabilisiert es emotional, heisst: überfordert es letztendlich», so Franziska Bischof-Jäggi.

Notfalls mit dem Anwalt drohen

Trotzdem gehen manche Eltern hierzulande sogar noch einen Schritt weiter: Wenn nicht mal die vielen Nachhilfestunden für einen genügenden Notenschnitt ausreichen, dann muss ein Anwalt die Sache richten.

So hatte ein Sechstklässler aus dem Kanton Zürich die Aufnahmeprüfung fürs Langzeitgymnasium nicht bestanden, weil er im Aufsatz nur gerade die Note 2 schaffte. Seine Eltern rekurrierten dagegen und zogen vor Gericht. Eine 3 hätte der Bub schon verdient, argumentierten sie.



Aber jetzt mal ehrlich: Eine Note 3 ist doch immer noch ungenügend. Wer nichts Besseres zustande bringt, hat am Gimi nichts verloren. Franziska Bischof-Jäggi sagt dazu: «Kinder dürfen und sollen zwischendurch auch Misserfolge einstecken, denn auch der Umgang damit muss gelernt werden. Tun sie das nicht als Jugendliche, weil die Eltern ihnen zu viel abnehmen oder ein Expertenumfeld rund um das Kind aufbauen, werden sie scheitern, sobald die Eltern nicht mehr immer alles abfedern können.»

Dem Kind etwas zutrauen

Dem Kind und späteren Erwachsenen tut man damit keinen Gefallen. Denn wäre es nicht vielleicht glücklicher in einem Job, der seinen Fähigkeiten entspricht? Und nein, es ist kein sozialer Abstieg, keine Katastrophe, wenn es einfach eine Lehre macht und damit glücklich wird.

«Wer sein Kind zu stark fördert,» so Bischof-Jäggi, «übernimmt eine zu grosse Verantwortung im Leben des Kindes und verunmöglicht ihm dadurch, seine eigenen Bedürfnisse und Interessen wahrzunehmen, weiter zu entwickeln und zu erfüllen.»

Eltern dürfen dem Kind also ruhig zutrauen, dass es von sich aus den richtigen Weg findet – und wenn es eben Schreiner statt Chirurg wird, ist das in Ordnung. «Das vordringlichste Ziel von Eltern ist es, dass sich ihre Kinder zu gesellschaftsfähigen, stabilen  Persönlichkeiten entwickeln», bringt es die Psychologin auf den Punkt.

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