Meh Dräck: Warum ich als Frau gerne Gewichte hebe

25.8.2018 - 14:00, Mara Ittig

Strong is the new sexy: Muckibuden werden zu Wellness-Tempeln, denn die neue ZIelgruppe ist weiblich. 
Bild: Getty Images

Aufgepumpte Muskel-Typen fand ich immer bescheuert. Sie stellten für mich den leicht dümmlichen Gegenspieler zum zivilisierten Gentleman dar. Inzwischen pumpe ich meine Muskeln selber. Und liebe es. Ein Plädoyer.

Sobald sich die Türe der Garderobe hinter mir schliesst, bin ich im «Beast Mode». Das kann ich nur im Fitness-Studio. Ein Ort, den ich früher verabscheute: Es stinkt, viel zu viele selbstverliebte Hohlköpfe, man muss sich anstrengen, schwitzt schlimmstenfalls. So dachte ich. Sport war jahrelang kein Hobby für mich.

Inzwischen heisst die Devise «strong is the new sexy». Schwere Gewichte zu stemmen ist auch für Frauen normal geworden.  Frauen kommen im Fitnessstudio schon längst nicht mehr nur auf dem Laufband oder im Aerobic-Kurs ins Schwitzen. Und werden auch nicht mehr als unweibliche Anabolika-Protze belächelt, wenn sie Hanteln stemmen.

Frauen wollen mehr als nur gefallen

Die Zeiten, in denen Frauen einfach nur schön sein und gefallen mussten, sind zum Glück längst passé. Eine neue und selbstbewusste Frauen-Generation will stark sein. Das darf man uns ruhig ansehen. Von wegen «schwaches Geschlecht», Krafttraining für Frauen boomt.

Das wirkt sich auf die Branche aus: Fitness-Studios ähneln zunehmend luxuriösen Wellness-Oasen. Influencerinnen wie Kayla Itsines oder Sophia Thiel haben mit ihren Workout- und Ernährungsprogrammen Millionen – hauptsächlich weibliche – Follower. Krafttraining für Frauen ist zu einem Big Business geworden.

Es gibt Protein-Shakes für Frauen, die gleichzeitig für schöne Haare und Nägel sorgen, Fitness-Studios für ausschliesslich weibliche Mitgleider, stylische Sports-Wear hat Absatzzahlen, von denen manch andere nur träumen können. Das neue Lifestyle-Gefühl, das Krafttraining plötzlich mit sich bringt, macht den Sport zugänglicher. Zumindest für Menschen wie mich.

Von wegen «schwaches Geschlecht», die Autorin beim Training. 
Bild: Livio Federspiel, instagram.com/leeveeo

Der straffe Körper ist ein willkommener Nebeneffekt

Es geht dabei um mehr als Optik. Es geht um das Gefühl, stark zu sein. Nicht nur körperlich. Es ist durch Studien belegt, dass der stetige Fortschritt beim Krafttraining und das Gefühl, Kraft zu haben, sich positiv auf die Psyche auswirken, ja sogar gegen Depressionen helfen.

Seien wir ehrlich: Der straffe Körper ist ein willkommener Nebeneffekt. Denn entgegen der landläufigen Meinung sieht man durchs Hantelstemmen als Frau nicht aus wie ein Kraftwürfel, sondern hat einen besser definierten Körper. Wer will schon keinen flachen Bauch oder knackigen Hintern? Eben.

Krafttraining ist archaisch

Ich umgebe mich beruflich den ganzen Tag mit schöngeistigen Dingen: Mode, Essen, Reisen. Ich lese viel, schreibe Texte, beschäftige mich mit Sachen, die das Leben schöner machen. Ich brauche zur Abwechslung einfach ein bisschen «meh Dräck».

Krafttraining ist archaisch. Eine Zone, in der geschwitzt, geflucht und gestöhnt werden darf. Wo es um nichts anderes geht, als darum, körperlich an sein Limit zu kommen. Darum, sich stark zu fühlen. Man wird auf seine Urinstinkte zurückgeworfen.

Ich liebe es, zu den Beats von Nas und Wu-Tang Clan – inmitten schwitzender Typen – Langhanteln zu stemmen. Eine ähnliche Karriere legt auch der ehemals ähnlich verrufene Boxsport hin: Was früher Möchtegern-Rocky-Balboas und Schlägertypen in schwitzigen Keller-Gewölben vorbehalten war, ist zum Lieblingssport von Models und Karrierefrauen avanciert.

Nach getaner Arbeit geh ich duschen, ziehe wieder meine High Heels an und gebe meine Urinstinkte vorübergehend an der Garderobe ab. Oder spüle sie mit einem Protein-Shake runter.

Train like an Angel: Vicorias's Secret Engel Adriana Lima im Boxring.
Bild: Getty Images

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