Weihnachtsbeleuchtung – warum sie inneren Frieden bringt

Caroline Fink

16.12.2019 - 15:43

Töff, Lastwagen oder noch rasch ein Geschenk fischen? Der Zürcher Uetliberg wünscht frohe Weihnachten!
Bild: Caroline Fink

Lange Zeit hatte die Kolumnistin nichts übrig für Adventsbeleuchtung. Heute sieht sie das anders. Dank mehreren Besuchen in Finnland – und einigen Neonröhren in Zürich, die ausser ihr wohl keinem gefielen.

Vor einigen Jahren gab es eine neue Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse Zürich. Sie bestand aus einer vertikal aufgehängten, sehr langen Reihe von Neonröhren, über deren ganze Länge sich Muster in bläulichweissem Licht bewegten.

So mancher war entsetzt darob: zu kalt, zu modern, so gar nicht weihnachtlich sei diese Beleuchtung, und bald ersetzte sie die Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse durch warm glimmende Punkte.

Ich dagegen mochte die Neonröhren. Während Stunden hätte ich diese stillen Lichtschweife betrachten können, während die Strasse darunter im Rummel aus gehetzten Pendlern, gestressten Konsumenten auf Geschenksuche, Touristen mit Kameras und quietschenden Trams versank.

Ein transparent schimmerndes Foulards

Ich wusste selbst nicht, warum mir diese Weihnachtsbeleuchtung gefiel. Für elektrische Adventsdekoration hatte ich sonst nichts übrig, einzig Kerzenlaternen fand ich akzeptabel.

Doch irgendwann kam ich dahinter: Die Bewegung des Lichts erinnerte mich an Nordlichter, wie ich sie in Finnland gesehen hatte. Diese grünlichen, manchmal lilafarbenen, Lichter, die sich so still über den Nachthimmel bewegen, als würde jemand ein transparent schimmerndes Foulards durch das Firmament ziehen.

Im Tessin gibt es nicht bloss Lärchenwald und Palmen, sondern auch neonleuchtende Christbäume, hier in der Nähe von Bellinzona.
Bild: Caroline Fink

Ein paar Jahre später, während eines weiteren Weihnachtsbesuchs bei Freunden in Finnland, begann ich auch zu verstehen, was es mit der Adventsbeleuchtung auf sich hatte:

Es ging schlichtweg darum, in der dunkelsten Zeit des Jahres die langen Nächte ein wenig zu erhellen. Am kürzesten Tag des Jahres ein Lichterfest zu feiern, um sich danach über wieder länger werdende Tage zu freuen. Eine Tradition, die uralt ist – aus vorchristlicher Zeit.

Das Ende eines natürlichen Jahreszyklus

Seit ich dies verstanden habe, sehe ich Adventsbeleuchtung auch hierzulande in einem anderen Licht. Um nicht zu sagen: freue ich mich daran. Amüsiere mich manchmal auch oder staune darüber, womit wir bei uns die Dunkelheit zu vertreiben trachten, von leuchtenden Hirschen bis hin zu bunt blinkenden Sternen.

Doch mittlerweile erinnern selbst diese mich daran, was die Adventszeit im Grunde ist: das Ende eines natürlichen Jahreszyklus; eine Zeit, in der sich etwas dem Ende zuneigt und etwas Neues beginnt.



Jüngst tauchte bei uns auch der Begriff der Rauhnächte wieder vermehrt auf. Jene zwölf Tage Zeit zwischen der Wintersonnwende am 21. Dezember und dem 6. Januar. Zwölf Tage, die übrig bleiben, um ein Sonnenjahr zu vollenden, sofern man ansonsten in zwölf Mondmonaten rechnet. So wie unsere Vorfahren es taten.

Zig vorchristliche Bräuche sind mit diesen zwölf Tagen «zwischen den Jahren» verbunden. Allem voran die Vorstellung, dass die Welt der Geister und Seelen uns dann näher ist. Früher fürchteten sich viele Menschen vor diesen Nächten, andere nutzten sie für den Blick in die Zukunft, heute raten Bücher und Podcasts zur inneren Einkehr.

Harte Konkurrenz oder Trittbrettfahrer? Im Reppischtal leuchtet ein Bäcker um die Wette.
Bild: Caroline Fink

Letzterer Gedanke gefällt mir: Das Jahr ausklingen lassen, zur Ruhe kommen, die kurzen Tage geniessen und ein Licht anzünden – oder von mir aus einen Stecker am Strom anschliessen. In Erinnerung daran, dass Jahre und Zeiten kommen und gehen, Dinge entstehen und vergehen – und wir selbst auch Teil davon sind.

Ironie des Schicksals scheint mir, dass ich dies im Zentrum des Konsumwahns, an der Bahnhofstrasse, entdeckt habe. Und im Grunde auch in Finnland. Dort, wo die Nordlichter tatsächlich schimmern. Wo die Nächte sehr lang und die Festtage sehr still sind.

Denn die Finnen kennen ein eigenes Wort für die Ruhe zwischen den Jahren: «Joulurauha» – wobei joulu Weihnachten bedeutet und rauha Friede. Und wenngleich nicht geklärt ist, woher der Begriff der Rauhnächte im Deutschen genau kommt: Für mich liegt sein Zauber irgendwo verborgen im Frieden finnischer Winternächte.

Und jede Weihnachtsbeleuchtung daheim erinnert mich ein klein wenig daran.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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