Traumreise

Mit dem Zug in Kanadas Wildnis

Benno Schwinghammer, dpa

18.4.2020

Hinreisen? Das geht während der Corona-Krise natürlich nicht. Jetzt schon vom am kanadischen Hudson Bay gelegenen Churchill träumen, darf aber erlaubt sein. Ein geschichtsträchtiger Ort, der 18 Monate lang von der Welt abgeschnitten war.

Die Abendsonne taucht den kanadischen Sommerhimmel über Winnipeg in schillernde Farben, in der Hotel-Lounge hat ein Pianist am Flügel Platz genommen. An der Bar schenkt sich ein Mann Weisswein nach. Statt einer Hand hat er einen Haken.

Der Herr mit den weissen, akkurat zurückgekämmten Haar stellt sich als Doktor vor. Als er von dem bevorstehenden Abenteuer hört, einer Zugreise in den hohen Norden nach Churchill, schaut er wissend. Schliesslich lebt er seit mehr als 25 Jahren hier in der Provinz Manitoba in der Mitte Kanadas.

Der Doktor hat einen Rat, der wie eine Warnung klingt: «Wenn Du den Frieden magst und die Stille und die Erinnerung einer Blase im Meer des Nichts, dann fahre hin. Dort ist das Nichts.»

Verbindung vorübergehend unterbrochen

Die eindringlichen Worte hallen am Morgen darauf in der Union Station in Winnipeg noch nach. Auf dem Gleis stehen zwei Diesel-Loks, ein Waggon für Fracht, einer mit Sitzplätzen, ein Speisewagen und zwei Schlafwagen. So sieht in Kanada eine metallgewordene Lebensader aus.

Im Sommer 2017 unterbrachen schwere Überschwemmungen die Strecke in den Norden und brachten Churchill an den Rand des Kollaps.

«The Lazy Bear» – einen treffenderen Namen hätte man für dieses Café kaum finden können. 
Bild:  Travel Manitoba, dpa

Das Schicksal der Stadt hing nun an einer Flugverbindung, denn Strassen an die Hudson Bay gibt es keine. Als nach 18 Monaten wieder der erste Zug in der Stadt einfuhr, feierten ihre Bewohner auf den Strassen.

Herunterfahren auf Schienen

Beim Einsteigen lässt sich ein Hauch von Orient-Express-Gefühl nicht abschütteln, denn die bevorstehende Reise hat epische Ausmasse. Sie führt in 50 Stunden über 1'697 Kilometer vom landwirtschaftlich dominierten Süden Manitobas unweit der Grenze zu den USA bis hoch ans arktische Meer der Hudson Bay.

Hinein in die Wildnis, zu Seen, aus denen man trinken kann. Dorthin, wo die Türen der Autos stets offen sind, falls jemand vor einem blutrünstigen Eisbär Schutz suchen muss.

Der etwas morbide, blau-graue Nachkriegscharme des Interieurs jedenfalls macht klar, dass hier nicht nur Lustreise, sondern auch Abenteuer bevorsteht.



Als die Häuser Winnipegs Feldern weichen und die Bahn das mobile Handynetz Strich für Strich hinter sich lässt, kehrt eine unerwartete innere Ruhe ein – keine Termine, keine Deadlines, kein Tippen. Die Reisenden blicken vom Bildschirm auf und legen ihr Reiseschicksal in die Hände der kanadischen Bahn.

Eine Schicksalsgemeinschaft unterwegs

Irgendwann hält die Bahn schrill quietschend im Schatten eines Getreidesilos. «Geht nicht zu weit weg vom Zug, der nächste kommt erst in drei Tagen», dröhnt die Stimme des Zugbegleiters durch die Lautsprecher.

Der Zugführer hat die Fahrt schon wieder aufgenommen, als die Reisenden weiter hinten näher zusammenrücken. 17 von 35 Betten sind belegt. Anfangs sind sie noch irgendwelche Fremden, doch mit der Zeit bekommen sie Gesichter, Namen und Geschichten.

Joana ist von der Westküste und reist mit ihrem Bruder – sie nennt ihn immer «Bro». Der kleine Isaac aus Chicago ist bemerkenswert höflich, was wohl am strengen Regime seiner Mutter liegt.

James aus Australien ist besessen von Nachrichten vom Brexit, obwohl er gar nicht mehr in London, sondern im norwegischen Bergen wohnt. Musiker Glenn ist mit seiner Frau Heather unterwegs. Coralli reist schon 1,5 Jahre durch Kanada und will im Polar-Institut Churchills arbeiten.

Schach, Domino und echtes Interesse

Es bilden sich neue Gruppen. Der anfänglich empfundene Zwang, sich mit seinen Mitreisenden zu beschäftigen, wird zu einem Privileg. Vorurteile erweisen sich als falsch und Menschen als unterhaltsame Wesen. Susan sagt: «Die interessantesten Leute habe ich in Zügen oder auf Schiffen getroffen.» Kurz darauf findet sie heraus, dass Joana und sie aus demselben Ort am Pazifik stammen.

Wer mit dem Kajak unterwegs ist, wird – ein wenig Glück vorausgesetzt – von Walen begrüsst.
Bild: Travel Manitoba, dpa

Es entwickelt sich eine Dynamik, von der James glaubt, dass sie mit dem gemeinsamen Abenteuer zusammenhängt. «Dieser Zug ist anders, weisst du. Weil wir in die Wildnis fahren.» Auf einmal sind Stunden bei Domino, Schach und Plaudereien vergangen.

Am letzten Morgen ist die kanadische Weite einer Einöde gewichen. Die kahlen Stümpfe der Bäume wachsen wie Fangzähne aus dem Boden.

Belugawale und Eisbären

«Dort ist das Nichts», hallt wieder die Stimme des Doktors aus Winnipeg durch den Kopf. Und die ersten Schritte in Churchill geben ihm recht. Kühler Nebel hängt über der Strasse vor dem Bahnhof. Auf dem Parkplatz steht der Mietwagen, natürlich unverschlossen. Der Schlüssel liegt auf dem Beifahrersitz.

Die erste Fahrt führt zu Bürgermeister Michael Spence. «Als ich aufgewachsen bin, hatte Churchill mehr als 6'000 Menschen», erzählt er. Heute seien es weniger als 1'000. Dafür sei die Natur zurück – er meint die Belugawale. Tatsächlich kommen die meisten Leute für Outdoor- und Polar-Tourismus hierher. Ein Schild an der Stadteinfahrt rühmt Churchill als «Eisbären- und Beluga-Hauptstadt» der Welt.

Wer im Sommer mit dem Boot in die Mündung des Churchill River rausfährt, der braucht kein Glück, um die Belugawale mit ihren eleganten, pferdegleichen und schneeweissen Rücken zu sehen. Sie sind neugierig und kommen immer wieder in Schwärmen zu den Booten.

Wo alle Strassen enden

Das eigentlich Faszinierende an Churchill aber ist dieses Gefühl, das schon seit Beginn der Zugreise anwuchs und sich nun Bahn bricht: Die vernetzte Welt ist endgültig auf der Strecke geblieben. Die Strassen enden wenige Dutzend Kilometer vor den Toren der Stadt. Churchill ist eine Insel mitten auf dem Festland.



Die Strassen führen auch zu einer verlassenen Bucht, in der man ein Schiffswrack besichtigen kann, zur Radarstation eines früheren Raketenprogramms, einer polaren Wissenschaftsstation, schliesslich in die endlose Weite Hunderter Seen. Und irgendwann ist einfach Schluss.

Wenn es Abend wird in Churchill, füllen sich die Handvoll Restaurants und Bars im Ort. Sie heissen «Tundra Inn» oder «Lazy Bear» und man kann sicher sein, dort die neuen Freunde aus dem Zug wiederzutreffen.

Einige Tage später, kurz vorm Einsteigen ins Flugzeug: Es knackt am anderen Ende der Leitung. Man wolle nur sagen, dass man Churchill heil überstanden habe. Es sei sogar sehr schön gewesen! «Jeder sollte mindestens einmal dorthin gehen, um zu reflektieren», antwortet der Doktor aus Winnipeg. Und überhaupt, sagt er, angesichts des Hasses allerorten: Sollte man nicht ein Stück Churchill in die Welt tragen?

Auf Schienen durch Tansania

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