Von Darwin bis Humboldt – was wir von den grossen Reisenden lernen können

Andreas Drouve, dpa

31.5.2020 - 14:00

Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt und Bruce Chatwin gehören zu den berühmtesten Reisenden überhaupt. Viele ihrer Gedanken und Einsichten sind bis heute lehrreich, um die Welt zu entdecken.

Sie waren dann mal weg – oft über Jahre. Forscher und Entdecker trieb es quer über die Kontinente. Abenteuerlust und Wissensdurst stachelten sie an. Sie nahmen Gefahren auf sich, machten Grenzerfahrungen.

Indem diese Persönlichkeiten neue Wege und Erkenntnisse ebneten, richteten manche gleichwohl Schäden an.

Doch viele von ihnen sind dennoch oft Vorbilder, trotz einiger Misserfolge. Der Reisende von heute kann von ihnen etwas lernen.

Alexander von Humboldt: Mut zur Umkehr

«Jeder fühlte sich schlecht, hatte das Bedürfnis, sich zu erbrechen. (...) Ausserdem bluteten uns das Zahnfleisch und die Lippen. Das Weisse unserer Augen war blutunterlaufen. (...) Wir fühlten alle eine Schwäche im Kopf, einen ständigen Schwindel. (...) Wir konnten vor Kälte nicht weiter.»

Ungebrochen fesseln die Skizzen des vergeblichen Versuchs, den Chimborazo zu bezwingen. Im Juni 1802 wagte Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) mit einem Expeditionstrupp die Erstbesteigung von Ecuadors höchstem Berg.

Die Männer passierten die Grenze des ewigen Schnees, kämpften sich über tückische Felskämme, spürten kaum mehr die Füsse vor Frost. Letztlich waren die Strapazen zu gross, die Symptome der Höhenkrankheit zu bedrohlich. Deutlich unterhalb des knapp 6'300 Meter hohen Gipfels brachen sie ihr Unternehmen vor einer Gletscherspalte ab.

Meeresechse auf den Galapagos-Inseln: Mit den urzeitlichen Tieren beschäftige sich schon Charles Darwin.
Bild: Getty Images

Scheitern ist ein Wort, das negativ belegt ist. Sich unterwegs einzugestehen, dass es nicht mehr weitergeht, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Der Sieg der Vernunft über den Kraft- und Willensakt muss keine Niederlage bedeuten. Besser den Rückweg antreten, als sich in grosse Gefahr zu begeben.

Humboldt verdanken wir eine Vielzahl wertvoller Kenntnisse – und ebenso diese Reiselektion, eine der wichtigsten überhaupt.

Charles Darwin: Begeisterung für die Wunder der Natur

Es war Ende 1831, als das Vermessungsschiff «Beagle» in England auf eine Weltumseglung ging, die annähernd fünf Jahre lang dauern sollte. Mit an Bord: der junge Charles Darwin (1809 bis 1882). Er skizzierte Tiere und Landschaften mit wissenschaftlicher Schärfe, sammelte Pflanzen, Steine und jede Menge Erkenntnisse.

Keiner wird heute wie Darwin seinerzeit die Geschichte der Biologie neu schreiben. Und niemand wird – wie der Entdecker während des Aufenthalts im Archipel von Galapagos – zu Experimentalzwecken auf die Panzer von Riesenschildkröten steigen und eine Meerechse in hohem Bogen fortschleudern. Doch die Detailversessenheit und aufrichtige Bewunderung, mit der sich Darwin die Natur erschloss, macht ihn zum Paten für eigene Unternehmungen.

Auf San Cristóbal ging der Forscher das an, was wir nunmehr ein Mikro-Abenteuer nennen («Eine Nacht schlief ich am Ufer auf einem Teile der Insel») und sah alle Strapazen durch seine Eindrücke entschädigt: «Der Tag war glühend heiss und die Kriechen über die raue Fläche und die verwirrten Dickichte sehr ermüdend; ich wurde aber durch die fremdartige zyklopische Szenerie reichlich belohnt.»



Darwin berauschte sich an der «Grossartigkeit von Brasilien», der «vollkommensten Eleganz» von Mauritius, der Exotik Tahitis. Dabei war der begnadete Naturforscher ursprünglich studierter Theologe. Das zeigt, wie ein Aufbruch in die Ferne dazu beflügeln kann, sich zu wandeln, zu wachsen, seine innere Stimme zu ergründen – ja bei sich selber anzukommen. Und sei es über den Umweg Südamerika oder Südsee. Ein wichtiges Reisemotiv dieser Tage.

Bruce Chatwin: Ein Detail genügt, um Fernweh zu wecken

Es ist oft nur ein Detail, das genügt, um Fernweh zu wecken. «Im Wohnzimmer meiner Grossmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut.» So beginnt sein weltberühmtes Reisebuch «In Patagonien».

Das Bild jenes ledrigen, borstenhaarigen Hautfetzens, das mit einer Nadel an einer Postkarte befestigt war und von einem Riesenfaultier namens Mylodon stammte, liess den Briten Bruce Chatwin (1940 bis 1989) nicht mehr los. Es entfachte eine unbestimmte Sehnsucht, einen Traum, so wie man sich nun durch ein einzelnes Foto auf Instagram inspiriert fühlen mag.

Chatwin brach in die Heimat des ausgestorbenen Tieres auf: nach Patagonien, in jene entlegene Grossregion in Südamerika, in der die Weite alles aufzusaugen scheint, was sich in ihr bewegt.

Neugierig, aber voller Feingefühl begegnete Chatwin den Menschen, die Türen und Herzen öffneten. Er wanderte umher, schlief unter Tagelöhnern, mischte sich unter Gauchos und Einwanderer, schaffte es bis nach Feuerland. Er stellte keine Ansprüche, urteilte nicht über Richtig und Falsch, hörte unvoreingenommen zu und war sich bewusst, dass er der Fremde war, der Gast, der sich auf das Land und seine Bewohner einzustellen hatte – und nicht umgekehrt.

Das ist bis heute der entscheidende Schlüssel für wahres Reisen, möchte man meinen.

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