Wanderpapst Thomas Widmer: «Es war eine Rutschbahn in den Tod»

10.5.2018 - 07:12, Bruno Bötschi

Thomas Widmer: «Wandern macht leider auch süchtig. Kaum ist die eine Wanderung fertig, lechzt man nach der nächsten.»
zVg

Das deutsche Magazin «Der Spiegel» hat ihn vor Jahren zum «Schweizer Wanderpapst» ernannt: Journalist Thomas Widmer ist jede Woche irgendwo in unserem Land per pedes unterwegs und erlebt dabei auch hin und wieder gefährliche Situationen.

Bluewin: Herr Widmer, gehen Sie gerne weg?

Thomas Widmer: Ja, total gerne. Nur wer weggeht, kann zurückkehren – auch das ist eine Freude. Der Wechsel von beidem macht das Leben gut.

Wirklich wahr, dass Sie jeden Samstag, egal ob die Sonne scheint oder ob es hudelt und schneit, eine Wanderung mit Freunden unternehmen?

Ja. Manchmal auch am Mittwoch. Als im Januar Burglind übers Land fegte, fuhr ich nach Sirnach, ich fühlte mich als Stormchaser. Aber als ich aus dem Zug stieg, war der Sturm so heftig, dass ich nicht laufen konnte, es blies mich retour. Ich gab forfait und fuhr wieder heim. Das gibt es also auch. Und manchmal ist der Widmer krank, oder das Knochengestell tut weh; der Widmer ist ja doch fortgeschrittenen Alters.

Warum gehen Sie Wandern? Was treibt Sie hinaus?

Die nie endende Lust, Dinge zu erkunden. Das Erlebnis der Freundschaft, wenn man zusammengeht. Essen und trinken. Der Entdeckergroove. Indiana Jones spielen und oberhalb Bellinzona ein Dorf suchen, das es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt.

Wo waren Sie am vergangenen Wochenende unterwegs?

Im Neuenburger Jura. Der Pierrabot, ein 3000-Tonnen-Findling in Krötenform, war die Entdeckung des Tages.

Widmers Entdeckung am vergangenen Wochenende: der Pierrabot, ein 3000-Tonnen-Findling in Krötenform im Neuenburger Jura.
Thomas Widmer

Reden Sie gerne, wenn Sie zu Fuss unterwegs sind?

Wenn es etwas zu reden gibt, schon. Was ich nicht mag, ist Gequassel. Und Selbstgespräche führe ich nicht. Oder doch? Wenn ich allein bin, kalauere ich ab und zu. Im Anmarsch auf Moiry im Waadtland dichtete ich vor ein paar Wochen: Marie et son mari vont à la Mairie de Moiry.

Sie schreiben in der «Schweizer Familie» und im «Tages-Anzeiger» über Ihre Wanderungen. Gibt es Routen, über die Sie niemals schreiben würden, weil sie so wunderwunderschön sind?

Nein. Wenn etwas wirklich wunderwunderschön ist, würde ich platzen, wenn ich es für mich behielte. Seelisch implodieren. Journalisten sind keine Fürsichbehalter.

Zu einer Wanderung gehört immer auch das Einkehren, oder?

Nur schon, weil irgendwo draussen im Gelände jemand wirtet. Das muss man doch honorieren. Die Vorfreude auf den Zmittag ist meine persönliche Wanderbatterie. Sie treibt mich vorwärts. Vor allem, wenn es waagrecht regnet.

Ihr liebster Wander-Proviant?

Banale Ware. Snickers und Traubenzucker. Wer einkehrt, braucht sonst nicht viel.

Macht Wandern glücklich?

Unsäglich glücklich. Man seufzt streckenweise nur noch, weil man keine Worte findet. Es macht leider auch süchtig. Kaum ist die eine Wanderung fertig, lechzt man nach der nächsten. Hart, wenn man zuerst ein paar Tage ins Büro muss. Die Sehnsucht nach Landschaft kann eine Qual sein.

Aber Wanderer, die hüllenlos über Stock und Stein gehen, mögen Sie gar nicht …

Ich glaube, da sind schweizweit zirka zweieinhalb Personen unterwegs. Plus eine, die grad pausiert, weil sie die Brombeerdornen-Verletzungen auskurieren muss. Die Nacktwanderei ist ein reiner Medienhype.

Wie würden Sie das Wanderland Schweiz in ein paar wenigen Sätzen beschreiben?

Klein, vollgepackt, dicht, mit Möglichkeiten, die die Lebensspanne eines Menschen übersteigen.

In welchen Regionen wandern Sie besonders gerne?

Bei dubiosem Wetter im Appenzellerland, sonst hats mir da – es ist meine Heimat, die ich liebe – zuviele Touristen. Und bei jedem Wetter im Glarnerland. Der Kanton hat viel gesehen, eine brutale Industrialisierung, eine massive Auswanderung. Das prägt. Die Leute dort haben nicht diesen Hang zum Chaletkitsch. Sie sind total unchauvinistisch. Und wirklich nett. Das Glarnerland ist punkto Wandern der Geheimtipp, der immer ein Geheimtipp bleibt.

Und im Ausland, sind Sie dort auch hin und wieder zu Fuss unterwegs?

Also Schottland ist grossartig. Aber wirklich viel gewandert bin ich im Ausland nicht. Mein Wanderdrang ist jenseits der Grenze klein. Ich bin von meiner Psychologie her ein Sammler und sammle Route in der Schweiz. Das ist, wie wenn einer Briefmarken aus Neuseeland sammelt. Wenn er eine australische Marke sieht, interessiert ihn die nicht gross.

Wurde es unterwegs schon gefährlich?

Ja. So zirka einmal pro Jahr. Einmal kam ich im sehr steilen Aufstieg zum Mittaggüpfi, Kanton Luzern, im dichten Nebel vom Bergweg ab. Ich fand mich auf einer nassen Halde mit ganz kurzem Gras wieder, unter mir ein Abgrund – eine Rutschbahn in den Tod. Ich setzte mich, beruhigte mich, überlegte, verschob mich auf dem Hintern quer, bis ich wieder im Geröll war und den Pfad fand. Das Navi auf dem Handy half.

Was sind die drei wichtigsten Dinge, die Ihnen beim Wandern klar wurden?

Erstens: Wir Menschen sind ein Witz, verglichen mit der Dauerhaftigkeit eines Felsens. Zweitens: Es müssen nicht acht Stunden sein, in drei Stunden siehst du genauso viel oder mehr, weil du langsamer gehst und aufmerksamer schaust. Drittens: Ich werde wandern, bis ich nicht mehr wandern kann.

Wie erklären Sie jemandem die Schönheit des Wanderns?

Gar nicht. Oder bloss auf dringendes Bitten hin. Es gibt Leute, die lieben das Wandern. Andere nicht. Wanderfreundin Katharina sagte einmal vor den Megalithsteinen von Falera im Bündnerland: «Sie sprechen nicht zu mir.» So ist es auch mit dem Wandern. Zu den einen spricht es, zu den anderen nicht. Missionsdrang habe ich keinen.

In seinem Lied «Weni mol alt bi» singt Franz Hohler: «Vilicht han i Rheuma, bruuche ne Stock, füehrsch mi dänn am Arm.» Fürchten Sie sich davor, einmal nicht mehr wandern zu gehen?

Total. Seit einiger Zeit habe ich leichte Arthrose. Mit Krafttraining hält das Gestell einigermassen. Hoffentlich bleibt das so. Aber am Ende ist jeder tot. Das ist nur eine Frage der Zeit.

Zur Person: Thomas Widmer

Thomas Widmer, geboren 1962, ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Er schrieb im «Tages-Anzeiger» über Themen zwischen Kultur und Gesellschaft, Geschichte und Gastronomie, Schweizer Alltagswelt und Politik und hat mehrere Bücher im Echtzeit Verlag über das Wandern verfasst. Seit Herbst 2017 ist er bei der «Schweizer Familie» als Reporter tätig. Dank seiner beliebten Wanderkolumne «Zu Fuss» gilt Widmer als «Schweizer Wanderpapst» («Der Spiegel»). Auf Widmer wandert weiter bloggt er täglich übers Wandern.

Die Gesprächserie: «Wir sind die Schweiz»

Die Schweiz ist ein Land, in dem man gerne lebt, in dem fast alles funktioniert, manches sogar perfekt. In unserer Gesprächsserie «Wir sind die Schweiz» sprechen wir mit Menschen aus unserem Land über ihre Sicht auf die Heimat. Zuletzt sprachen wir mit Ex-Dompteuse Elvira WegmannGymi-Schüler Simon KloosAutorin Sybil Schreiber, Tänzerin Melanie Alexander, Comic-Zeichner Sven Hartmann und Jodlerin Nadia Räss.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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