Lasst ihn schreien!

Philipp Dahm

6.11.2020

Die Wahl – und der Umgang mit ihr – nimmt Stephen Colbert sichtlich mit.
Screenshot: YouTube

Donald Trumps Angriffe auf die Präsidentschaftswahl nehmen Stephen Colbert sichtlich mit: Die «Late Show» zeigt «nicht eine Sekunde von dem, was dieser traurige, verängstigte Betrüger gesagt hat. Weil es Gift ist.»

Stephen Colbert beginnt stehend. «Wir nehmen das auf, kurz nachdem Donald Trump in den Briefing Room des Weissen Hauses gelaufen ist und die amerikanische Demokratie vergiftet hat. Ich fühle mich noch nicht danach, mich hinzusetzen», erklärt der sichtlich aufgewühlte Gastgeber der «Late Show», der ganz in Schwarz gekleidet ist.

Was ist passiert? «Gegen [ein Uhr MEZ] kam der Präsident in den Briefing Room und hat 15 Minuten lang gelogen», berichtet Colbert, «zusammenhangloser Kram von der Abgabe illegaler Stimmen, korrupten Wahlleitern und geheimen Auszähl-Cliquen der Demokraten und Geburtsurkunden.»

Colbert winkt ab: Das alles sei bloss ein Indiz dafür, dass sich Joe Biden der magischen Marke von 270 Wahlleuten nähert, mit denen er Präsident werden würde. Dabei habe der 56-Jährige schon damit gerechnet, dass Trump «vielleicht ein paar Betrügereien» im Sinn haben würde und der Moderator «etwas Düsteres» tragen sollte, wenn der Präsident «diesen dunklen Pfad» beschreitet.

Colbert beginnt für einmal nicht sitzend – und fordert Republikaner auf, sich gegen Trumps Gebaren zu erheben.
Screenshot: YouTube

Er sei jedoch kein Prophet, wehrt Colbert ab. «Es liegt bloss daran, dass [Trump] so vorhersehbar ist.» So wie das derzeitige Szenario: Erst eine «rote Fata Morgana», bei der der Amtsinhaber klar in Führung zu liegen scheint  –und dann das Eintreffen der Briefwahlzettel, die alles in Richtung Blau verschieben, was die Farbe der Demokraten ist – gefolgt von Betrugsvorwürfen. «Denk dir mal was Neues aus», ätzt Colbert.

Colbert für einmal wirklich komplett fassungslos

Ein Einspieler bei Minute 1:50 zeigt Trump am 20. Oktober 2016, der sagt: «Ich werde das Resultat dieser grossartigen und historischen Wahl total akzeptieren – wenn ich gewinne!» Colbert anschliessend: «Wir wussten also alle, dass er das tun wird.» Er ringt um Fassung.

«Was ich nicht wusste: Dass es so wehtun wird. Ich habe nicht erwartet, dass es mein Herz bricht. Dass er einen dunklen Schatten auf unser heiligstes Recht wirft. Aus dem Briefing Room des Weissen Hauses heraus, das unser Haus ist und nicht seines, das ist niederschmetternd.» Weil das Amt des Präsidenten etwas bedeute und etwas mit Anstand zu tun haben sollte.

Ich akzeptiere die Wahl nur, wenn ich gewinne – Donald Trump im Oktober 2016.
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Weil alles so vorhersehbar sei, müsse nun etwas Unvorhersehbares geschehen: «Republikaner müssen sich zu Wort melden. Alle von ihnen. Denn das Böse muss nur erreichen, dass die Guten nichts tun, um zu obsiegen.» Es sei offensichtlich, dass Trump ein Faschist sei. Die Republikaner hätten nun die Wahl zwischen Trump – und dem amerikanischen Volk. Wer schweige, stimme zu, mahnt Colbert.

So einen Betrug muss man erstmal schaffen

Wie will ein Mitch McConnell die Wahl, die ihn als Senator bestätigt und den Republikanern neue Sitze im Kongress beschert hat, als Betrug darstellen, wenn es um die Präsidentschaftswahl geht, fragt der Moderator. «Auch die Amerikaner werden nachzählen, und zwar, wer sich gegen Donald Trump gestellt hat, als der versucht hat, die Demokratie zu töten.»

Late Night USA – Amerika verstehen

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Es gehe um das, was Amerika grossartig mache «und es ist an der Zeit, das auch zu vertreten, was von euren Hüten schreit», sagt Colbert mit Blick auf die «Make America Great Again»-Caps. Dann fasst der Gastgeber die Vorwürfe nochmals zusammen:

«Joe Biden zieht in republikanischen Staaten wie Arizona und Georgia die Strippen, während er gleichzeitig Pennsylvania und Nevada, Wisconsin und Michigan koordiniert. Und während er das Ablenkungsmanöver durchzieht, bei dem die Republikaner den Senat halten und einige Sitze im Kongress gewinnen, löst er Donald Trump nur haarscharf ab? Das wäre der Präsident, den man bei einer globalen Epidemie braucht!»

BBQ – Beer – Freedom

Colbert ist emotional: «Wir werden Ihnen nicht eine Sekunde von dem zeigen, was dieser traurige, verängstigte Betrüger gesagt hat. Weil es Gift ist, und weil ich Sie mag.» Wie man mit jener Mischpoke am besten umgehe, zeige ein Beispiel aus Nevada, zu sehen ab Minute 7:04 – da unterbricht ein Herr im «BBQ, Beer, Freedom»-Shirt die Pressekonferenz des Wahlleiters.

Der Mann brüllt mehrmals: «Die kriminelle Biden-Familie stiehlt diese Wahl, die Medien vertuschen es.» Und: «Wir wollen Freiheit für die Welt, gib uns unsere Freiheit, Joe Biden!» Dann rauscht er ab. Der Wahlleiter Joe Gloria fährt unbeeindruckt fort: «Wo waren wir? Was war die letzte Frage?» «Das sollten wir alle tun», findet Colbert. «Einfach cool bleiben.»

Der Schreihals, der Freiheit fordert – Nevadas Wahlleiter Joe Gloria (links) erträgt es.
Screenshot: YouTube

Das Rennen stehe auf Messers Schneide, doch Amerika sollte sich derzeit lieber von scharfen oder spitzen Objekten fernhalten, unkt Colbert – «und sie sollten uns die Schuhbändel und Gürtel wegnehmen». 

Das Letzte

Schliesslich geht Colbert noch auf Tweets des Präsidenten ein, in denen Trump seinen Sieg in mehreren Bundesstaaten einfordert: «Hiermit beanspruchen wir den Staat Michigan, wenn es tatsächlich wie weithin berichtet eine grosse Zahl heimlich deponierter Stimmzettel gab.» Colbert genervt: «Du kannst nicht etwas offiziell machen, bloss weil du toll tönende Worte wie ‹hiermit› benutzt.» Doch was Trump kann, ist klagen.

Im Bild zu sehen ist das ab Minute 11:38, wenn Eric Trump verkündet, in Pennsylvania vor Gericht zu gehen. «Es ist das Letzte, was wir tun wollten», so der Präsidentensohn. Colbert kontert: «Wenn es das Letzte war, was er tun wollte, wieso ist es dann das Erste, das er gesagt hat?» Als Beweis folgen entsprechende Aussagen des 74-Jährigen Präsidentren vom Sonntag – also noch vor der Wahl.

Trump brauche nicht bloss juristische Schützenhilfe, sondern auch jene von ganz oben, glaubt Colbert – und zeigt Bilder der TV-Priesterin Paula White, die in anderen Sphären zu sein scheint, die auch bei «blue News» schon Thema war. «Was ist mit dem Typen, der immer hinter ihr vorbeigeht?», amüsiert sich Colbert. «Ist das ihr WG-Kollege mit einem eingerollten ‹New Yorker›-Magazin?»

Paula White vordergründig in Ekstase, Mann im Hintergrund unbeeindruckt.
Screenshot: YouTube

Last but not least: Ab Minute 15:13 gibts diesen Wahl-Wahnsinn noch als gekonnten Rave-Remix.

Der Vollständigkeit halber hier noch Trumps nächtliche Pressekonferenz:

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