Zeit für den Kaderschnitt – Teil 7:
Wer macht vorne die Tore?

11.7.2018 - 17:31, Syl Battistuzzi

Breel Embolo kann der Schweizer Fixstarter werden.
Bild: Keystone

Das Kapitel «WM 2018» ist für die Schweiz abgeschlossen, das Resultat bekanntermassen ernüchternd. Nun wird es Zeit für einen sanften Umbruch. Einige ältere Spieler müssen sich zurückziehen, um Platz für talentierte Junge zu schaffen. Denn was bei einem verpassten Kaderschnitt passiert, ist bei Titelverteidiger Deutschland zu sehen. Deshalb hier eine Vision für die nächste Mission. Heute nehmen wir die Stürmer unter die Lupe.

Stürmer

Aktuell im WM-Kader:

Breel Embolo (21)

An der WM kam der gebürtige Kameruner nur gegen Costa Rica über die volle Distanz zum Einsatz. Ansonsten bevorzugte Petkovic lieber Steven Zuber für die Linksaussen-Position. Embolo ist zwar ein polyvalenter Spieler, seine Qualitäten kommen aber gleichwohl als Mittelstürmer am besten zur Geltung. Mit seiner starken Physis und seinem Antritt macht er jedem Verteidiger das Leben schwer, auch wenn seine Torgefährlichkeit in letzter Zeit etwas auf der Strecke blieb. Embolo hat alle Anlagen, um ein grosse Karriere hinzulegen. Auch wenn er noch ab und zu technische Mängel bei der Ballannahme zeigt, birgt sein Spielstil immer etwas Überraschendes in sich. Richtig eingesetzt ein Glücksfall für die Nati.

Jospi Drmic (25)

Das Stehaufmännchen hat sich eindrücklich ins Team zurückgekämpft. Noch vor einem Jahr lief Drmic an Krücken rum, nach zwei Knorpelschäden im selben Knie war sogar seine Karriere in Gefahr. Doch der bei Gladbach engagierte Angreifer mit dem Torriecher bewies Ehrgeiz und durfte im Achtelfinal sogar in der Startelf auflaufen. Trotzdem überlegt sich sein Verein Drmic abzugeben. Mit seiner mentalen Stärke wird er sich auch an einem neuen Ort zu behaupten wissen, denn Drmic ist ein kompletter Stürmer. Bei ausbleibendem Verletzungspech darf der SFV weiterhin auf ihn zählen. Auch als Joker kann Drmic sehr wertvoll sein.

Haris Seferovic (26)

Der Mann aus Sursee ist wahrlich nicht zu beneiden. Bei der WM-Quali mit vier Treffern noch der Topskorer. Danach die unsäglichen Pfiffe gegen ihn beim Playoff-Spiel gegen Nordirland. So war Seferovic an der WM nur noch ein Schatten seiner selbst. Er verlor im Verlauf des Turniers gar seinen Stammplatz und musste seinen Konkurrenten den Vortritt lassen. Auch bei Benfica nahm der kämpferische Stossstürmer nach gutem Beginn nur noch auf der Ersatzbank Platz. Für ihn wird es also in naher Zukunft ganz wichtig, wieder Selbstvertrauen zu tanken. Am besten natürlich mit Toren. Mit Petkovic, der seine Defensivarbeit schätzt, hat er immerhin einen wichtigten Fürsprecher auf seiner Seite.

Mario Gavranovic (28)

Der Tessiner hat in Kroatien, dem Heimatland seiner Eltern, sein sportliches Glück gefunden. Bei Rijeka skorte Gavranovic regelmässig, so dass in der Winterpause Rivale Dinamo Zagreb anklopfte und seine Dienste sicherte. Mit dem neuen Team holte er dann gleich das Double, wobei der trickreiche Angreifer viele Tore und Assists dazu beisteuerte. Dass der feine Techniker überhaupt in Russland mit dabei war, war schon fast Schicksal. An der letzten WM 2014 riss er sich im Training das Kreuzband, jetzt sprang er mit guten Leistungen im letzten Moment auf den WM-Zug auf. Dort machte er vor allem im Serbien-Spiel mit seiner Torvorlage für Shaqiri Werbung in eigener Sache und durfte dann gegen Costa Rica sogar beginnen. Das temparamentvolle «Schlitzohr» ist mit dem Alter reifer und ruhiger geworden. Gavranovic kann mit seinem trickreichen Spiel eine gute Option für die SFV-Auswahl bleiben.

Gavranovic hat viel Gefühl im Fuss.
Bild: Keystone

Mögliche Alternativkandidaten:

Dimitri Oberlin (20)

Der pfeilschnelle Flitzer mit kamerunischen Wurzeln hat im März dieses Jahres im Freundschaftsspiel gegen Griechenland debütiert. Nachdem der FC Basel ihn zunächst von Red Bull nur auslieh, verpflichteten sie ihn Ende Mai definitiv. Dies verdankt er wohl vor allem seinen Auftritten (sprich seinem Kontertor gegen Benfica) in der Königsklasse. In der Super League zeigte er sich nämlich nicht wirklich treffsicher. Nur fünf Tore und eine Vorlage in 26 Spielen sind doch eher Magerkost. Auch wirkt Oberlin in seinen Aktionen manchmal noch sehr konfus. Nichtsdestotrotz glauben die Verantwortlichen beim FCB an ihn und hoffen, den Rohdiamanten schleifen zu können. Dann kriegt Oberlin mit seinen schnellen Beinen sicher weiterhin Aufgebote. 

Albian Ajeti (21)

Der Torschützenkönig der Super League (17 Tore) hat einen steilen Aufstieg hinter sich. Beim FCB durchlief er alle Jugendstationen, danach versuchte Ajeti sein Glück bei Augsburg. Bei den Fuggerstädtern schnupperte er aber nur wenige Minuten Bundesliga-Luft, so dass er sich dem FC St.Gallen anschloss. Nachdem Ajeti dort seinen Torriecher unter Beweis stellte, holte ihn Basel zurück. Am Rheinknie setzte er sich gegen die Konkurrenz durch und liess etwa Königstransfer Ricky van Wolfswinkel hinter sich. Für sein Alter ist Ajeti erstaunlich abgebrüht vor dem Tor. Leider fehlt ihm ein wenig Geschwindigkeit, dafür schirmt er mit seinem robusten Körper den Ball gut ab. Vor der WM war er bereits im provisorischen 35-Mann-Kader vom SFV. Er sollte so bald wie möglich für die Schweiz in einem Ernstkampf zum Einsatz kommen, denn Ajeti könnte auch für Albanien spielen, die schon ihre Fühler nach ihm ausgestreckt haben.

Im Blickfeld:

Jérémy Guillemenot (20)

Der Genfer macht in Spanien schwere Zeiten durch. Vor knapp zwei Jahren überzeugte er die Scouts von Barcelona beim Probetraining von seinem Talent und wechselte daraufhin zu den Katalanen. Dies obwohl Guillemenot zuvor für Servette nur drei Challenge-League-Einsätze und 22 Partien in der Promotion League absolvierte. Bei den Barça-Junioren waren seine Zahlen noch gut, danach wurde er an CE Sabadell in die dritte spanische Liga ausgeliehen. Dort ist der Fussball kampfbetonter und weniger spielerisch. Und Guillemenot hat offenbar Mühe, sich an den neuen Stil anzupassen und kam nicht über die Rolle des Kurzarbeiters hinaus. Jetzt kehrt der schnelle Mittelstürmer, der noch an seiner Technik feilen muss, zu Barcelona zurück. Wahrscheinlich wird sich Guillemenot bald einen neuen Klub suchen müssen. Vielleicht tut eine Luftveränderung ihm auch ganz gut. Die Nati scheint für ihn leider ganz weit weg.

Guillemenot wird wahrscheinlcih nicht mehr lange für Barça auflaufen.
Bild: Keystone

Lorenzo Gonzalez (18)

Ebenfalls bei Servette absolvierte Lorenzo Gonzalez seine Ausbildung. In Genf war er immer bester Torschütze und Vorbereiter gewesen. Im Sommer 2016 lockte ihn Manchester City zu sich. Bis zu seinem Wechsel durfte der Supersprinter monatelang nicht mehr am Training der Genfer U18-Auswahl teilnehmen. Doch Gonzalez liess sich nicht entmutigen und skorte bei der U18 von City gleich munter weiter. Inzwischen spielt der physisch starke Sohn mit spanischen Wurzeln bei der U23 und trainierte auch schon ab und zu mit den Profis. Wie sein Vorbild Sergio Aguero ist er kleingewachsen, aber trotzdem stark. Seine Technik ist dafür noch ausbaufähig. Gonzalez hat bereits einen Profi-Vertrag in der Tasche. Der ehrgeizige Gonzalez wäre bereit. Für die Landesauswahl dann sowieso.

Nishan Burkart (18)

Vor zwei Jahren wetteiferten Grossklubs wie Arsenal, Chelsea und Manchester United um den damaligen FCZ-Junior. Burkart entschied sich schliesslich für die Red Devils. Bei den U18-Junioren markierte er in 17 Spielen gleich 11 Treffer. Aktuell ist er nun in der U23 und kann nun vielleicht sogar mit der ersten Mannschaft zur Vorbereitungstour in die USA mitgehen. Von den Anlagen her ist Burkart bereits komplett. Hoffen wir, dass José Mourinho ihn bald mal ausprobieren wird. Dann könnte Burkart auch ein neuer Hoffnungsträger für die Schweiz werden.

Fazit:

Die aktuellen Kaderleute weisen alle unterschiedliche Stärken und Schwächen auf. Alle haben noch ein paar gute Jahre vor sich, über einen international überdurchschnittlichen Skorer verfügt die Schweiz aber nicht. Mit Embolo hat der SFV dafür ein grosses Sturmtalent in seinen Reihen, der noch viel Entwicklungspotential mitbringt. Dahinter lauern mit Ajeti und Oberlin ganz unterschiedliche Sturmtypen. Mit Guillemenot und vor allem Burkart und Gonzalez hat die Schweiz grosse Talente, die vielleicht das grosse Sturmproblem endlich lösen können.

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