Keine EURO 2020: Welche Schweizer Erfolge wir nun alle verpassen

Tobias Benz

12.6.2020 - 12:24

Vladimir Petkovic hätte die Schweiz dreimal nach Baku geführt. Und einmal nach London.
Bild: Keystone

12. Juni. Heute fände im Olympiastadion in Rom eigentlich der Startschuss zur Europameisterschaft 2020 statt. Eine EM, bei der die Schweiz mit Garantie begeistert hätte. Wir wissen das.

Zum Auftakt des Fussball-Sommers wäre es heute um 21.00 Uhr zum Duell zwischen der Türkei und Italien gekommen. Hätte, wäre, wenn. Bekanntlich wurde das Turnier aufgrund des Coronavirus auf 2021 verschoben. Wer nun keine Lust hat, ein ganzes Jahr zu warten, dem gewähren wir einen Blick in die Kristallkugel. Denn wir wissen haargenau, wie sich das Turnier für die Schweizer Nationalmannschaft abgespielt hätte.

13. Juni, Olympiastadion Baku, Schweiz – Wales

Nach wochenlanger Vorbereitung ist es endlich so weit. Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Co. steigen gegen Wales in die EM-Endrunde. Die Waliser sind kein einfacher Gegner, immerhin erreichten sie an demselben Turnier vor vier Jahren in Frankreich das Halbfinale. Zum Glück für die Schweiz konzentrierten sich aber gewisse Akteure des Gegners zuletzt stärker auf ihr Golf-Handicap als auf ihre fussballerischen Fähigkeiten. Weil jedoch auch die Schweizer offensiv kein Feuerwerk zünden, und Haris Seferovic kurz vor Schluss eine Grosschance liegen lässt, muss sich die Nati schlussendlich mit einem 0:0 zufrieden geben.

Der Stürmer von Benfica Lissabon wirkt daraufhin etwas verunsichert, als er in den Teambus einsteigt. Steine fliegen aber nur in den Medien. «Petkovic raus», titelt eine gewisse Schweizer Boulevardzeitung am nächsten Morgen und verlangt, dass der Nati-Coach noch vor dem Italien-Spiel das Handtuch schmeisst.

17. Juni, Olympiastadion Rom, Schweiz – Italien

Vier Tage und 3’000 Kilometer später trifft die Schweiz in der Hauptstadt Italiens auf den Leader der Gruppe F. Die «Squadra Azzurra» bestätigte gegen die Türkei die Form aus der EM-Quali und will gegen den kleinen Nachbarn aus dem Norden den nächsten Dreier. Dazu wird es aber nicht kommen. Einmal mehr zeigt die Mannschaft von Vladimir Petkovic, dass sie gegen jeden Gegner bestehen kann. Mann des Spiels ist mit zwei Toren der frisch gebackene Schweizer Meister aus St. Gallen, Cedric Itten.

Auf die Frage, wie er sein Team trotz Reisestrapazen in solch kurzer Zeit wieder in Form gebracht hat, gesteht Petkovic: «Ich habe den Jungs als Zückerli am Flughafen ein paar Schachteln Schokoküsse gekauft. Die waren gerade Aktion.»

21. Juni, Olympiastadion Baku, Schweiz – Türkei

Weil Reisen so schön ist, und man sich seit dem SARS-Ausbruch von 2002 keine Gedanken machen muss, irgendwelche Viren in fremde Länder zu schleppen, spielt die Schweiz am 21. Juni erneut in Aserbaidschan. Im Entscheidungsspiel gegen die Türkei reicht der Schweiz ein Unentschieden. Allerdings gehen die Türken bereits früh mit 1:0 in Führung und der Schweiz will der Ausgleich einfach nicht gelingen. Nach etlichen ungenutzten Chancen ist es schlussendlich Eray Cömert, der in der 93. Minute aus 35 Metern einfach mal draufhält und das Leder sehenswert in die hohe Ecke zirkelt.

Nach dem Schlusspfiff rastet die türkische Delegation komplett aus und jagt den Basel-Verteidiger über den ganzen Platz bis in die Katakomben. Beim vor Ort anwesenden Teleclub-Experten Marco Streller werden Erinnerungen wach und der Ex-Basler stürmt wutentbrannt von der Tribüne auf den Platz, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Er verteidigt seine Landsleute, wofür er in den türkischen Medien noch mehrere Tage an den Pranger gestellt wird. «Die Schande von Baku» nennen sie es. 

27. Juni, Amsterdam, Schweiz – Belgien

In der Schweiz herrscht totale Fussball-Euphorie. Tausende Fans sind für das Achtelfinale in die holländische Hauptstadt gereist und während sich die belgischen Fans auf der Tribüne in einen flämischen und einen wallonischen Sektor aufteilen, stehen auf Schweizer Seite Welsche, Deutschschweizer und Tessiner Schulter an Schulter. Ohne Mindestabstand.

Das Spiel selbst ist dann nicht ganz so kollegial. In einer hitzigen Partie sieht es lange nach einer Verlängerung aus, bis Petkovic in der 80. Minute Belgien-Schreck Seferovic einwechselt. Als «der Mann aus Sursee» nach einem kurzen Abschlag sogleich zum Pressing ansetzt, wird Toby Alderweireld derart nervös, dass sein Rückpass deutlich zu hoch gerät und schräg über Thibaut Courtois im Netz einschlägt. Die Schweiz steht im Viertelfinale.

4. Juli, Baku, Schweiz – Niederlande

Als Belohnung für den Sieg in Amsterdam trifft die Schweiz im Viertelfinale auf die Niederlande. Um dem ganzen reisetechnisch etwas mehr Schwung zu verleihen, findet aber auch dieses Spiel in Baku statt. Freude herrscht.

Dieses Mal beträgt die Reise sogar über 4’000 Kilometer und auch dieses Mal kommt die Schweiz am Kaspischen Meer nicht über ein Unentschieden hinaus. Dank der Geschicklichkeit Yann Sommers auf der einen Seite und der schieren Wucht Virgil van Dijks auf der anderen steht es nach 120 Minuten immer noch 0:0.

Als Marco Streller für das Elfmeterschiessen erneut den Gang von der Tribüne auf den Platz antreten will, um der Mannschaft seine Erfahrung weiterzugeben, wird er von seinen Teleclub-Mitarbeitern an seinen Stuhl gefesselt. Ricardo Rodriguez verwandelt den entscheidenden Elfmeter souverän und plötzlich steht die Schweiz im Halbfinale der EM-Endrunde.

8. Juli, London, Schweiz – England

In Heerscharen fluten Schweizer Fussballfans bereits Tage vor dem Halbfinale die englische Haupstadt. Zu Komplikationen zwischen den Fans kommt es allerdings nicht – zu ähnlich sind sich Logos und Farben der Nationalmannschaften, als dass den feuchtfröhlichen englischen Fussballfans ein Unterschied aufgefallen wäre.

Auf dem Platz ist der Kontrast dann aber deutlich zu erkennen. Die vom vielen Fliegen ausgelaugten Schweizer wehren sich nach Kräften, müssen aber in der zweiten Halbzeit einen Gegentreffer durch Harry Kane einstecken. Alles scheint verloren, bis die Schweizer kurz vor Schluss doch noch die Möglichkeit zum Ausgleich erhalten.

Xherdan Shaqiri steht vor einem Freistoss aus spitzem Winkel. Im Wembley wird es mucksmäuschenstill. Auf der Tribüne verfolgt Ex-Nati-Spieler Tranquillo Barnetta angespannt die Flugbahn des Balles. Er lächelt. Das Netz zappelt, die Schweiz jubelt. Aber dann die grosse Ernüchterung: Nur Aussennetz. Jordan Pickford reckt die Faust, England steht im Finale.

Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «Bluewin» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

Zurück zur StartseiteZurück zum Sport