Warum Sexarbeiterinnen streiken

14.6.2019 - 00:00, Nina Lanzi, FIZ

Sexarbeiterinnen fordern im Herbst 2018 in Basel transparente gesetzliche Grundlagen fuer Erotikdienstleisterinnen.
Bild: Keystone

Sexarbeit ist Arbeit unter erschwerten Bedingungen – und ein Grund, am heutigen Frauenstreiktag auf die Strasse zu gehen, findet Nina Lanzi von der Fachstelle für Frauenhandel.

«Ich bezahle Steuern, wie alle anderen. Ich bezahle für meine Versicherungen, wie alle anderen. Aber beim Abendessen mit Freunden kann ich nicht über meine Arbeit sprechen, weil ich wegen meinem Beruf stigmatisiert werde», erzählt Vanessa im Beratungsgespräch in der FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration: Vanessa ist Sexarbeiterin.

Sie ist eine von vielen Migrantinnen, die im Sexgewerbe tätig sind – selbstbestimmt, aber unter schwierigen Bedingungen. Am heutigen 14. Juni 2019, dem nationalen Frauenstreiktag, hat sie viele Gründe, um auf die Strasse zu gehen, für ihre Rechte einzustehen, sich Gehör zu verschaffen. Sexarbeitende werden oft diskriminiert, belächelt und wie Objekte behandelt. Doch sie fordern Respekt und Wertschätzung.

Viele Männer und Frauen behaupten, dass alle Sexarbeiterinnen Opfer seien. Dadurch bestimmen sie, welche Arbeit zumutbar ist und welche nicht. Und sie entscheiden, was gut ist für Sexarbeitende und was nicht. Sexarbeiterinnen sind keine Opfer. Es gibt Menschen, die selbstbestimmt der Sexarbeit nachgehen: Sie entscheiden, wann und wo sie arbeiten und welche Dienstleistungen sie wem anbieten. Sie verfügen selbst und frei über ihren Verdienst. Es sind vielmehr migrations- und arbeitsrechtliche Bedingungen, die sie verletzlich und ausbeutbar machen und Sexarbeitenden schaden. Sie fordern: Fragt uns selbst, was wir wollen, anstatt über uns zu entscheiden.

Kein anderes Gewerbe ist so rigide reglementiert

Mehr als 80 Prozent der Sexarbeitenden in der Schweiz sind Migrantinnen. Viele sehen darin eine Möglichkeit, die eigene Existenz und jene der Familie zu sichern. Doch die schweizerischen Migrationsgesetze erschweren es ihnen, unter sicheren und guten Umständen zu arbeiten –  vielmehr werden sie kontrolliert, teils kriminalisiert, und leben und arbeiten unter prekären Bedingungen. Sexarbeiterinnen fordern ein Recht auf sichere und legale Migrationsmöglichkeiten.

Kein anderes Gewerbe ist dermassen rigide reglementiert wie das Sexgewerbe: Gezeichnet von hohen bürokratischen Hürden, überdurchschnittlich vielen staatlichen Sanktions- und Kontrollmechanismen. Aber: Sexarbeit ist Arbeit. Wie in allen anderen Gewerben haben auch Arbeitende im Sexgewerbe ein Recht auf eine würdevolle Arbeit.

Ein Beruf, keine Identität

Sexarbeit ist ein Beruf und keine Identität. Eine Sexarbeiterin ist so wenig Sexarbeiterin, wenn sie eine Freundin zum Kaffee trifft, wie ein Automatiker Automatiker ist, wenn er seinen Kindern Mittagessen kocht.

Viele Sexarbeitende wie Vanessa führen aufgrund des hohen gesellschaftlichen Drucks ein Doppelleben. Sie sind unsichtbar. Eins ist klar: Vanessa und ihre Arbeitskolleginnen haben dieses Leben satt. Deshalb sind sie am Frauenstreik mit dabei, um einer gleichberechtigten Gesellschaft näherzukommen – frei von Stigma, Repression und Fremdbestimmung.

Frauenhandel ist nicht gleich Sexarbeit

Frauenhandel ist ein Verbrechen: Wenn sich eine Frau aufgrund falscher Versprechungen auf die Migration oder eine Arbeitsstelle ein­ge­lassen hat, wenn sie Schulden oder überhöhte Vermittlungssummen ab­zah­len muss und durch Drohungen und Gewalt in einer Zwangslage gehalten wird, wenn ihre Ar­beitskraft etwa in einem Privathaushalt oder in der Sexindustrie ausgebeutet wird, dann liegt Frauenhandel vor.

Selbstbestimmte Sexarbeit heisst, dass Sexarbeiterinnen selbst entscheiden, welche Dienst­leistung sie anbieten, welche Freier sie bedienen und wieviel ihre Dienstleistung kostet. Sie verfügen selbst frei über ihren Verdienst. Auch in den Fällen, in denen Sexarbeit aufgrund mangelnder Alterna­tiven als Überlebensstrategie ausgeübt wird, kann sie selbstbestimmt ausgeübt werden.

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