Nachaltigkeitslabel-Dschungel: Zu viel versprochen?

10.12.2018 - 17:00, Meret Meier, Nachhaltigkeitsblog

MSC-zertifizierter Fisch in einer Basler Coop-Filiale
Bild: Keystone/Christian Beutler

Nicht alle Produkte, die auf der Verpackung ein nachhaltiges Produkt versprechen, halten dies auch ein. Es fehlt oft eine unabhängige Kontrollstelle für solche Zertifikate. Und eine Studie sagt, der Nutzen vieler solcher Labels sei minimal.

Labels und Zertifizierungen sind sinnvoll, geben Sie uns doch eine Orientierung beim Einkaufen – FSC beim Holz, Bio bei Lebensmitteln, Fairtrade bei Kleidungsstücken. So glauben wir zu wissen, dass alles seine Richtigkeit hat. Doch nicht jedes Label, das viel verheisst, hält sein Versprechen. Eine Studie der Stiftung Changing Markets kommt zum Schluss, dass der Nutzen vieler Nachhaltigkeitszertifikate minimal ist. Für die Untersuchung wurden freiwillige Initiativen dreier Branchen unter die Lupe genommen: Fischerei, Textilien und Palmöl.

Das Grundproblem

Die Industriefischerei fischt fast 90 Prozent der weltweiten Fischbestände ab. Jährlich werden zehn Millionen Tonnen Fische zurück ins Meer geworfen, weil sie nur Beifang sind. Die Textilindustrie wiederum verwendet ein Viertel der weltweit produzierten Chemikalien und ist verantwortlich für ein Fünftel der weltweiten Wasserverschmutzung. Palmöl ist einer der Hauptfaktoren für Waldrodungen, Treibhausgasemissionen und Lebensraumverlust für Tierarten wie Orang-Utans, Elefanten und Nashörner.

Irreführende Labels

Wer nun beim Kauf auf eine Nachhaltigkeitszertifizierung schaut, wird nicht immer belohnt. Manche Labels versprechen beispielsweise ein umweltschonendes Produktionsverfahren, vernachlässigen aber den sozialen Aspekt. So werden Familien für den Anbau von grünen Produkten aus ihren Wohngebieten vertrieben oder Arbeiter ausgebeutet. Das umweltschonende Vorgehen in der Produktion ist zwar real, aber eben nicht die ganze Wahrheit.

Fischerei

Zertifizierter nachhaltiger Wildfang mache etwa 20 Prozent des weltweiten Wildfangvorrats aus und sei zehnmal so schnell gewachsen wie die herkömmliche Produktion von Fisch und Meeresfrüchten, zitiert die Studie. Der Bericht konzentriert sich auf die beiden grössten Zertifizierungsprogramme Friends of the Sea (FOS) und MSC, die 2015 beide mehr als neun Millionen Tonnen Fisch zertifizierten. Sowohl MSC als auch FOS hätten mehrere Fischereien als nachhaltig zertifiziert, obwohl diese in überfischten Gebieten tätig waren, sehr hohe Beifangraten hatten und teilweise sogar gegen gesetzliche Regelungen verstiessen. Trotzdem sei es besser, zertifizierte Ware zu kaufen, weil die Zertifikate immerhin sicherstellen würden, dass eher gesunde Bestände befischt werden und die Ware nicht komplett illegal gefischt wurde.

Textilindustrie

Das grösste Problem der Textilindustrie sind giftige Chemikalien, die in der Produktion eingesetzt werden. In dieser Branche gibt es die meisten Nachhaltigkeitslabels. Changing Markets hat rund 100 davon gefunden. Erfolgreiche Programme wie die CanopyStyle Initiative können Konsumenten in die Irre führen. Die Initiative bezieht sich nämlich nur auf die Beschaffung der Stoffe, nicht jedoch auf die Produktion, bei der die besagten umweltschädigenden Chemikalien verwendet werden. Das weiss aber längst nicht jede Kundin und jeder Kunde. So geben Unternehmen, die zur Initiative gehören, ein grünes Bild ab, obwohl sie weiterhin die Umwelt verschmutzen.

Palmöl

Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) ist weltweit das grösste freiwillige Zertifizierungsprogramm für Palmöl und zertifiziert rund 19 Prozent der globalen Palmölproduktion. Daneben gibt es weitere kleinere Zertifizierungsprogramme. Der Bericht von Changing Markets besagt, dass keines der Programme dazu beigetragen hat, Waldrodung und den Verlust der Artenvielfalt zu verlangsamen. Ausserdem hat es keine Menschenrechtsverletzungen verhindert und verlangt auch keine Reduzierung von Treibhausgasemissionen.

Viel zu viele Labels

Der Ecolabel-Index ist das unabhängige weltweite Verzeichnis von Nachhaltigkeitslabels und Umweltzertifikaten. Der Index listet ganze 463 Zertifikate aus 199 Ländern in 25 Industriesektoren auf. Wie sollen wir als Konsumenten bei dieser Anzahl an Labels weltweit den Überblick behalten und wissen, was die Siegel einerseits enthalten und andererseits einhalten? Und das ist auch das Hauptproblem mit den Gütesiegeln: Es sind zu viele, und längst nicht alle sind so grün, wie sie den Anschein machen. Oft fehlen den Siegeln genau formulierte Anforderungen und Ziele, bei manchen fehlt eine strenge Kontrolle. Im Allgemeinen decken viele Labels nur einen Teil und nicht die ganze Produktionskette ab.

Zertifikate trotzdem wertvoll

Auch wenn manche Nachhaltigkeitslabels nicht das halten, was sie versprechen, ist es meist trotzdem sinnvoll, ihre Produkte zu kaufen und zu fördern. Alles Übel beseitigen sie sicher nicht, jedoch möchte man gar nicht wissen, wie nicht zertifizierte Produkte hergestellt werden und wie es dort aussieht, wo es kaum Regeln und keine Kontrolle gibt.

Machen Sie sich schlau

Wer sich auf einfache Art und Weise informieren möchte, kann dies auf der Seite Labelinfo.ch von Pusch (Praktischer Umweltschutz Schweiz) tun. Pusch ist unabhängig, gemeinnützig und setzt sich für eine gesunde Umwelt, die nachhaltige Nutzung der Ressourcen sowie vielfältige und artenreiche Lebensräume ein. Auf der Website Labelinfo.ch sind viele Labels aufgelistet und beschrieben. Per Suchfunktion findet man gezielt Informationen zum jeweiligen Nachhaltigkeitslabel.

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Meret Meier ist im Corporate Responsibility Team von Swisscom Expertin für soziale Verantwortung, Jugendmedienschutz und Kommunikation.
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