Aufgewühlt, polarisiert und gespaltenEine Karte zeigt, was wirklich in Deutschland passiert ist
Sven Ziegler
24.2.2025
Ein Wähler am Sonntag in Sachsen: Deutschland zeigt sich tief gespalten.
KEYSTONE
Nach der Bundestagswahl zeigt sich Deutschland gespaltener denn je. Extreme Parteien legen zu. Doch die gesellschaftlichen Gräben sind tief – und reichen von Ost gegen West bis Jung gegen Alt.
Die Bundestagswahl hat ein zerrissenes Bild der deutschen Gesellschaft offenbart. Mit einer Rekordwahlbeteiligung von 83,1 Prozent – der höchsten seit der Wiedervereinigung – gaben die Wählerinnen und Wähler ein klares Signal: Das Land ist politisch aufgewühlt und polarisiert.
Drei Punkte zeigen das besonders deutlich:
Junge wählen extrem
Vor allem die extremen Ränder konnten massiv zulegen. Die AfD verdoppelte ihren Stimmenanteil auf 20,7 Prozent, während Linke und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zusammen 13,6 Prozent erreichten. Damit entfielen insgesamt 34,3 Prozent der Stimmen auf Parteien, die nicht dem politischen Mainstream zuzuordnen sind. Das sind deutlich mehr als bei den letzten Wahlen noch vor drei Jahren
Auch die politische Mitte ist gespalten. Während die Union als stärkste Kraft 28,5 Prozent der Stimmen holte, erreichten SPD und Grüne gemeinsam 28,3 Prozent. Damit stehen sich zwei Blöcke gegenüber, die nun Kompromisse finden müssen, wenn eine stabile Regierung gebildet werden soll.
Ein weiterer Graben verläuft entlang der Generationen. Bei den unter 25-Jährigen dominieren linke Parteien mit 25 Prozent, gefolgt von der AfD mit 21 Prozent. Die ältere Generation hingegen bevorzugt weiterhin traditionelle Parteien: Union (37 Prozent) und SPD (23 Prozent) bleiben hier klar vorn.
Ost gegen West – AfD dominiert im Osten
Wie schon in den vergangenen Jahren zeigt sich eine deutliche Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland. In allen ostdeutschen Flächenländern führt die AfD, in Sachsen sogar mit über 40 Prozent.
Im Westen hingegen konnte die Partei bislang keine Direktmandate erringen – mit einer Ausnahme: In der einstigen SPD-Hochburg Gelsenkirchen erreichte die AfD erstmals über 33 Prozent der Zweitstimmen.
Die Spaltung ist tief. Das zeigt sich direkt an der ehemaligen Grenze zwischen West und Ost besonders deutlich. Während im Landkreis Fulda die CDU 43,3 Prozent auf sich vereinigen konnte und die AfD auf 22,9 Prozent kommt, ist das Bild ein Landkreis weiter östlich ganz anders. Im Landkreis Suhl kommt die CDU nur auf 19,4 Prozent, die AfD hingegen auf 42,1 Prozent. Verkehrte Welt innerhalb weniger Kilometer.
Merz als Schlüsselfigur – Schwarz-Rot als Chance?
Trotz der tiefen Gräben gibt es laut Beobachtern einen Hoffnungsschimmer für eine stabile Regierung: Laut Umfragen bevorzugen 48 Prozent der Deutschen eine Koalition aus CDU/CSU und SPD. Und immerhin 43 Prozent halten Friedrich Merz für einen geeigneten Kanzler – nur Verteidigungsminister Boris Pistorius wird noch höher bewertet.
Sollte Merz es schaffen, Pistorius in eine Regierungskoalition einzubinden, könnte dies der erste Schritt sein, um die gespaltene Gesellschaft wieder näher zusammenzubringen, glauben Experten.