Crans-Montana: Gemeindepräsident tritt nicht zurück
Am Dienstag wird Gemeindepräsident Nicolas Feraud gefragt, ob er zurücktritt. Das verneint er klar.
06.01.2026
Die Gemeinde Crans-Montana wollte nach dem Brand in der Bar «Le Constellation» Transparenz zeigen. Doch widersprüchliche Aussagen und fehlende Entschuldigungen sorgten für Kritik. Eine PR-Expertin ordnet den Medien-Auftritt ein.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Die Gemeinde Crans-Montana wollte mit einer frühen Pressekonferenz Transparenz zeigen, verstrickte sich aber in Widersprüche.
- Aussagen zur eigenen Opferrolle, fehlenden Kontrollen und Verantwortung sorgten für Irritation.
- Eine PR-Expertin erklärt, warum weniger Rechtfertigung und mehr Haltung nötig gewesen wären.
Nach dem verheerenden Brand in der Bar «Le Constellation», bei dem 40 Menschen ums Leben kamen, hat sich die Gemeinde Crans-Montana erstmals öffentlich geäussert. Gemeindepräsident Nicolas Féraud stellte sich an einer Pressekonferenz den Fragen der Medien. Der Auftritt sollte Aufklärung und Transparenz bringen – löste aber neue Irritationen aus.
Denn mehrere Aussagen wirkten widersprüchlich: Einerseits betonte die Gemeinde, Verantwortung übernehmen zu wollen. Andererseits erklärte Féraud, Crans-Montana sei «am meisten geschädigt» und trete im Strafverfahren als Nebenklägerin auf. Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass die Bar seit 2019 nicht mehr kontrolliert worden war.
War es überhaupt richtig, so früh an die Öffentlichkeit zu gehen? Medienexpertin Jenny Wagner von Ferris Bühler Communications sieht darin ein zentrales Dilemma der Krisenkommunikation. «Öffentliches Schweigen kann wie ein Schuldeingeständnis wirken – unvorbereitete Kommunikation ist aber mindestens genauso gefährlich», sagt Wagner. Gerade bei laufenden Ermittlungen könne es sinnvoll sein, zunächst nur sehr zurückhaltend zu kommunizieren.
«Ein kommunikativer Super-GAU»
Im Fall von Crans-Montana sei die Lage jedoch besonders heikel: «Es ist kein abgeschotteter Wirtschaftsskandal, sondern eine öffentliche Tragödie mit Todesopfern. Zu langes Schweigen hätte schnell als Ignoranz gewirkt», erklärt sie. Umso wichtiger sei eine klare Vorbereitung gewesen. Dass der Gemeindepräsident frühere Aussagen – etwa zu angeblich nicht vorhandenen Versäumnissen – nun öffentlich korrigieren musste, habe Vertrauen gekostet.
«Der Botschafter kann sagen, was er will»
Nach dem tödlichen Brand in der Bar Le Constellation mit 40 Todesopfern hat sich die Gemeinde Crans-Montana erstmals öffentlich geäussert.
06.01.2026
Besonders kritisch beurteilt Wagner die Aussage, die Gemeinde sei selbst «am meisten geschädigt». «Das ist ein kommunikativer Super-GAU», sagt sie. Wer in einer solchen Situation das eigene Leid vor jenes der Opfer stelle, wirke unsensibel und egozentrisch. «Damit erreicht man genau das Gegenteil dessen, was Krisenkommunikation leisten soll.»
Stattdessen hätte die Gemeinde klar sagen können: Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen übernehme man Verantwortung für Versäumnisse und entschuldige sich für das Leid der Betroffenen. «Das wäre aus kommunikativer Sicht kein Schuldeingeständnis, sondern ein Zeichen von Haltung.»
«Er wollte Kontrolle gewinnen und verlor dabei Vertrauen und Nähe zur Öffentlichkeit.»
Jenny Wagner
Medienexpertin
Aus Sicht der Expertin lag ein weiteres Problem im starken Fokus auf Rechtfertigung. «In der Krise zählt nicht, wer sich am besten verteidigt, sondern wer glaubwürdig Verantwortung übernimmt», sagt Wagner. Die Betonung, man wolle sich «nur auf Fakten konzentrieren», wirke bei einer Tragödie mit vielen Todesopfern deplatziert. «Es braucht Empathie, Menschlichkeit – und den Mut, Fehler einzugestehen.»
«Keine Übernahme von Verantwortung»
Eine mögliche Formulierung hätte aus ihrer Sicht so lauten können: Man bedaure zutiefst, dass gesetzlich vorgeschriebene Brandschutzkontrollen über Jahre nicht durchgeführt wurden, entschuldige sich dafür und werde die Ursachen lückenlos aufarbeiten. «Das ist keine Selbstbelastung, sondern Führungsstärke.»
Auch die Antwort des Gemeindepräsidenten auf die Frage nach einer Entschuldigung sorgt für Kritik. Féraud sagte lediglich: «Wir sind traurig.» «Das ist eine emotionale Aussage, aber keine Übernahme von Verantwortung», sagt Wagner. Sie lasse offen, worauf sich diese Trauer beziehe – auf die Opfer, auf eigene Versäumnisse oder auf die Kritik.
Niemand erwarte eine Entschuldigung für den Brand selbst, solange die Ursachen nicht geklärt seien. «Aber für das jahrelange Ausbleiben gesetzlich vorgeschriebener Kontrollen trägt die Gemeinde Verantwortung – unabhängig davon, ob dies kausal für das Feuer war.»
Schmaler Grat in der Krisenkommunikation
Aus Sicht von Kommunikationsexpertin Wagner wurde der Gemeindepräsident mit diesen Fehlern zum Opfer seiner eigenen Kommunikation: «Er wollte früh Kontrolle über das Narrativ gewinnen, musste jedoch frühere Aussagen revidieren und verlor dabei Vertrauen und Nähe zur Öffentlichkeit.»
Der Fall zeigt, wie schmal der Grat in der Krisenkommunikation ist. Zu frühes Schweigen kann als Wegducken wirken, zu frühes Reden als unvorbereitet und kalt. «Krisenkommunikation ist keine Imagepflege», sagt Wagner. «Sie ist ein Dienst an der Öffentlichkeit.» Und sie beginne nicht mit perfekten Antworten – sondern mit dem Mut, Verantwortung zu zeigen, auch wenn noch nicht alles geklärt ist.