Sadio Mané – von der Familie abgehauen, um Afrikas Fussballer des Jahres zu werden

Tobias Benz

8.5.2020 - 08:00

Sadio Mané hat mit dem FC Liverpool und Senegal noch grosse Pläne.
Bild: Getty

In einer fünfteiligen Serie blickt «Bluewin» auf aussergewöhnliche Tellerwäscher-Karrieren von heutigen Fussball-Stars. Teil 5: Sadio Mané.
Im Januar wurde der Senegalese zu Afrikas Fussballer des Jahres gewählt. Es ist der bisherige Höhepunkt einer beeindruckenden Karriere, die einst mit kaputten Schuhen auf den Strassen Senegals begann.

Sadio Mané wächst in Bambali, einem kleinen Dorf im Süden Senegals, auf. Obwohl er aus einer sehr religiösen Familie kommt, dreht sich das Leben des kleinen Jungen schon von früh auf nur um Fussball. Das Kicken erlernt er auf einem staubigen Platz in Bambali – weit entfernt von der grossen Fussballbühne Europas.

«Manchmal haben wir Grapefruits gepflückt, um damit zu spielen», erklärt Mané in der Dokumentation «Made in Senegal». «Es war nicht einfach. Das Leben dort war hart.» Von klein auf hilft Mané seinem Onkel bei der Arbeit auf den Feldern. Schon bald verspricht er ihm, dass er irgendwann dafür sorgen wird, dass er nicht mehr früh aufstehen und auf die Felder gehen muss. 

Niemand aus seiner Familie glaubt ihm. Und niemand will, dass er die Schule und die Feldarbeit für seinen Fussballtraum aufgibt. Aber Mané ist überzeugt davon, dass er gut genug ist. «Wo ich geboren bin, bedeutet es, alles dafür opfern zu müssen, um Fussballer zu werden», sagt der mittlerweile 28-Jährige.

Bambali ist ein kleines Dorf im Süden Senegals.
Bild: Rakuten TV

Die Flucht von Bambali nach Dakar

Und genau das tut er. Ausser seinem besten Freund sagt er niemandem Bescheid, als er eines Morgens den Bus in Richtung Hauptstadt besteigt. Weil er keinen Ausweis hat, überquert er auf dem Weg nach Dakar die Grenze nach Gambia mit seinen Schulpapieren. Und er schafft es. 

In Dakar tritt er der Fussballakademie «Generation Foot» bei. Zu Beginn wird er aber nur belächelt. «Ich werde das nie vergessen. Als ich damals am Probetraining teilnehmen wollte, schaute mich ein älterer Mann an und fragte mich: ‹Bist du hier für den Test?› Ich sagte: ‹Ja.› Er fragte mich: ‹Mit diesen Schuhen? Schau sie dir doch mal an, wie kannst du überhaupt damit spielen? Und diese Hosen. Hast du keine richtigen Fussballhosen?›»

«Ich habe ihm gesagt, dass ich meine besten Sachen mitgebracht hätte und ich einfach spielen wolle», so Mané weiter. «Als ich dann auf dem Platz stand, war er sehr überrascht. In meinem ersten Spiel habe ich vier Tore erzielt. Er kam danach zu mir und sagte: ‹Dich nehme ich sofort! Du spielst in meiner Mannschaft.› So bin ich in die Akademie gekommen.»

FC Metz – die Chance in Europa

Bei «Generation Foot» trifft Mané auf Oliver Perrin, einen Talentscout des französischen FC Metz. Perrin ist von Beginn weg begeistert vom jungen Angreifer. «Eines Tages ging ich zu einem Spiel in Senegal. Als ich ankam, fing er einen Ball am Elfmeterpunkt ab und rannte damit über das ganze Feld, bis er den entscheidenden Pass zum Torschützen spielte. Es sah fast aus wie in einem Videospiel. Es war nicht normal.»

Im Stade Saint-Symphorien schaffte Sadio Mané den Durchbruch in Europa.
Bild: Getty

Sechs Monate später wechselte Mané nach Frankreich. Zu Beginn mühte er sich aber mit einer schweren Verletzung ab und fand nur langsam den Tritt. Nach einer Operation kam er aber wieder zurück und trotzte den ungewohnten Bedingungen, dem fremden Land und der bitteren Kälte.  

In Metz bleibt sein Talent nicht unerkannt – bereits ein Jahr nach seiner Ankunft überweist Red Bull Salzburg vier Millionen Euro für die Dienste des blitzschnellen Angreifers. In Österreich verweilt der Senegalese zwei Jahre lang, dann will sich Dortmund-Trainer Jürgen Klopp mit ihm treffen. «Ich war total begeistert. Ich konnte es nicht fassen, dass er glaubte, dass ich seiner Mannschaft helfen konnte. Sie waren so gut – ich habe mir alle ihre Spiele angeschaut», schwärmt Mané.

Klopp und Mané: Liebe auf den zweiten Blick

Aber Klopp will den Senegalesen nicht. «Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit Sadio. Das war in Dortmund», so der Ex-Coach des BVB. «An dem Tag sass ein ganz, ganz junger Kerl da. Die Baseballkappe auf halb acht, dazu seine blonde Strähne. Kam mir vor wie so’n Rapper im Anfangsstadium. Da sagte ich: ‹Gut, dafür hab ich echt keine Zeit›», erinnert sich der 52-Jährige, der den Entscheid sehr schnell bereut. «Ich würde sagen, ich habe ein gutes Gespür für Menschen, aber an dem Tag lag ich total daneben.»

Die beiden finden aber trotzdem zusammen. Über Salzburg führt Manés Karriere zu Southampton und dann zu Jürgen Klopp nach Liverpool. Unter der Obhut des deutschen Trainers blüht der wirblige Angreifer so richtig auf. Zusammen gewinnen sie 2019 die Champions League, den Super Cup und die Klub-Weltmeisterschaft. Im Januar 2020 wird Mané zu Afrikas Fussballer des Jahres gewählt. Die Flucht als Jugendlicher aus dem eigenen Dorf hat sich gelohnt.

Mit Senegal erreicht Sadio Mané 2019 das Finale des Africa Cup of Nations – unterliegt aber 0:1 gegen Algerien.
Bild: Keystone

Und Mané hat nicht vergessen, woher er kommt. Aktuell lässt er in Bambali eine Schule und ein Krankenhaus bauen und besucht seine alte Heimat regelmässig. Für seine Familie hat er in Dakar ein Haus bauen lassen, das er ebenfalls häufig besucht. 

Noch ist Mané aber nicht am Ziel seiner Träume angelangt. Er will unbedingt mit Senegal den Africa Cup of Nations gewinnen und auch mit Liverpool gibt es noch einige Titel, die er gerne hätte. «Ich will die Premier League gewinnen. Und die Champions League nochmals. Und nochmal. Und nochmal.»

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