Unfallvideo löst Skiboom aus – auf den Pisten im georgischen Gudauri

Florian Sanktjohanser, dpa

1.11.2019 - 17:32

Schlagzeilen hat Gudauri, das grösste Skigebiet Georgiens, mit einem Liftunfall gemacht. Doch das Unglück hat dem Skiboom im Kaukasus nicht geschadet –  im Gegenteil.

Gudauris Weltruhm begann mit einem Horrorvideo. Auf verwackelten Aufnahmen sieht man einen Sessellift rückwärts rasen, Skifahrer und Snowboarder werden durch die Luft geschleudert.

Das Video ging im März 2018 viral, Millionen Menschen sahen es sich im Internet an. Eine Katastrophe für das Skigebiet in Georgien – am Ende aber auch ein Glücksfall.

«Mit einem Schlag wussten die Leute auf der ganzen Welt, dass man in Georgien Skifahren kann», sagt George Gotsiridze. «Im Nachhinein war es gutes Marketing. Aber nur, weil niemand starb.» Was ein grosses Glück war, wenn man sich die Aufnahmen ansieht.

Gotsiridze ist Geograf, er berät die Regierung des kleinen Kaukasuslandes beim Ausbau seiner Skigebiete. «Natürlich stornierten in den Wochen nach dem Liftunfall viele Gäste ihre Ferien», erzählt er. «Aber diesen Winter kommen sogar 30 Prozent mehr Gäste als in der Vorsaison.» Seit 2011 sei die Gästezahl gar um 578 Prozent gestiegen.

Weisse Kämme und ein Wolkenmeer

Dennoch: Im Vergleich zu den Riesenskigebieten der Alpen sind die Pisten Gudauris immer noch leer, vor allem morgens. Wenn um 10 Uhr die Lifte anlaufen, carvt man ungestört über breite Hänge.

Weisse Kämme und ein Wolkenmeer statt überall Lifte und überfüllte Skipisten.
Bild: Getty Images

Aus den Skibars wummern schon die Bässe gegeneinander an, Paraglider segeln über die Köpfe hinweg. Und mit jedem Lift, den man hinauf fährt, wird die Aussicht erhabener: über angezuckerte Bergwälder, weisse Kämme und ein Wolkenmeer bis zum weit am Horizont gezogenen Bogen des Kaukasus.

«In den Alpen wären hier überall Skigebiete», sagt Sven Fölser. Der österreichische Bergführer kommt seit 2012 jeden Winter für mehrere Wochen nach Gudauri. Seine Kunden – überwiegend erfahrene Skifahrer und Snowboarder aus der Heimat – buchen den 44-Jährigen, damit er ihnen die Tiefschneehänge zeigt. «Die Umgebung ist hochalpin wie in der Schweiz, und die Möglichkeiten sind der Wahnsinn», sagt Fölser. «Wenn man nur ein wenig geht, entdeckt man immer wieder neue Routen.»

Er sass damals auf dem Unglückslift

Fölser sass damals mit im Horrorlift. «Jetzt lachen wir darüber», sagt er. «Aber das war wirklich ungut.» Experten haben ermittelt, wie es zu dem Desaster kam:

Zuerst fiel der Strom aus, dann machte ein Mitarbeiter beim Umschalten auf den Generator einen Fehler.

Ein Jahr später ist der Vierer-Sessellift längst repariert. An der Bergstation rutscht man hinaus auf das Gipfelplateau des Sadzele West in 3276 Metern Höhe. Hier beginnen die einzigen schwarzen Pisten Gudauris. Nun, da sich das Skigebiet langsam füllt, fährt man sie besser umsichtig. Denn viele Wintersportler hier sind eher Anfänger. Oder sie pflegen einen unorthodoxen Freistil. Bremsen ist da nicht immer vorgesehen.

Tiefschneehänge statt Ski-Autobahnen

Die meisten Westeuropäer, die nach Georgien fliegen, kommen aber ohnehin nicht für die planierten Ski-Autobahnen. Ihnen geht es um die weiten Hänge ringsum – oberhalb der Baumgrenze und sehr verlockend, meist mit mehrere Meter hohem, unberührtem Schnee bedeckt. Schon zu Sowjetzeiten reisten Deutsche, Österreicher und Schweizer an, um mit russischen Helikoptern zu den Tiefschneehängen zu fliegen.



Zuvor war Gudauri lange nur eine Poststation in rund 2200 Meter Höhe, wo die Kutscher ihre Pferde wechselten. Mitte der 1980er Jahre baute ein Joint Venture mit einem österreichischen Investor die ersten Lifte und das «Marco Polo Hotel», heute ein Vier-Sterne-Klotz mit Hunderten Betten und Pool.

Um diese Keimzelle ist seitdem ein architektonischer Wildwuchs gewuchert: Entlang der Strasse in Richtung Russland sind Betonkästen und alte Häuser hingewürfelt, dazwischen ragen die Stahlmasten der Hochspannungsleitung auf.

Glühwein, Käsefladen und ein bunter Gästemix

Die meisten Gäste setzen sich tagsüber vor die Holzbuden, die Glühwein, Bier und Chatschapuri verkaufen, georgische Käsefladen. An den Tischen sitzen Litauer und Esten, Ukrainer, Polen und Briten. Vor allem aber viele Russen.

Chatschapuri ist eine Spezialität der georgischen Küche: ein überbackenes Käsebrot, das meist für den kleinen Hunger gegessen wird.
Bild: Getty Images

Zur Grenze im Norden fährt man nur eine Stunde, hinter dem nächsten Bergkamm im Süden beginnt die abtrünnige Region Südossetien, die Russland seit dem Kaukasuskrieg von 2008 kontrolliert. Die Spannungen zwischen den Ländern stören die russischen Gäste aber offenbar nicht.

Der Gästemix in Gudauri ist bunt. Im Lift erzählen zwei Däninnen, dass sie in Dubai leben und regelmässig zum Skifahren nach Georgien kommen. «Wir fliegen direkt in drei Stunden nach Tiflis», sagen sie. Für europäische Fachkräfte, die in den Golfstaaten arbeiten, ist der Kaukasus viel näher als die Alpen – und billiger.

Neue Lifte und Pisten zum Jubiläum

Mit den vielen neuen Gästen sind allerdings die Schlangen vor den Liften gewachsen. Zum 30-Jahres-Jubiläum im vergangenen Winter bekam Gudauri deshalb neue Pisten und Lifte spendiert. 81 Millionen Lari investierte der Staat, umgerechnet rund 25 Millionen Euro.



Im Januar lief die Seilbahn auf den Kobi Pass an, in Zehnergondeln surrt man jetzt in einer Viertelstunde die 7,5 Kilometer hinauf zur Passhöhe – und zum Start der schönsten Abfahrt des Resorts. Mit Blick auf den Kasbek kurvt man das breite, sanft abfallende Hochtal auf der anderen Seite hinab, umgeben von steilen Hängen. Ein Genuss, finden die meisten. «Ein Freeride-Hang weniger», grantelt Sven Fölser.

Einen weiteren Ausbau des Gebiets planen die Bergbahnen derzeit nicht. Die Pisten seien ausreichend für 15'000 Wintersportler pro Tag, sagt Aleksander Kikabidze, der Chef der Bergbahnen. Und wenn sie irgendwann nicht mehr ausreichen, kann er rasch reagieren. «Alle Berge hier sind Vulkane», erklärt Kikabidze – also gleichmässige Hänge. «Wir können die Pisten einfach breiter walzen.»

Sven Fölsers Gäste dürften das nicht gerne hören.

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