«Freifahrtschein» fürs Weisse Haus Trumps Ex-Berater Bolton warnt Europa vor «riesigem Fehler»

Philipp Dahm

2.4.2025

Wegen Russland und Trump: EU will bis 2030 massiv aufrüsten

Wegen Russland und Trump: EU will bis 2030 massiv aufrüsten

Brüssel, 20.03.25: Massive Aufrüstung geplant: Die Staats- und Regierungschefs der EU beschliessen, Europas Verteidigungsbereitschaft in den nächsten fünf Jahren deutlich zu stärken. Geplant sind EU-Kredite in Höhe von 150 Milliarden Euro, gelockerte Vorschriften für die Rüstungsindustrie und eine engere militärische Unterstützung für die Ukraine. Hintergrund ist die Einschätzung, dass sich Europa auf einen möglichen Krieg mit Russland vorbereiten muss. Als möglicher Zeitraum dafür wird das Jahr 2030 genannt. Gleichzeitig betont die EU ihre enge Verbindung zur NATO – obwohl Trump angekündigt hat, dass die USA künftig nicht mehr bedingungslos als Garant für Frieden in Europa zur Verfügung zur stehen wird.

21.03.2025

In Portugal, Dänemark und Deutschland äussern sich Politiker kritisch zu Donald Trump – und fordern mehr Unabhängigkeit von den USA. Damit könnten sie dem Weissen Haus in die Karten spielen, warnt John Bolton.

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Donald Trumps Politikwechsel belastet die US-Beziehung zu Europa.
  • Stimmen in Portugal, Dänemark und Deutschland gehen nun auch auf Distanz – und fordern mehr europäische Eigenständigkeit.
  • Trumps früherer Berater und heutiger Kritiker John Bolton sagt, warum das gefährlich sein könnte.
  • Zu spät? Medien und Denkfabriken beschäftigen sich bereits mit dem Rückzug der USA aus der Nato und Europa.

Europa ist empört. Donald Trumps Handelspolitik, sein Kurs gegenüber Kiew und seine bisher sehr freundliche Beziehung zu Wladimir Putin stossen vielen sauer auf.

Hinzu kommt die offene Unterstützung rechter Parteien wie in Grossbritannien und Deutschland sowie die Aussicht, dass Washington dem alten Kontinent seinen Kulturkampf aufdrücken will.

Der Widerstand dagegen zeigt sich in unseren Breiten an unterschiedlichen Fronten: Einerseits boykottieren Bürgerinnen und Bürger US-Produkte, andererseits bricht sich Protest in brennenden Tesla-Filialen Bahn.

Und dann ist da noch die Politik, die laut darüber nachdenkt, ob Uncle Sam und die alte Europa nicht vielleicht mal eine Beziehungspause einlegen sollten.

F-35-Kauf: «Ich bereue meine Entscheidung»

Zumindest in Teilen: «Die Welt hat sich bereits verändert,» sagt mit Blick auf Trump etwa Portugals Verteidigungsminister Nuno Melo – und nimmt von einem angedachten F-35-Kauf Abstand.

«Als einer der Entscheidungsträger hinter Dänemarks F-35-Kauf bereue ich meine Entscheidung.»

Rasmus Jarlov

Dänischer Parlamentarier

Noch weiter geht Rasmus Jarlov, der Vorsitzende des dänischen Verteidigungsausschusses. «Der Kauf amerikanischer Waffen ist ein Sicherheitsrisiko, das wir nicht eingehen können», begründet Jarlov auf X seine Aussage.

Hintergrund ist Washingtons Druck auf Kanada und Dänemark mit Grönland. Der 47-Jährige ergänzt: «Ich rate unseren Verbündeten und Freunden, dasselbe zu tun.»

CNN, "Can you envision a scenario where American and Danish forces somehow come face to face over Greenland?" Danish MP Rasmus Jarlov, "I certainly hope not but that's up to the American government" "We're not going to back down" "We're not going to hand over Greenland"

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— Farrukh (@implausibleblog.bsky.social) 29. März 2025 um 10:24

«Es ist eine Sache der gesamten westlichen Allianz», warnt der Däne später bei CNN. «Niemand will mit einem Land verbündet sein, das Teile von dessen Territorien annektiert. Wir haben die USA gerne die Welt anführen lassen, aber dann man muss sich benehmen.»

Streben nach mehr Unabhängigkeit 

Auch aus Deutschland zeigt sich Widerwillen. Kurz nach dem Sieg seiner CDU bei der Bundestagswahl kündigt der kommende Kanzler Friedrich Merz einen Kurswechsel in Berlin an. «Oberste Priorität» seiner künftigen Regierung werde ein Europa sein, das von den USA unabhängiger sei.

«Diese Regierung schert sich nicht viel um das Schicksal Europas», klagt Merz. Auch deshalb rufen Denkfabriken, aber auch der Präsident der Ukraine oder Spaniens Premier dazu auf, eine europäische Armee ins Leben zu rufen, damit Trump ihnen keine Steine in den Weg legen kann.

Doch möglicherweise spielen jene Politiker Donald Trump in die Karten. Davor warnt John Bolton, der einst der Berater des US-Präsidenten war, sich heute aber als scharfer konservativer Kritiker des 78-Jährigen profiliert. Reaktionen wie die des Dänen Jarlov seien «keine vernünftige Antwort».

Bolton: «Europa muss vorsichtig sein»

«Ich denke, Europa muss hier vorsichtig sein», begründet Bolton bei «Sky News» seine Haltung. «Diese Art von Rhetorik gibt Donald Trump einen Freifahrtschein, um aus der Nato auszutreten. Das ist ein riesiger Fehler.» Er wolle den US-Präsidenten damit nicht verteidigen, doch die Alliierten müssten aufpassen, wenn sie alles nicht noch schlimmer machen wollten.

Bolton weiss natürlich auch, dass der Chat-Skandal den transatlantischen Riss vertieft: US-Kabinettsmitglieder haben sich darin wenig freundlich über Europa geäussert. «Das überrascht mich nicht», sagt der 76-Jährige der «Deutschen Welle» und wiederholt: «Wir müssen sehr vorsichtig sein.»

Im Kalten Krieg sei es ein Hauptziel der Sowjetunion gewesen, das westliche Bündnis zu zerbrechen, so Bolton: «Wir sind kurz davor, das selbst zu tun. Trump richtet ohne Zweifel Schäden an. Es gibt keine Zweifel, dass er weiter Schäden anrichten wird. Aber wenn Europa überreagiert – und ich befürchtet, das ist zum Teil schon geschehen –, gibt das Trump [einen Vorwand], sich aus Europa zurückzuziehen.»

«Atmen Sie tief durch»

Man müsse über Donald Trumps Amtszeit hinausdenken und die Schäden minimieren, fordert Bolton. Andernfalls müsse Europa Unsummen investieren, um militärisch nachzurüsten, während Russland wenige Jahre nach einer Ukraine-Waffenruhe parat für einen neuen Krieg sein könnte.

John Bolton (rechts) mit Donald Trump beim Nato-Gipfel im Juli 2018 in Brüssel.
John Bolton (rechts) mit Donald Trump beim Nato-Gipfel im Juli 2018 in Brüssel.
Bild: Keystone

«Es ist unerfreulich, was wir durchmachen», räumt der Amerikaner ein. «Ich verstehe die Reaktionen der europäischen Länder. Alles, was ich sagen kann: Atmen Sie tief durch. Lasst uns aufhören, darüber öffentlich zu reden. Lasst uns hinter verschlossenen Türen reden. Trump wird öffentlich darüber reden: Schalten Sie die Lautstärke am TV runter, wenn er kommt. Und lasst uns einen Weg finden, das durchzustehen.»

Oder ist es schon zu spät?

«Trump verlässt die Nato vielleicht nicht, aber er höhlt sie bereits aus», beobachtet die «New York Times». Gleichzeitig kommentiert der britische Guardian: «Europa braucht Trump nicht, um eine westliche Allianz bilden.» Und sowohl die EU-Denkfabrik EUISS als auch die libertäre Denkfabrik Cato Institute malen sich bereits aus, wie ein Abzug der Amerikaner aussehen könnte.

US-Truppen in Europa.
US-Truppen in Europa.
EUISS

Von den rund 100'000 US-Soldaten würden als Erstes jene 20'000 zurückgeholt, die nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges vor drei Jahren versetzt worden sind, schreibt Cato. Die Europäer müssten aufrüsten. Da stimmt auch EUISS zu: «Es wird Zeit brauchen und nicht einfach sein. Aber es muss getan werden.»


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